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Rathenow Sprayer packt über Graffiti-Szene aus
Lokales Havelland Rathenow Sprayer packt über Graffiti-Szene aus
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17:31 07.03.2019
Die Wand an der ehemaligen Skaterhalle ist Dank bunter Graffiti ein echter Hingucker. Quelle: Privat
Rathenow

Warum laufen Jugendliche im Dunkeln mit Spraydosen durch die Stadt, um Wände mit laienhaften Tags oder anderem Gekritzel zu beschmieren? Einer der es wissen muss, ist der 23-Jährige Steve.

Er sprüht inzwischen vor allem legal, das Illegale reizt ihn aber nach wie vor. Deshalb spricht er unter falschem Namen über sein Hobby.

Mit zwölf Jahren griff er zum ersten Mal zur Dose. Damals habe er Blut geleckt – der Beginn einer Leidenschaft. „Es geht mir nicht um den Kick beim Malen. Ich finde es einfach geil, am nächsten Tag vorbeizufahren und mein Bild zu sehen. Von einem Kick kann man in Rathenow ohnehin nicht sprechen. Wer aufpasst und vorsichtig ist, wird in der Regel nicht erwischt“, sagt Steve.

„Sie wollen sich beweisen“

Wenn er zur Dose greift, geht es ihm um Qualität, nicht Quantität. „Es soll natürlich gut aussehen. Ich renne ja nicht rum und sprühe 20 Tags, um mein Zeichen zu hinterlassen, sondern versuche ein großes Bild zu malen“, erklärt der Rathenower.

Besonders gern zieht er in der Gruppe los. Mit zwei oder drei Freunden braucht er zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde für ein Werk.

Steve kennt aber auch Jugendliche, die wahllos durch die Stadt ziehen und Wände beschmieren. Sie wollen sich beweisen und für einige sind Penisse und Hakenkreuze, die gern auch mit einem Edding an Stromkästen und Hauswände gekrakelt werden, offenbar ein Ausdruck von Coolness.

Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik

In der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2017 unter der Kategorie Sachbeschädigungen durch Graffiti in Rathenow 89 Straftaten erfasst.

2016 waren es noch 153.

2017 konnten 23,6 Prozent aller Taten aufgeklärt werden.

In 21 aufgeklärten Fällen ermittelten die Beamten zehn Tatverdächtige.

2016 klärte die Polizei 13 Fälle auf, die 17 Tatverdächtigen zugeordneten werden konnten.

Die Aufklärungsquote lag 2016 bei 8,5 Prozent.

Neun der zehn Tatverdächtigen im Jahr 2017 waren männlich.

Fünf Tatverdächtige in 2017 waren Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahre.

Vier waren Heranwachsende (18-21 Jahre). Zudem war ein Erwachsener dabei.

Die Szene in Rathenow ist überschaubar

Auf der einen Seite sei das einfach nur dumm, andererseits freut sich Steve, dass eine neue Generation heranwächst. Auch er habe mit dem Graffiti malen angefangen, um cool zu sein.

Der 23-Jährige kennt viele dieser Kids, die Szene ist überschaubar und der Nachwuchs sieht nicht selten zu erfahrenen Sprayern auf. In deren Bilder würden Anfänger nicht reinpfuschen, ist sich Steve sicher.

Er kann verstehen, dass das Verbotene reizt. „Ich male auch lieber illegal. Aber wenn ich weiß, dass eine Wand übermalt wird, besprühe ich sie erst gar nicht. Das macht für mich keinen Sinn. Es geht schließlich darum, dass das Bild zu sehen ist.“

Zu den wohl beeindruckendsten Graffiti in Rathenow gehört dieses Bild an der legalen Graffiti-Wand auf der Magazininsel. Quelle: Christin Schmidt

Privathäuser, denkmalgeschützte Gebäude und Kirchen sind tabu

Einen KWR-Block würde er deshalb nie bemalen. Zum einen, weil eine Anzeige so gut wie sicher ist. Zum anderen, ist von dem Werk nach einer Woche nichts mehr zu sehen. Auch Privathäuser, denkmalgeschützte Gebäude und Kirchen sind für ihn tabu.

Er würde nie auf die Idee kommen, in einer Wohnsiedlung privates Eigentum zu besprühen. „Ich male nicht, um Leuten zu schaden, ich mache es für mich. Es gibt natürlich auch einige, die Bushaltestellen taggen und danach noch die Scheibe einschlagen, aber das sind die wenigsten und es trifft auf keinen Fall auf die gesamte Szene zu“, betont der Sprayer.

Worauf es für ihn ankommt? „Es muss schon eine geile Stelle sein, die auch zu sehen ist“. Das gilt unter anderem für die Schallschutzmauer der ICE-Strecke an der Umgehungsstraße, die auch er schon besprüht hat.

Hausdurchsuchung mit zwölf Polizisten

Allerdings nicht ohne Konsequenzen. Steve kann sich noch gut daran erinnern, wie zwölf Polizisten seine Wohnung durchsuchten und alles auf den Kopf stellten. 30 Sozialstunden hat er dafür kassiert. Über die Strafe schüttelt er den Kopf: „Die Stunden hätte ich auch so geleistet.“

Was er Eltern rät, die ihr Kind mit einer Spraydose erwischen? „Auf jeden Fall nicht verbieten! Verbotene Früchte schmecken eben am besten.“ Stattdessen sollte man die Kids fördern, ihnen gute Stifte für Leinwände kaufen und sie an legale Wände heranführen.

„Platz für legale Angebote zu schaffen, ist nie verkehrt. Sicher wird man damit nicht alle vom illegalen Malen abhalten, aber es bietet die Möglichkeit sich auszuprobieren und bringt die Szene zusammen.“ Zu der gehören übrigens auch Erzieher, Banker und Studenten. Graffiti ist eben viel mehr als nur Geschmiere von Halbstarken.

Von Christin Schmidt

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