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Rathenow „Drogen sind längst allgegenwärtig“
Lokales Havelland Rathenow „Drogen sind längst allgegenwärtig“
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12:36 25.07.2018
Rayk Sommer leitet seit 2005 den Einsatz der Sanitäter auf der Antaris. Seit 2012 bietet er Drogenpräventionskurse an Schulen an. Quelle: Christin Schmidt
Rathenow

Seit 1992 engagiert sich Rayk Sommer in der Feuerwehr Rathenow. 2014 gründete er die Rettungstaucherstaffel Havelland des ASB Rathenow, die er ehrenamtlich leitet. Seit Jahren ist er als Rettungssanitäter ehrenamtlich auf der Antaris im Einsatz, ist Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und gibt an Schulen im gesamten Havelland Drogenpräventionskurse.

Das alles macht er neben seiner Arbeit als Notfallsanitäter, Ausbildungsleiter beim Rettungsdienst Havelland und Referent an der Gesundheitsakademie Berlin/Brandenburg. Ende Mai wurde Sommer mit der havelländischen Ehrenamtsmedaille erstmals für sein Engagement geehrt. Nun ist er für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Herr Sommer, was bedeutet diese Nominierung für Sie?

Rayk Sommer: Ich fühle mich natürlich total geehrt und freue mich, dass damit Themen, die mich bewegen mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Ich verstehe die Nominierung aber auch stellvertretend für ein tolles Team.

Wie kam es zu der Nominierung?

Ich vermute, mein Gespräch mit Ministerpräsident Woidke im Rahmen seiner „ZukunftsTour Heimat“ Anfang Juni hat deutlich gemacht, wie wichtig insbesondere die Drogenprävention ist. Auch Landrat Roger Lewandowski zeigte sich sehr interessiert.

Seit wann engagieren Sie sich in dem Bereich und was genau tun sie?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Thema, da es in meiner Arbeit immer wieder eine Rolle spielt. Seit es die Antaris in Stölln gibt, leite ich den Einsatz der Rettungskräfte des ASB und erlebe immer wieder, was Drogen anrichten können. Dieses Wissen nutze ich seit 2012 gezielt, in dem ich in Schulen Aufklärungsarbeit für Schüler, Lehrer und Eltern anbiete.

Wie sieht diese Arbeit aus?

Eltern und Lehrer erkläre ich unter anderem Auffälligkeiten, die auf Drogenkonsum hinweisen können. Zum Beispiel wenn Jugendliche bestimmte Augentropfen benutzen ohne Beschwerden zu haben. Diese machen gerötete Augen wieder weiß. So lässt sich Cannabiskonsum leicht verschleiern. Ich erkläre auch, wie Schüler sich unter bestimmten Substanzen verhalten. Man kann durchaus erkennen, ob jemand etwas konsumiert hat.

Wie reagieren Ihre Zuhörer darauf?

Schockiert. Anfangs ist es oft reines Interesse, am Ende wird den meisten bewusst, in welchen Zeiten wir leben. Es ist ja kein Problem, das nur Rathenow betrifft. Den Bedarf gibt es im gesamten Land, das zeigt auch das große Interesse. Mit einer Veranstaltung im Jahr habe ich angefangen, mittlerweile ist die Nachfrage so groß, dass ich es kaum bewältigen kann.

Und wie erreichen Sie die Schüler?

In erster Linie verbiete ich nichts, sondern erarbeite mit ihnen das Thema. Ich zeige anonymisierte Videos von Großveranstaltungen, auf denen ich tätig bin. Wir machen Experimente wie zum Beispiel ein simulierter LSD-Trip. Und ich zeige reelle Unfallszenarien die unter Rauschmitteln passiert sind. Dazu erkläre ich die Hintergründe und was Retter fühlen, wenn junge Menschen für einen Trip ihr Leben aufs Spiel setzen. Das funktioniert sehr gut. Mir geht es nicht darum, sie von Drogen fernzuhalten, das wird mir in den wenigsten Fällen gelingen. Mir ist wichtig, dass sie verstehen, was sie ihrem Körper antun und die Finger von unkalkulierbaren chemischen Substanzen lassen.

Welche sind das und warum sind diese gefährlich?

Dazu gehören Amphetamine, auch als Speed und Peppen bekannt, ebenso wie MDMA, früher eher Extasy genannt. Diese sind nicht kalkulierbar, werden schnell überdosiert und rufen Wirkungen hervor, die weder der Konsument noch wir als Helfer einschätzen können. Besonders gefährlich ist das Mischen verschiedener Substanzen. Ich erkläre den Schüler auch, wie einzelne Drogen zusammengesetzt sind, was Amphetamin, Ketamin ist oder wie Crystal Meth entsteht und warum ist es so billig ist. Weil es zum Teil mit Substanzen gestreckt wird, die man in Rattengift findet.

Der Deutsche Engagementpreis

Der Deutsche Engagementpreis ist der Dachpreis für bürgerschaftliches Engagement in Deutschland.

Die breit aufgestellte Auszeichnung mit bundesweiter Beteiligung soll die Wertschätzung von freiwilligem Engagement stärken und den vorbildlichen Einsatz für das Gemeinwohl ins Licht der Öffentlichkeit rücken.

