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Rathenow Tafel-Chefin: „Lebensmittelrettung fängt im Kühlschrank an“
Lokales Havelland Rathenow Tafel-Chefin: „Lebensmittelrettung fängt im Kühlschrank an“
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07:36 21.12.2019
Henriette Meier-Ewert (r.) mit Britta Brüggemann im Rathenower Tafel-Laden. Quelle: Markus Kniebeler
Rathenow

Lebensmittel retten, Menschen helfen – das ist die Devise des Vereins Tafel Deutschland. Deren stellvertretende Vorsitzende, Henriette Meier-Ewert, kommt aus dem Havelland und ist zugleich Vorstandsvorsitzende der Rathenower Tafel. Die 55-jährige Familienrichterin und Mutter von vier Kindern sprach mit der MAZ über ihr Ehrenamt und die Sorgen der Tafel.

Wie sind sie darauf gekommen, sich für die Tafel zu engagieren? Gab es einen Schlüsselmoment?

Henriette Meier-Ewert: Den gab es tatsächlich als ich 1991 auf dem Weg nach Hause war und im Radio hörte, dass sich die Berliner Tafel gegründet hat. Ich dachte sofort, das ist eine tolle Idee. 1996 bin ich dann ins Havelland gezogen und habe Petra Dombrowski kennengelernt, die mich zwei Jahre später fragte, ob ich nicht Lust hätte, eine Tafel in Rathenow mit zu gründen.

Inwiefern hat sich die Arbeit für die Tafel in den letzten Jahren verändert?

Die Struktur war früher eine andere. Anfangs war die Tafel im Wesentlichen von einer Arbeitsförderungsgesellschaft organisiert, die das Personal stellte und sich zunächst um die Abrechnung kümmerte. Heute sind wir auf die Unterstützung von Ehrenamtlern angewiesen. Der Vorstand war zudem früher sehr viel damit beschäftigt, die einzelnen Händler abzuklappern und nach Spenden zu fragen. Das war sehr müßig, weil es damals noch keine Vereinbarungen mit dem Bundesverband gab.

Das heißt, Sie bekommen heute weniger Unterstützung von staatlicher Seite?

Ja, das liegt aber auch daran, dass man heute bei den meisten geförderten Stellen eine Anschlussbeschäftigung bieten muss und das können wir nicht finanzieren. Es kommen für uns ohnehin nur 100-Prozent-Förderungen in Frage, denn einen Eigenanteil zu stemmen, fällt uns äußerst schwer.

Sind die Händler, die sie damals gewinnen konnten, noch dabei?

Ja, alle. Und es sind mit den Jahren wesentlich mehr geworden. Einige Supermärkte sind dazu gekommen und wir freuen uns, dass sich auch alle Bäcker beteiligen.

Wie viele Menschen gehören zum Team der Tafel?

Wir sind im Vorstand nach wie vor zu viert. Dazu kommen elf Ehrenamtliche, die im Laden in Rathenow und in den Ausgabestellen in Premnitz helfen, ein Ein-Euro-Jobber, ein Mitarbeiter, der über das Teilhabechancengesetz nach § 16i SGB II gefördert wird sowie unsere festangestellte Mitarbeiterin Britta Brüggemann. Hin und wieder bekommen wir zudem Unterstützung von Menschen, die bei uns ihre auferlegten Sozialstunden ableisten.

Das heißt eine feste Stelle kann sich der Verein leisten?

Wir haben keine andere Wahl, wir müssen uns das leisten und wir zahlen natürlich Mindestlohn. Das heißt mit jeder Erhöhung wächst wieder der wirtschaftliche Druck. Erst im letzten Jahr hatten wir eine ziemlich dramatische Situation. Es zeichnete sich ab, dass das Geld nicht mehr reicht. Wir sind dann sehr großzügig von der Stadt unterstützt worden, auch der Landkreis half bei der Finanzierung eines neuen Autos.

Was verschlingt am meisten Geld?

Das sind tatsächlich die kleinen, laufenden Posten. Man glaubt nicht wie viele Sache in einem so kleinen Laden anfallen. Das fängt mit der Miete an, die schon günstig ist, weil die KWR uns sehr entgegenkommt. Dann der Strom für all die Kühlgeräte, dazu eine ganze Hand voll Versicherungen, auch für die Mitarbeiter. Auch die GEZ-Gebühr fällt an und natürlich das Auto mit Haftpflichtversicherungen, Vollkasko, Steuer und Benzin. Dazu muss man sagen, dass die Stadt uns immer unterstützt, allerdings wurde es entsprechend der Haushaltslage immer weniger. Eine verlässliche, regelmäßige Förderung wäre wichtig.

So kann man spenden und helfen

Die Tafel in Rathenow benötigt dringend Teile für die Ladenausstattung aber auch neue Winterreifen für das Abholfahrzeug. Die Aktion läuft bis 31. Dezember.

Wichtig: Nicht das Kennwort Sterntaler vergessen, damit wir die Spende der diesjährigen Advents-Aktion zuordnen und bekannt machen können.

Die IBAN (Kontonummer) lautet: DE02 1609 1994 0001 1448 80 bei der Volksbank Rathenow. Kontoinhaber: Verein Rathenower Tafel.

Für eine Spendenbescheinigung bitte eine E-Mail an info@tafel-rathenow.de mit Name, Anschrift, Spendensumme und dem Datum der Überweisung.

