Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Rathenow Der lange Kampf gegen die Gewalt – Akteure setzen Zeichen in Rathenow
Lokales Havelland Rathenow

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen - Akteure setzen Zeichen in Rathenow

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:53 25.11.2021
Jana Reinhardt, Elke Nermerich und Barbara Richstein mit dem Banner „Wir sagen Nein zu Gewalt gegen Frauen!“
Jana Reinhardt, Elke Nermerich und Barbara Richstein mit dem Banner „Wir sagen Nein zu Gewalt gegen Frauen!“ Quelle: Jürgen Ohlwein
Anzeige
Rathenow

Kurz nach 18 Uhr klingelt das Telefon im Frauenhaus. Jemand hat die Nummer des Beratungs- und Krisenzentrums für Frauen gewählt. Sozialarbeiterin Jana Reinhardt nimmt das Gespräch an und schnell ist klar, Feierabend ist vorerst nicht in Sicht, denn eine Frau braucht jetzt ihre Hilfe.

Etwa eine Stunde später nimmt die 39-Jährige vier Kinder und eine Frau in der Schutzeinrichtung in Empfang, für die das eigene Zuhause nicht mehr sicher ist. Sie hatten Glück, nicht immer ist ein Zimmer im Haus frei.

Wir im Havelland

Der Newsletter für aktuelle Themen aus dem Havelland - jeden Freitagmorgen neu.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Für Jana Reinhardt gehören solche Erlebnisse zu ihrem beruflichen Alltag im einzigen Frauenhaus des Landkreises Havelland. Zusammen mit ihrer Kollegin Catrin Seeger, die die Einrichtung vor 30 Jahren gründete und bis heute leitet, unterstützt und berät sie von häuslicher Gewalt betroffene Frauen.

Ihre Arbeit steht in dieser Woche besonders im Fokus der Öffentlichkeit, denn am Donnerstag erinnert der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen einmal mehr daran, dass mindestens eine von drei Frauen weltweit im Laufe ihres Lebens geschlagen, vergewaltigt wird oder auf andere Weise Gewalt erfährt.

Dass auch im Havelland immer wieder Frauen und Kinder Opfer häuslicher Gewalt sind, darauf wies Jana Reinhardt am Mittwoch zusammen mit der Ersten Beigeordneten des Kreises Elke Nermerich (SPD) und der Kreistagsvorsitzenden Barbara Richstein (CDU) vor dem Kreishaus in Rathenow hin.

„Die Corona-Zeit mit ihren Lockdowns hat die Problematik der häuslichen Gewalt an Frauen leider verschärft. Zudem gibt es in diesem Bereich eine große Dunkelziffer“, betonte Elke Nermerich.

Elke Nermerich (SPD), Erste Beigeordnete des Landkreis Havelland. Quelle: Jürgen Ohlwein

Jana Reinhardt verwies in diesem Zusammenhang auf die neue Bundeskriminalstatistik, wonach im vergangenen Jahr wieder mehr Frauen in Deutschland durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet wurden – insgesamt 139. „Wir müssen auf den Kriminalitätsbereich häuslicher Gewalt aufmerksam machen und die Frauen ermutigen, ihr Schweigen zu brechen“, forderte Barbara Richstein.

Im Frauenhaus in Rathenow fanden allein im Jahr 2020 28 Frauen und 31 Kinder Schutz. In diesem Jahr nahm die Schutzeinrichtung bislang 25 Frauen und 33 Kinder auf - derzeit sind hier drei Frauen und acht Kinder untergebracht.

316 Beratungsgespräche im Havelland

Zur Arbeit im Haus selbst kommen die ambulanten Beratungsgespräche, die Catrin Seeger und Jana Reinhardt in Nauen, Falkensee und Rathenow anbieten. „Insgesamt 316 Beratungsgespräche führten wir 2020, das sind deutlich mehr als im Vorjahr. Dort waren es 203 Beratungen“, berichtet Jana Reinhardt.

Sie nutzte den Internationalen Aktionstag um darauf hinzuweisen, dass auch in Brandenburg noch einiges getan werden muss, um betroffenen Frauen die nötige Unterstützung geben zu können: „Es braucht unter anderem mehr Frauenhausplätze, spezialisierte Angebote aber auch mehr Täter- und Präventionsarbeit.“

Jana Reinhardt vom Unabhängigen Frauenverein. Quelle: Jürgen Ohlwein

Aufschluss darüber, an welchen Stellen es hakt und wo dringend Verbesserungen nötig sind, gibt ein von der Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten zur Umsetzung der Istanbul-Konvention. Daraus geht unter anderem hervor, dass in Brandenburg im Durchschnitt jeder zweiten Zuflucht suchenden Frau kein Schutz angeboten werden kann.

Das Papier führt zudem Defizite im Bereich der Barrierefreiheit auf. Auch an einer gesicherten, einheitlichen und bedarfsgerechten Finanzierung müsse gearbeitet werden. Catrin Seeger und Reinhardt können all das nur bestätigen, denn auch die Schutzeinrichtung im Havelland ist weder barrierefrei, noch sind genügend Plätze vorhanden.

Die Istanbul-Konvention

Auf europäischer Ebene ist die Konvention das erste juristisch verpflichtende Instrument zum Schutz von Frauen und Mädchen gegen jede Form der Gewalt.

Die Konvention präzisiert die Verpflichtungen des Staates, häusliche Gewalt zu bekämpfen und Opfern adäquaten Schutz zu bieten.

Deutschland unterzeichnet den Vertrag bereits vor zehn Jahren.

Auch die Stadt Rathenow setzt ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und hisst am Rathaus eine Fahne.

Laut Istanbul-Konvention sollte pro 10 000 Einwohner ein Familienplatz in einem Frauenhaus zur Verfügung stehen. Im Havelland wären das bei rund 160 000 Einwohnern 16 Plätze. Tatsächlich vorhanden sind fünf. Um künftig mehr betroffenen Frauen Schutz bieten zu können, arbeiten der Unabhängige Frauenverein und die Stadt Rathenow mit Hochdruck am Bau eines neuen Frauenhauses. Bund und Land unterstützen das Vorhaben finanziell.

Akteure im Havelland müssen sich stärker vernetzen

Und noch etwas sei wichtig, um die Lage zu verbessern: „Die Akteure müssen sich stärker vernetzen. Deshalb arbeiten wir daran, den Rund Tisch gegen häusliche Gewalt wieder ins Leben zu rufen“, so Jana Reinhardt.

Trotz all des Leids, das sie täglich sieht, arbeitet sie nach wie vor gern im Frauenhaus. Sie weiß, wie wichtig ihr Job ist und wird deshalb auch nicht müde, weiter für von Gewalt betroffene Frauen zu kämpfen.

Von Christin Schmidt