Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Havelland Rätselraten um tödlichen Schuss im Maisfeld
Lokales Havelland Rätselraten um tödlichen Schuss im Maisfeld
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:44 16.01.2017
Die Polizei untersuchte den Tatort noch in der Unfallnacht. Quelle: Archiv
Nauen

Nur zwei Freunde, die nach der Arbeit gemeinsam bei einem Bier abschalten wollten, fern ab von Arbeitskollegen und Alltagsstress. Am 9. September 2015 spazierten der damals 31-jährige Norman G. und seine Begleiterin Katarzyna K. vorbei an der Tietzower Champignonaufzucht, in der beide beschäftigt waren. An einem nahe gelegenen Feld wollten sie auf einer Picknickdecke den Abend zusammen verbringen. Sie lernten sich bei der Arbeit kennen und verstanden sich gut. Ein Liebespaar waren sie jedoch nicht. Nachdem sie bereits eine Stunde dort gesessen hatten, nahmen sie ein herannahendes Auto wahr, machten dem Fahrzeug noch Platz – dann geschah das Unfassbare. Jäger Alexander R. – fest in der Annahme auf ein Wildschwein zu schießen – feuerte einen Schuss auf die beiden Freunde ab. Die Kugel traf zuerst Norman G. im Oberkörper und blieb dann im Arm seiner polnischen Begleiterin stecken. Norman G. erlag noch am Unfallort seiner schweren Verletzung. Katarzyna K. musste noch in der Nacht notoperiert werden.

Prozessauftakt in Nauen

Am Montag wurde diese tragische Verwechslung vor dem Nauener Amtsgericht verhandelt. Jäger Alexander R. musste sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten.

Der angeklagte Alexander R. im Gerichtssaal. Quelle: Laura Sander

Nur vier Wochen vor dem angesetzten Gerichtstermin sei der Todesschütze tätlich angegriffen und misshandelt worden. Zwei seiner Peiniger sollen am Montag neben Freunden, Bekannten und Fußballkumpels von Norman G. ebenfalls als Zuhörer im übervollen Nauener Gerichtssaal gesessen haben. Aus diesem Grund verlas sein Anwalt eine umfassende Erklärung und ein Schuldeingeständnis. Fragen wolle der Jäger erst im Laufe des zweiten Verhandlungstages beantworten, der für kommenden Montag angesetzt ist.

Ein ganz normaler Tag

Am Tag des schrecklichen Unglücks sei der Angeklagte wie immer pünktlich aufgestanden, habe seine Kinder für Schule und Kita fertig gemacht und sei dann zur Arbeit gefahren. Am Nachmittag hätte er seine Tochter noch zum Reitunterricht nach Brieselang gebracht und sich gegen 19 Uhr auf den Weg in das Jagdgebiet bei Tietzow gemacht, wo er seit Juni bereits zehn Stück Wild geschossen hatte. „Mein Mandant hat sich zuvor bei dem zuständigen Jagdpächter angemeldet. Er kannte das Gebiet und ging dort regelmäßig auf die Jagd, seit er im Juni seinen Jagdschein gemacht hatte“, so sein Verteidiger. Alexander R. waren im Umkreis viele Wildwechsel bekannt.

Die schreckliche Verwechslung

Er stellte sein Auto ab und ging in der einsetzenden Dämmerung entlang des Waldweges in Richtung eines Hochsitzes, als er, laut seiner Aussage, ein Rascheln vernahm und in etwa 100 Metern Entfernung mit seinem Fernglas eine Wildsau ausmachte. „Ich erkannte deutlich Schnauze und Ohren. Sie kam vorsichtig aus dem Maisfeld und blieb stehen.“ Dann legte der Jäger seine Langwaffe an, stellte sein Zielfernrohr auf Vergrößerung ein und drückte ab. Der erste und einzige Schuss an diesem klaren, windstillen Abend traf jedoch nicht etwa die vermeintliche Wildsau, sondern etwa 20 Meter weiter vorne Fußballer Norman G. und seine Begleiterin, die laut aufschrie, als sie den Knall hörte, Norman G. plötzlich zusammensackte und zur Seite fiel. „Da war ein Wildschwein. Dass dort Menschen saßen, habe ich nicht gesehen – es tut mir schrecklich leid, vor allem, weil ich es nicht ungeschehen machen kann“, hieß es in der Erklärung des Jägers, der die Verhandlung mit gesenktem Blick verfolgte.

