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Rathenow Drogenkonsum: „Die Lage eskaliert“
Lokales Havelland Rathenow Drogenkonsum: „Die Lage eskaliert“
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18:20 05.06.2019
Rayk Sommer und Tilo Windt haben den ersten öffentlichen Vortrag zum Thema Drogenkonsum organisiert. Der Andrang war so groß, dass einige Gäste auf dem Boden saßen. Quelle: Christin Schmidt
Rathenow

Bei drückender Hitze begaben sich Dienstagabend rund 250 Menschen freiwillig auf einen simulierten LSD-Trip im Rathenower Kulturzentrum.

Im viel zu warmen Blauen Saal starrten sie auf eine Leinwand mit flimmernden Mustern, um anschließend die Welt in etwa so zu sehen, wie jemand der eines der stärksten Halluzinogene eingenommen hat.

Das Experiment war Teil des ersten öffentlichen Vortrags zum Thema Drogenkonsum und dessen Folgen. „Wir hatten gehofft, dass sich viele dafür interessieren, aber mit einer so großen Resonanz haben wir nicht gerechnet“, gestand Rayk Sommer.

17-Jähriger stirbt nach Drogenkonsum

Der Notfallsanitäter klärt seit 2002 ehrenamtlich in Schulen über die Folgen von Cannabis, Ecstasy und Co auf. Drogenkonsum ist ein Tabuthema, das stelle er immer wieder fest. „Viele meinen wir leben in einer kleinen Stadt und sind weit weg von solchen Dingen. Ein Irrglaube“, betont Sommer. Unermüdlich macht er darauf aufmerksam, wie ernst die Lage ist.

„Was wir an den Wochenenden erleben ist unglaublich. Am Samstag versorgten wir einen 15-Jährigen, der über Tage so viel Amphetamin genommen hatte, dass er tief bewusstlos war. Vor wenigen Monaten konnten wir einem 17-Jährigen nicht mehr helfen. Sein Tod ist auf Drogen zurückzuführen. Er hatte sein ganzes Leben vor sich“, berichtete Sommer.

Was die Arbeit für die Sanitäter erheblich erschwert, ist die Tatsache, dass die Konsumenten oft verschiedene Substanzen einnehmen, was zu gefährlichen Mischvergiftungen führen kann. Zudem wissen weder die Konsumenten, noch die Sanitäter was genau in den Pillen und Pulvern enthalten ist.

Einige Schulen verschließen sich dem Thema

Ein Gegenmittel gibt es in den wenigsten Fällen. Zudem kann der Einsatz eines solchen und aufgrund der unbekannten Mischung dramatische Folgen haben. „Wir können nur rein symptomatisch behandeln“, betont Sommer.

Trotz solch alarmierender Beispiele verschließen sich einige Bildungseinrichtungen dem Thema und nehmen die kostenlosen Vorträge selbst auf Nachfrage von Elternvertretern nicht in Anspruch.

Deshalb hat Sommer gemeinsam mit Jugendkoordinator Tilo Windt und finanzieller Unterstützung des Landkreises den öffentlich Vortrag organisiert, der jedem die Chance gibt, sich zu informieren.

Tilo Windt begrüßt die Gäste zum ersten öffentlichen Vortrag zum Thema Drogenkonsum in Rathenow Quelle: Christin Schmidt

Das Angebot nahmen viele Eltern, Lehrer und Erzieher an. Streetworker und Sozialarbeiter waren dabei, auch Polizisten und Vertreter aus der Lokalpolitik. In eineinhalb Stunden erfuhren sie nicht nur welche Drogen in Rathenow beliebt sind.

Sommer hatte auch Videos mitgebracht, die völlig hilflose Menschen im Rausch zeigen. „Der junge Mann ist nicht geistig behindert, er steht unter Drogen“, erklärte Sommer und machte sein Publikum mehrfach sprachlos.

Was Jugendlich dazu bringt, sich das anzutun? Zum einen die Neugier, aber auch der Freundeskreis spiele eine Rolle. Hinzu kommt, dass Drogenkonsum heute in ist.

Schon Grundschüler sammeln Erfahrungen mit Drogen

„Die Akzeptanz ist sehr viel höher als vor einigen Jahren und das gilt für alle Schichten. Mit einem schlechten Elternhaus hat das meist nichts zu tun. Es ist nicht ihre Schuld“, richtete sich Sommer an die vielen besorgten Väter und Mütter. Er betonte auch, dass Rathenow damit nicht allein ist. Die Gesellschaft insgesamt habe ein Drogenproblem.

Oft seien es intelligente Schüler, die sich mit chemischen Substanzen beschäftigen und Sachen ausprobieren, ohne die Folgen einschätzen zu können. Schon Grundschüler würden Erfahrungen machen. Das bestätigte auch eine Erzieherin: „Es ist keineswegs übertrieben, im Gegenteil.“

„Selbst Achtklässler wissen, wo sie in Rathenow Drogen bekommen und glauben Sie mir, das ist nicht der Märkische Platz. Es sind vielmehr Wohnungen und Wohngemeinschaften“, weiß Sommer.

Katrin Sagrauske-Kaiser, die im Auftrag der Caritas Suchtberatung für Kinder und Jugendliche anbietet, im Gespräch mit Tilo Windt. Quelle: Christin Schmidt

Die Polizei gehe durchaus dagegen vor, sei aber aufgrund der dünnen Personaldecke nicht in der Lage, diese komplexe Situation zu kontrollieren. „Das wissen die Dealer. Sie wissen auch, dass sie kaum mit Strafen rechnen müssen. Ein Teufelskreis, der gnadenlos ausgenutzt wird. Die Lage eskaliert“, warnt Sommer.

Sein Vortrag hat vielen die Augen geöffnet, für einige war es zudem eine Bestätigung ihrer Erfahrungen. Am Ende wurde deutlich, dass es sehr viel Redebedarf gibt. Die Möglichkeit in der großen Runde Fragen zu stellen, wurde zwar nicht genutzt.

Dafür suchten sehr viele im Anschluss das Gespräch mit Rayk Sommer. Der plant bereits eine weitere Veranstaltung mit Tilo Windt. Dann wollen unter anderem zwei junge Frauen darüber berichten, wie Drogen ihr Leben verändert haben. Zudem soll es mehr Raum für individuelle Gespräche geben.

Schulamt in der Kritik

Was vorerst bleibt ist die Frage, was betroffene Eltern tun können? Katrin Sagrauske-Kaiser, die im Auftrag der Caritas Suchtberatung für Kinder und Jugendliche anbietet, bat darum, sich nicht erst zu spät Hilfe zu suchen.

Das sei leider häufig der Fall. Ein Vater nahm das Schulamt in die Pflicht. „Sie sind die Aufsichtsbehörde und müssen tätig werden, wenn sich einzelne Schulen diesem Thema verschließen.“

„Unheimlich viele Menschen haben sich am Mittwoch bei mir gemeldet. Das Feedback war überwältigend und zeigt, dass wir mit dieser Veranstaltung einen Nerv getroffen haben“, so Sommers Fazit.

Von Christin Schmidt

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