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Rathenow Auf Irrwegen nach Moskau
Lokales Havelland Rathenow Auf Irrwegen nach Moskau
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16:08 21.06.2018
Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen: Jürgen Scharein (re.) aus Rathenow mit seinem Bekannten Michael Grieger beim Fußballgucken in  einer Moskauer Gaststätte.
Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen: Jürgen Scharein (re.) aus Rathenow mit seinem Bekannten Michael Grieger beim Fußballgucken in einer Moskauer Gaststätte. Quelle: Privat
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Rathenow

Wenn man das Foto betrachtet, dann sieht man zwei entspannte Männer, die mit sichtlicher Freude an einer Fußball-WM-Party teilnehmen. Wenn man allerdings die Vorgeschichte zu diesem Foto kennt, dann fragt man sich, wie die beiden es geschafft haben, sich diesen heiteren Gemütszustand zu bewahren.

Einer der beiden ist der Rathenower Jürgen Scharein. Das Foto wurde am letzten Wochenende aufgenommen in einer Moskauer Kneipe. Dass Jürgen Scharein und sein Bekannter Michael Grieger dort landeten, ist das glückliche Ende einer unglaublichen Geschichte.

Lust auf einen Moskau-Trip

Die begann vor ein paar Wochen, als Grieger, der in Frankfurt am Main lebt, seinen Rathenower Bekannten fragte, ob er Lust habe, mit ihm und Jürgen Schareins Schwager Detlef Göhner nach Moskau zu reisen, um das erste WM-Spiel der deutschen Mannschaft anzuschauen. Zwar ist Scharein kein glühender Fußball-Fan. Aber die WM verfolgt er schon. Und vor allem reist er leidenschaftlich gerne. Moskau fehlt ihm noch auf der Liste. Also sagte er zu, sein Schwager auch.

>>Themenspecial: So läuft die WM in der Region

Michael Grieger besorgte die Flugtickets und beantragte die Visa. Diese wurden ihm am 7. Juni von der russischen Botschaft zugestellt. Per Hermes-Versand schickte er zwei Visa weiter ins Havelland (Detlef Göhner lebt in Hohennauen). Am 8. Juni teilte Hermes mit, dass die Sendung am 11. Juni zwischen 13.30 und 17.30 Uhr eintreffen werde. Scharein hielt sich bereit und wartete – vergeblich. Noch bestand kein Grund, nervös zu werden: Der Abflug nach Moskau sollte am 15. Juni um 14.10 Uhr erfolgen.

Trotzdem stellte Scharein Erkundungen an, um zu erfahren, wo denn die Sendung verblieben sei. Und wurde vertröstet. Er solle sich keine Sorgen machen, so die Mitteilung an der Hermes-Hotline. Das Paket werde schon noch rechtzeitig zugestellt.

Eine Abfolge von Telefonaten und Vertröstungen

Die kommenden Tage waren ein Abfolge unzähliger Telefonate mit dem Versanddienst. Scharein zeigt eine lange Liste mit Telefonnummern, die er angerufen hat. Irgendwann hat er aufgehört, die Anrufe zu protokollieren. Erfolg hatte die Telefoniererei nicht: Die Tickets blieben verschollen.

Am Donnerstag, einen Tag vor dem Abflug, riet ihm ein Hermes-Mitarbeiter, bei einem Verteilzentrum in Werder nachzufragen. Vielleicht sei die Sendung dort hängen geblieben. Scharein und sein Schwager setzten sich kurzerhand ins Auto, fuhren zu der angegebenen Adresse und stellten dort fest, dass das Verteilzentrum bereits vor Monaten geschlossen worden war. Immer noch setzte das Hermes-Team auf Beruhigung. Die Sendung werde am Freitag bis 9 Uhr ausgeliefert.