Rund 700 Ausrichter von Preisen für freiwilliges Engagement können ihre Preisträgerinnen und Preisträger ins Rennen um den Deutschen Engagementpreis schicken.

Der Preis wird seit 2009 in verschiedenen Kategorien verliehen.

In diesem Jahr findet die Verleihung am 5. Dezember in Berlin statt. Mit dabei ist auch der Rathenower Rayk Sommer.

Birgt das nicht die Gefahr, bei bei Schülern Interesse zu wecken?

Ich denke, dass es besser ist nach vorn zu preschen, als Dinge zu verschweigen. Natürlich könnte man vermuten, dass das Interesse an einen Trip weckt. Das habe ich aber noch nie erlebt. Im Gegenteil. Sie entwickeln ein anderes Bewusstsein, überdenken die eine oder andere Entscheidung und lassen vielleicht doch die Finger von chemischen Substanzen.

Reden die Schüler offen mit Ihnen?

Die Kurse sind so angelegt, dass die Lehrer irgendwann den Raum verlassen. Das schafft eine Vertrauensbasis, die Schüler öffnen sich. Ich bin immer wieder schockiert, wenn sie erzählen, wo sie in ihrer Stadt Drogen kaufen können und die Preise kennen. 14-, 15-jährige Mädchen berichten von ausschweifenden Partys mit Drogen. Wenn wir über solche Sachen sprechen, müssen wir auch über HIV und Hepatitis reden, denn Drogen senken die Hemmschwelle. Oft siegt die Unvernunft und es passieren Dinge, die sie im klaren Zustand vermutlich ablehnen würden.

In welcher Klassenstufe beginnt die Prävention?

Ab der siebenten Klasse gebe ich diese Kurse, Hauptzielgruppe sind Schüler ab Klasse neun.

Wie viele Menschen erreichen Sie mit Ihrer Arbeit?

Ich denke insgesamt um die 800 Schüler, Lehrer und Eltern pro Jahr. Allerdings ist der Bedarf viel höher. Leider schaffe ich es zeitlich nicht, noch mehr abzudecken.

Woher nehmen Sie ihr umfassendes Wissen zu dem Thema?

Ich war zwölf Jahre bei Rock am Ring im Einsatz, leite seit 2005 den Einsatz der Sanitäter auf der Antaris und arbeite seit 2002 mit Schulen zusammen. Zum einen habe ich mein Wissen also durch unzählige Erfahrungen in der Praxis, zum anderen tausche ich mit Sanitätern und Ärzten aus, die sich mit dem Thema befassen. Ich lese sehr viel und versuche, auf dem aktuellsten Stand zu sein. Das gelingt dank der Gespräche mit Jugendlichen und der Festivals.

Sie kennen die Szene seit einigen Jahren. Inwiefern hat sich der Drogenkonsum verändert?

Allgemein kann man sagen, was früher die heimliche Zigarette war, ist heute der Joint. Ging man damals davon aus, dass es vor allem sozial schwache Schichten betrifft, zieht es sich jetzt durch alle Schichten. Drogen sind allgegenwärtig. Leider fehlt das Bewusstsein dafür, dass wir uns momentan in einer Situation befinden, die wir ohne Vorbereitung nicht mehr händeln können. Unter Jugendlichen ist zudem die Akzeptanz gestiegen. Vor einigen Jahren war Drogenkonsum bei den meisten verpönt, das hat sich geändert.

Hat das mit Unwissenheit zu tun?

Nein, im Gegenteil. Mir erzählen bereits Neuntklässler etwas vom THC-Gehalt im Cannabis und welche Sorte besonders stark wirkt. Sie wissen sehr gut Bescheid.

Lässt sich Drogenkonsum mit Leistungsdruck erklären?

Ich denke nein. Es ist viel mehr so, dass Drogen nahezu überall verfügbar sind. Dabei rede ich nicht vom Märkischen Platz, es gibt ganz andere Adressen und es ist keineswegs ein Phänomen, dass nur einzelne Schulen betrifft oder nur Rathenow. Das Problem haben wir im gesamten Bundesgebiet. Drogen sind schlichtweg verfügbar und sie sind unglaublich günstig im Vergleich zu früher.

Es werden also mehr Drogen konsumiert, sprechen wir von Abhängigkeit oder geht es eher um den gelegentlichen Rausch.

Die wenigsten werden wirklich süchtig. Viele konsumieren tatsächlich nur im Freundeskreis oder auf Parties. Bei Cannabis würde ich von einer Gewohnheit sprechen. Was mir Sorge macht, ist der Konsum stark halluzinierender chemischer Drogen, die starke physische und psychische Auswirkungen haben.

Wie schützen Sie Ihre eigenes Kind vor Drogen?

Wenn der Umgang im Freundeskreis nicht stimmt, kommt es schneller zu Grenzerfahrungen. Das kann auch das beste Elternhaus nicht verhindern. Allein Eltern oder Schulen verantwortlich zu machen, ist der falsche Weg. Aufklärung und Vertrauen sind wichtig. Das Aufzeigen von dramatischen gesundheitlichen Konsequenzen hat bei intelligenten Jugendlichen mehr Erfolg. Mein Wunsch ist es, vor die Lage zu kommen, statt ihr hinterher zu laufen!

Von Christin Schmidt

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