Inwiefern hat sich die Kundschaft der Tafel in den letzten Jahren verändert?

Die Zusammensetzung hast sich durchaus geändert. Insbesondere seit 2015 haben wir mehr Haushalte mit drei und mehr Personen, darunter viele Geflüchtete. Allerdings sind es nicht in der Menge mehr Menschen. Es kommen einfach mehr Geflüchtete und die anderen bleiben weg.

Weil sie die Hilfe nicht mehr brauchen?

Ich glaube, dass viele aufgrund der Beschäftigungslage nicht mehr auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind und Arbeit haben. Vielleicht hat auch der eine oder andere gedacht, ich möchte nicht mit Geflüchteten in eine Schlange stehen. Das kann ich nicht ausschließen. Es ist aber kein Rathenower Phänomen, sondern ein landesweites.

Gab es auch mal Streitereien unter den Kunden oder Neid?

Nein, das kann man nicht sagen. Wir haben nie Krawall oder Streit. Es ist aber schon so, dass jeder aufpasst, dass er genug bekommt.

Tage, an denen niemand vor der Tür steht, die gibt es vermutlich nicht?

Nein, die gibt es nicht. Aber am Ende des Monats, wenn das Geld alle ist, kommen natürlich mehr, als am Anfang. Man kann schon sagen, dass wir eine sehr treue Kundschaft haben, die zum Teil auch sehr solidarisch untereinander ist. Vor Kurzem kam zum Beispiel ein junger Mann, der nicht gut deutsch sprach und etwas hilflos war. Daraufhin kam eine alte Dame zu ihm und sagte: Komm, ich erkläre dir das.

Kommt es vor, dass neue Kunden Berührungsängste haben?

Eigentlich nicht. Viele unserer Ehrenamtlichen waren selbst mal Kunden oder in Maßnahmen und können die Situation nachvollziehen. Die Menschen begegnen sich also auf Augenhöhe und das ist uns wichtig. Viele unserer Helfer sind seit Jahren dabei, was ein Zeichen dafür ist, dass das Klima gut ist. Unser Team ist Klasse.

Wie viele Westhavelländer profitieren zurzeit von der Tafel?

Im Moment sind das etwa 300 Haushalte, das entspricht etwa 650 Personen. Die werden über den Laden in Rathenow und die Ausgabestelle in Premnitz versorgt. In Rhinow und Nennhausen betreiben wir mobile Tafeln. Dort sind wir jemals einmal pro Woche vor Ort.

Das Thema Altersarmut dürften die Tafel besonders zu spüren bekommen. Ist die Zahl älterer Menschen, die zur Tafel kommen, gestiegen?

Ja, das geht auch aus der letzten Umfrage von Tafel Deutschland hervor. Demnach sind 26 Prozent der Kunden Rentner und Grundsicherungsabhängige, 47 Prozent sind ALG II-Empfänger und 20 Prozent Asylbewerber. In Berlin und Brandenburg liegt die Zahl der Rentner mit 32 Prozent im Ländervergleich sogar am höchsten.

Gab es Rückschläge oder Momente in denen Sie dachten, ich kann dieses Ehrenamt nicht mehr ausüben?

Nein, so einen Moment gab es nicht. Im Gegenteil, ich bin von der Grundidee nach wie vor zu einhundert Prozent überzeugt und denke, es ist mit das beste Ehrenamt, denn es deckt gleich zwei wichtige Dinge ab: Zum einen verhindern wir Lebensmittelvernichtung und helfen gleichzeitig Bedürftigen. Das hat mich von Anfang an fasziniert.

Hat die Lebensmittelvernichtung ihrer Erfahrung nach in den letzten Jahren zugenommen?

Es ist auf jeden Fall nicht weniger geworden, das Ganze hat sich aber verlagert. Wir holen zum Beispiel in den Supermärkten selbst weniger ab. Das heißt die Händler hier vor Ort werfen nicht mehr annähernd so viel weg, wie noch vor 20 Jahren, auch weil die Lagerhaltung stark optimiert wurde. Aber es ist natürlich noch immer absurd, wie viel im Herstellungsprozess verschwendet wird und am meisten wird natürlich in privaten Haushalten weggeworfen. Für mich fängt Lebensmittelrettung im eigenen Kühlschrank an.

Was ist ihr größter Wunsch für die Rathenower Tafel?

Ich wünschen mir, dass die Finanzierung so gesichert ist, dass wir auf Dauer unsere festangestellte Mitarbeiterin halten und dazu jemanden aufbauen können, der unterstützt, um auch langfristig die Vereinsarbeit zu sichern. Und ich wünsche mir von der neuen Landesregierung, dass sie sich mit dem Thema Grundfinanzierung von Tafeln beschäftigt. Es wäre auch schön, wenn Förderungen nicht immer projektbezogen sind, so dass wir die Gelder auch für laufende Kosten ausgeben können. An dieser Stelle möchte ich aber nicht unerwähnt lassen, dass wir in Rathenow immer von der Stadt unterstützt wurden, auch der Landkreis und einzelne Unternehmen helfen regelmäßig. Das ist nicht selbstverständlich und dafür möchte ich Danke sagen. Denn ohne diese Hilfe könnten wir unsere rund 650 Kunden nicht mehr versorgen. Wir freuen uns also über jede Spende, denn diese sichern die Existenz unseres Verein.

Von Christin Schmidt

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