In der Nähe dieser Strohmiete parkte Alexander G. sein Auto. Quelle: Archiv

„Wir hatten das Auto gesehen und zogen mit unserer Decke ein Stück weiter an den Rand. Wir saßen genau auf dem Waldweg und wollten dem Auto Platz machen“, sagte Katarzyna K. mit zitternder Stimme. Bis zum Picknickplatz der Freunde kam das Auto jedoch gar nicht, sondern hielt weiter vorne an. Einige Minuten später lag Norman G. schwer atmend und mit einer todbringenden Verletzung neben seiner Freundin. „Ich wusste nicht, was passiert war und hatte Angst, dass auch mich gleich jemand erschießt. Der Jäger kam zu uns gelaufen und fragte, was passiert sei“, sagte Katarzyna K. aus. Als er die Situation verstand, verständigte der Angeklagte sofort den Rettungsdienst, der nach Schätzungen der Zeugin etwa eine halbe Stunde später am Tatort eintraf. „Ich habe den Jäger angefleht, Norman zu helfen, aber er machte nichts und sagte nur, er müsse dem Rettungswagen entgegenfahren.“

Schlaftabletten und psychologische Behandlung

Zu diesem Zeitpunkt bemerkte die junge Frau nicht, dass auch sie verletzt war. Die Kugel, die zuvor den Oberkörper von Norman G. durchstoßen hatte, zertrümmerte der Polin den linken Oberarmknochen und blieb stecken. Zwei Notoperationen später kann Katarzyna K. den Arm immer noch nicht voll belasten, ist wegen der Ereignisse in psychologischer Behandlung und nimmt jeden Tag Schlaftabletten, um nicht von ihren Alpträumen aus dem Schlaf gerissen zu werden.

Der Saal im Nauener Amtsgericht platzt aus allen Nähten. Quelle: Laura Sander

„Er ist ein mittelmäßiger Schütze“

Laut seines Schießausbilders, der Alexander R. seit 2008 kennt, sei der 33-jährige Jäger ein mittelmäßiger Schütze, wenn auch sicher und umsichtig im Umgang mit seinen Waffen. Ob der Angeklagte an diesem Tag tatsächlich ein Wildschwein gesehen hat, sein Blick durch das auf Zoom eingestellte Zielfernrohr getrübt war und er die Freunde deswegen nicht wahrgenommen hat, sein Blick anderweitig versperrt gewesen ist oder ob der Jäger blindlings ins raschelnde Feld geschossen hat, konnte am ersten Verhandlungstag nicht aufgeklärt werden.

„Das Gras war etwas höher, trotzdem hätte man uns noch problemlos erkennen müssen – wir saßen ganz aufrecht. Außerdem war es noch nicht dunkel und die Sicht war gut“, so die 25-jährige Polin, die für die Verhandlung extra nach Nauen gereist war. „Wir haben uns auf der Arbeit kennengelernt und waren befreundet. An diesem Abend haben wir lange geredet und leise Musik gehört – hätte ich gewusst, wie der Abend enden würde...“, setzte die junge Frau an und brach zum wiederholten Male in Tränen aus.

Von Laura Sander

In einer Woche beginnt wieder der Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Zum zehnten Mal ist Rathenow Gastgeber des Regionalausscheids. 2015 nahm auch die Musikschülerin der Kreismusikschule, Elisa Kostka, in der Kategorie „Musical“ an dem Wettbewerb teil und schaffte es bis in den Wettbewerb auf Bundesebene. Die junge Frau hat einen Traum.

16.01.2017

Einer der tragischsten Jagdunfälle Brandenburgs wird ab heute vor Gericht verhandelt. Ein 31-jähriger Jäger feuerte im September 2015 auf einem Maisfeld bei Nauen (Havelland) einen Schuss ab. Im Feld tummelte sich aber kein Wildschwein, sondern ein Liebespaar. Die Kugel tötete den Mann. Dem Jäger droht nun eine lange Haftstrafe.

16.01.2017

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Anreise, Übernachtung, Verpflegung oder Tagungssorte - dies alles gilt es in den kommenden drei Monaten vorzubereiten. Denn schon vom 20. bis 23. April werden rund 160 Delegierte zur regionalen Auswahlkonferenz des Europäischen Jugendparlaments (EJP) nach Nauen kommen.

16.01.2017