Das war – man ahnt es schon – nicht der Fall. Als am Freitag bis 10 Uhr kein Bote vorgefahren war, verabschiedeten sich die beiden Männer von ihrem Moskau-Plan. Die 800 Euro für die beiden Flugtickets waren damit futsch. Dass der Bote mit den Visa um 14.20 Uhr vor der Tür stand, änderte nichts mehr. Da war der Flieger schon in der Luft.

Kurzerhand neues Ticket bestellt

Während der Schwager die Nase voll hatte von dem Moskau-Plan, revidierte Scharein nach einer schlaflosen Nacht am Samstag, den 16. Juni, seine Entscheidung. Das Moskau-Abenteuer wollte er sich nicht entgehen lassen. Die Wohnung eines Bekannten war reserviert, die Zeit hatte er auch. Also buchte er morgens um 6 Uhr ein Ticket in die russische Hauptstadt. Vom Flug-Anbieter erhielt er eine Eingangsbestätigung seiner Buchungsmail. Die offizielle Buchungs-Bestätigung wartete er nicht ab, um rechtzeitig zum Start des Fliegers (12.10 Uhr) in Schönefeld zu sein.

Dort lauerte die nächste böse Überraschung: Als Scharein am Schalter der Aeroflot sein reserviertes Tickert abholen wollte, war dort nichts von einer Reservierung bekannt. Eine Nachfrage beim Anbieter ergab, dass dieser Scharein in der offiziellen Mail mitgeteilt hatte, dass die Reservierung des Flugs nicht geklappt habe.

Genosse Zufall war zur Stelle

In dieser aussichtslosen Situation trat Genosse Zufall auf den Plan. Genosse glücklicher Zufall, um genau zu sein. Ein Mann am Aeroflot-Schalter, der mit demselben Flieger nach Moskau wollte, hatte seinen Pass vergessen und musste seinen Flug verschieben. Der frei gewordene Platz wurde unbürokratisch auf Jürgen Scharein umgebucht. Um 15.45 Uhr landete der Rathenower auf dem Flugplatz Scheremetjewo in Moskau.

WM-Fan Jürgen Scharein posiert mit dem Rathenower Stadtwappen für ein Erinnerungsfoto Quelle: privat

„Ende gut, alles gut“, könnte man meinen. Von wegen. Am Nachmittag des Deutschland-Spiels fanden sich die beiden Fans – Michael Grieger war aus Frankfurt gekommen – an der vereinbarten Stelle vor dem Luschniki-Stadion ein. Hier sollten ihnen die Tickets für die Partie Deutschland – Mexiko übergeben werden, die ein Geschäftspartner Griegers besorgt hatte. Der allerdings tauchte an jenem Sonntag nie auf. Immerhin hatten die Männer die Tickets noch nicht bezahlt.

Tolle Stimmung auf der Fanmeile

Eine Stunde vor Anpfiff des Spiels entschloss sich das Duo – was blieb ihm auch übrig – nicht länger zu warten. Und begab sich auf das Gelände der Lomossow-Universität, um das Spiel auf der dortigen Fanmeile zu verfolgen.

Schließlich verfolge Jürgen Scharein das WM-Spiel auf der Fan-Meile vor der Lomossow-Universität. Quelle: privat

„Es war fantastisch“, sagt Scharein. „Wir haben mit Menschen aus den verschiedensten Ländern eine tolle Party gefeiert.“ Die Stimmung sei überwältigend gewesen, trotz der Niederlage der deutschen Mannschaft.

Am Montag dann flog Scharein zurück nach Deutschland. Und wie bewertet er das Moskau-Abenteuer aus der Rücksicht? Er fasst die Antwort in einem Satz zusammen: „Ich habe es nicht bereut.“ Sein Bekannter wird bei Hermes den entstandenen Schaden reklamieren. „Da muss noch was kommen“, sagt Scharein. Verbittert klingt das nicht. „Ich habe ein unvergessliches Wochenende erlebt“, sagt er. Das kann man wohl sagen.

Von Markus Kniebeler