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Rathenow Ein Flüchtling kocht für Obdachlose
Lokales Havelland Rathenow Ein Flüchtling kocht für Obdachlose
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07:27 08.06.2018
Angelika Höpfel, Leiterin des Obdachlosenheims, mit Zargham Ashraf und Holger Jeschal.
Angelika Höpfel, Leiterin des Obdachlosenheims, mit Zargham Ashraf und Holger Jeschal. Quelle: Christin Schmidt
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Rathenow

Es gibt Geschichten, die sind so berührend, dass man kaum glauben kann, dass sie wahr sind. Genau so eine Geschichte hat der 23-jährige Zargham Ashraf jetzt der havelländischen Kreisstadt beschert.

Der junger Mann, der aus seiner Heimat Pakistan flüchtete und seit 2013 in Deutschland lebt, hat für die Bewohner des Obdachlosenheims eine warme Mahlzeit gekocht. Die Geste ist seine Art Danke zu sagen für die Hilfe und Herzlichkeit, die er in Rathenow von vielen Menschen erfahren hat.

Die Idee dazu kam Zargham Ashraf – den die meisten einfach nur Ali nennen – als er einen Mann beobachtete, der in einer Mülltonne in der Forststraße nach Essen suchte. „Das hat mich wirklich schockiert.

Früher dachte ich, dass es in Deutschland allen gut geht. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die keine Wohnung oder nichts zu essen haben“, sagt Ali. Statt einfach wegzuschauen, wie es so viele tun, beschloss er zu helfen.

Putenschnitzel und Champions für das Rathenower Obdachlosenheim

Er erzählte Holger Jeschal, Inhaber der Gaststätte „Charlottengarten“, von dem Erlebnis. Die beiden lernten sich 2016 zufällig im City Center kennen. Jeschal nahm den jungen Mann unter seine Fittiche, gab ihm eine feste Arbeit und half ihm bei der Wohnungssuche und Behördengängen.

Durch den Gastronom erfuhr Ali, dass es in Rathenow ein Obdachlosenheim gibt. Was er nicht wusste, sein Chef beliefert die Einrichtung schon seit Jahren an Weihnachten mit Essen.

Das brachte den 23-Jährigen auf eine Idee: „Ich will für diese Menschen kochen.“ Holger Jeschal stellte den Kontakt her und wenige Tage später stand Ali in der Küche des Charlottengartens, brutzelte Putenschnitzel, frische Champions und kochte Kartoffeln für alle 20 Bewohner des Obdachlosenheims.

Auch Getränke und Joghurt zum Nachtisch hatte er für seine Gäste gekauft. Holger Jeschal half ihm, alles einzupacken und zu transportieren.

Das Obdachlosenheim Rathenow

Am 18. Dezember 1992 wurde das Obdachlosenheim in der Maxim-Gorki-Straße eröffnet. Bis dato befand sich in dem Gebäude eine Kita.

Seit fast 25 arbeitet Angelika Höpfel in der Einrichtung. Sie und drei Kollegen kümmern sich derzeit um 20 Menschen, die im Obdachlosenheim leben.

Der Großteil der Bewohner sind Männer. Zurzeit lebt eine Frau in der Einrichtung. die insgesamt über 25 Plätze verfügt.

Die Zahl der Bewohner schwankt. Zum 31. Dezember 2017 lebten 20 Menschen hier, 2016 waren es 16 und 2015 18 Personen.

Überwältigt von dieser selbstlosen Tat, waren nicht nur die Bewohner. Auch Angelika Höpfel, die Leiterin des Hauses, war richtig baff. Am Donnerstag lud sie Ali und Holger Jeschal noch einmal ein, um sich zu bedanken.

„Wenn jemand anerkennt, was ihm hier zugute kommt und sich in dieser Form bei Menschen bedankt, denen es nicht so gut geht, ist das eine ganz tolle Geste. Ich habe eine richtige Gänsehaut bekommen“, gesteht Angelika Höpfler.

Seit fast 25 Jahren arbeitet sie im Obdachlosenheim in Rathenow. Sie weiß, dass es gegenüber den Bewohnern – genau wie gegenüber Flüchtlingen – in der Gesellschaft oft Vorbehalte gibt. Umso dankbarer ist sie für Hilfe und Unterstützung.

„Wir bekommen immer mal wieder Spenden oder Menschen backen für uns einen Kuchen, aber das ein Flüchtling sich für unsere Bewohner engagiert und Mittag kocht, das konnten viele gar nicht fassen“, erzählt Angelika Höpfel und fügt hinzu: „Die Bewohner haben sich riesig gefreut. Eine warme Mahlzeit ist für viele etwas Besonderes und es hat allen sehr gut geschmeckt.“

Die Härtefallkommission entscheidet über Alis Schicksal

Mit seiner Hilfsaktion hat Ali aber nicht nur den Hunger gestillt. Er hat den Bewohnern gezeigt, dass sie nicht vergessen sind.

Gern würde er in Rathenow bleiben. Doch seine Zukunft ist derzeit ungewiss. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat seinen Asylantrag abgelehnt. Jetzt entscheidet die Härtefallkommission über Alis Zukunft. Holger Jeschal unterstützt ihn bei dem Verfahren. Er möchte seinen Freund und zuverlässigen Mitarbeiter nicht verlieren.

Hilfe bekam der junge Pakistani auch von rund 130 Gästen des Charlottengartens, die dafür unterschrieben, dass Ali in Deutschland bleiben kann. „Acht haben sogar einen persönlichen Brief verfasst“, berichtet Holger Jeschal.

Seine Gäste schätzen nicht nur die Kochkünste des hilfsbereiten jungen Mannes, sie kennen auch seine tragische Geschichte. Als sein Bruder 2013 ermordet wurde – vermutlich von Taliban – schickten ihn seine Eltern fort, in der Hoffnung, dass ihr Sohn es bis nach Europa schafft und dort ein sichereres Leben führen kann.

Über die Türkei und das Mittelmeer schafft es der damals 19-Jährige bis nach Deutschland. Kam dann von Gießen über Eisenhüttenstadt schließlich nach Rathenow.

Hier fühlt er sich wohl, was nicht zuletzt auch Holger Jeschal zu verdanken ist. Wenn alles klappt und Ali bleiben kann, kocht er zu Weihnachten noch einmal für die Obdachlosen. Holger Jeschal hat alle Bewohner und Mitarbeiter zu einer Weihnachtsfeier im Charlottengarten eingeladen, mit Gänsekeule, Kaffee und Kuchen.

Von Christin Schmidt