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Rathenow Experte: So lief die ROW-Privatisierung in Rathenow zur Wendezeit
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Rathenow: Die ROW-Privatisierung durch die Treuhand

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11:21 18.10.2020
So sieht die ROW-Brache in der Berliner Straße heute aus. Quelle: Kniebeler, Markus
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Rathenow

30 Jahre deutsche Einheit sind für das Kulturzentrum Rathenow ein guter Grund, um sich einen interessanten Vortrag ins Haus zu holen. Am Sonnabend, 24. Oktober, spricht dort im Blauen Saal ab 15 Uhr Wolf-Rüdiger Knoll vom Institut für Zeitgeschichte in Berlin über das Thema „Die Treuhandanstalt und die Privatisierung der Rathenower Optischen Werke“.

Er arbeitet gerade an seiner Promotion, die dem Wirken der Treuhandanstalt im Land Brandenburg gewidmet ist und im Frühjahr fertig sein soll. Wie Wolf-Rüdiger Knoll sagt, hat er sich dafür vor allem die großen strukturbestimmenden Betriebe angeschaut. Bettina Götze, Geschäftsführerin des Kulturzentrums, habe es ihm ermöglicht, in Rathenow die Unternehmensunterlagen zu ROW anzusehen. Er habe auch die Akten der Treuhandanstalt nutzen können, die seit 2017 zugänglich seien.

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1989 über 4.500 Beschäftigte

Die Rathenower Optischen Werke, kurz ROW, hätten 1989 über 4.500 Beschäftigte gehabt, sagt Knoll. Die wesentliche Frage sei zunächst gewesen, ob man sie als Ganzes privatisieren oder aufspalten sollte. Der Betrieb sei in der DDR der Alleinhersteller von Brillengläsern und -fassungen gewesen, teilt er mit. Er habe klar feststellen müssen, dass ROW „keinen guten Ruf“ hatte.

Wolf-Rüdiger Knoll Quelle: privat

Er zitiert einen Augenoptiker, der sagt, er habe sich über Jahrzehnte hinweg gegenüber ROW wie ein Bettler gefühlt. Ein anderer habe über „Arroganz und Überheblichkeit“ der ROW-Vertreter geklagt. Weil der Betrieb viele Jahre lang eine Monopolstellung hatte, sei sein Image nicht das beste gewesen.

Nur sechs Kaufangebote

Die Treuhandanstalt hatte damals die Unternehmensberatung Price Waterhouse beauftragt, ROW zu privatisieren, teilt Knoll mit. Es seien 47 Firmen angeschrieben worden. 16 hätten sich als potenzielle Interessenten gezeigt, nur sechs gaben aber wirklich ein Kaufangebot ab. Lediglich einer hatte den Betrieb als Ganzes haben wollen. So sei es schließlich in fünf neue Unternehmen geteilt worden: Askania, Essilor, Optoplast, Corona-Optik und Duncker.

Auf die Frage, ob er die ROW-Privatisierung als gelungen betrachtet, antwortet Wolf-Rüdiger Knoll, dann müsse man die Einzelfälle betrachten. Im Fall von Optoplast sei „schlecht gearbeitet“ worden. Als eine britische Firma, die sich zunächst interessiert hatte, abgesprungen war, habe sich ein Mitarbeiter beworben und versprochen, 150 Arbeitsplätze zu erhalten.

Nicht professionell

Obwohl dieser die geforderte Bankbürgschaft bis Dezember 1991 nicht vorgelegt hatte, habe er die Ausgründung machen dürfen. Als der Betrieb Optoplast dann aber nicht lief, musste schon im Juli 1992 der Kaufvertrag rückabgewickelt werden. Das sei „alles andere professionell gewesen“, urteilt der Wissenschaftler.

Insgesamt gesehen sei aber die Lösung, die für ROW gefunden wurde, fast alternativlos gewesen, sagt er. Die Treuhandanstalt habe nach dem Motto gearbeitet, dass „Privatisierung die beste Sanierung“ sei. Was ROW betreffe, seien rund 500 Arbeitsplätze gesichert worden.

Raum für die Diskussion

Er will am bei seinem Vortrag etwa 45 Minuten sprechen, kündigt Knoll an. Er wolle erst allgemein über die Treuhand reden und aktuelle Forschungsergebnisse vorstellen. Anschließend solle die Gelegenheit für eine ausgiebige Diskussion gegeben werden.

Von Bernd Geske