Region rund um Rathenow feiert das Instrument des Jahres
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Region rund um Rathenow feiert das Instrument des Jahres

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17:41 01.02.2021
Die Lütkemüller-Orgel in der Großderschauer Kolonistenkirche wurde von Orgelbauer Matthias Beckmann restauriert.
Die Lütkemüller-Orgel in der Großderschauer Kolonistenkirche wurde von Orgelbauer Matthias Beckmann restauriert. Quelle: fotos: Norbert Stein
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Westhavelland

Das hätte dem Meister der alten Musik gefallen. Johann Sebastian Bach war ausgewiesener Orgelfachmann. Der Expertenrat des großen Kirchenmusikers war zu seiner Zeit hoch geschätzt. Die Bach’schen Orgelprüfungen waren legendär. Es hätte ihm also gefallen, dass die Orgel zum Instrument des Jahres 2021 erklärt worden ist.

Die Orgel wird wegen ihres prächtigen Äußeren und ihres gewaltigen Klanges oft als „Königin der Instrumente“ bezeichnet.

Die Orgel in Ferchesar

Wie schön für die Region um Rathenow. Hier gibt es in einigen Kirchen schöne Orgeln – große und kleine, von bekannten und weniger Orgelbauern. Und es ranken sich einige interessante Geschichten um das Instrument.

Das wäre die von Michael Reinecke aus Ferchesar. Im Jahr 2003 verließ er den Ort, um Orgelbauer zu werden. Als die Sanierung der Dorfkirche vor einigen Jahren anstand, war klar, dass Reinecke die Orgel restaurieren sollte – ein Heimspiel sozusagen.

Orgelbauer Michael Reinecke (r) erklärt dem Vorsitzenden des Fördervereins Kirche Ferchesar, Matthes Mustroph, Einzelheiten zur Restaurierung der Chorraumorgel. Quelle: Norbert Stein

Dass Ferchesar überhaupt eine Orgel in der Kirche hat, ist der Bundesgartenschau im Jahr 2015 zu verdanken. Gäste aus Münster in Westfalen weilten in der Region und besuchten auch die Kirche in Ferchesar. Dabei stellten sie fest: die Kirche hast keine Orgel.

Gute Idee

Die Besucher wurden hellhörig. Ihre evangelische Jakobus-Kirche in Münster sollte eine neue Orgel bekommen und die Kirchengemeinde plante, die bisher genutzte, im Jahr 1960 erbaute, Chorraumorgel abzugeben. Der Ferchesarer Förderverein nahm mit der Kirchengemeinde in Münster Kontakt auf. Als die Havelländer erklärten, sie würden das Instrument gerne in ihrer Dorfkirche aufstellen und erklingen lassen, bekamen sie die Chorraumorgel geschenkt.

Michael Reinecke hatte später jedes Einzelteil in den Händen. Die Orgelpfeifen – 382 Stück – überholte und stimmte er. die Ventile wurden neu befestigt. Der Motor für die Windversorgung musste aufgearbeitet werden. Der schöne Lohn: Orgelbauer Michael Reinecke spielte die restaurierte Orgel zum Abschluss des ersten Bauabschnittes für die Kirchensanierung.

Die Orgel in der Stechower Kirche. Quelle: Norbert Stein

Rundumsaniert ist auch die Orgel in der Dorfkirche Hohennauen. Die Orgel wurde im Jahr 1738 von einem unbekannten Meister geschaffen. Seit 1906 birgt das barocke Orgelgehäuse ein pneumatisches Instrument mit zehn Registern auf zwei Manualen und Pedalen in sich, erbaut von Alexander Schuke.

Während des Ersten Weltkrieges wurden aus der Orgel die großen Pfeifen aus Zinn ausgebaut, für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen und durch schwere Zinkpfeifen ersetzt. Von den insgesamt 530 Pfeifen der Orgel sind über 250 aus Zink.

Die in der Schuke-Werkstatt sanierte Orgel in Hohennauen. Quelle: Norbert Stein  

Sie wurden mit der Sanierung der Orgel im vergangenen Jahr in der Schuke-Werkstatt in Werder an der Havel wieder durch Zinnpfeifen ersetzt. Die Familie Schuke hat enge Verbindungen nach Hohennauen.

Denn Seniorchef Matthias Schuke hat als Jugendlicher auf der Hohennauener Orgel gespielt. Das berichtet die Vorsitzende des Förderkreises Dorfkirche Hohennauen, Monika Pickenhahn.

Seine Eltern waren mit der damaligen Hohennauener Pfarrersfamilie Riedel befreundet. Rund 75 000 Euro musste der Förderverein Dorfkirche Hohennauen für die Orgelsanierung aufbringen. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat dafür 30 000 Euro aus einem Orgelprogramm bewilligt. Das Land Brandenburg gab ebenfalls 30 000 Euro dazu.

Kolonistenorgel kam später

Die Großderschauer Kolonistenkirche ließ 1785 Friedrich II. zum Abschluss der Entwässerungsarbeiten im Rhinluch und Dossebruch erbauen. Aber erst 1859 baute Friedrich Herrmann Lütkemüller eine Orgel. Drei Kriege hat diese überstanden. Organisten haben auf der „Königin der Instrumente” viele Gottesdienste, Konzerte und Feierlichkeiten begleitet — seit Anfang der 1980er Jahre aber nicht mehr.

Die 1859 von Friedrich Heinrich Lütkemüller erbaute Orgel in der Großderschauer Kolonistenkirche. Quelle: Pfarrsprengel Sieversdorf

Der Blasebalg war kaputt, Pfeifen und andere Teile defekt. Die Orgel konnte nicht mehr bespielt werden. Nahezu zehn Jahre sammelte der Gemeindekirchenrat Geld für die Restaurierung. Dann war es geschafft. Der Gemeindekirchenrat beauftragte Matthias Beckmann aus Friesack mit der Reparatur des Instrumentes. Der Orgelbauer brachte die wiederverwendbaren Pfeifen in Ordnung, auch den Blasebalg, den er zudem mit einem Elektromotor ausstattete. Die Orgeltechnik, mit Windladen und Mechanik, wurde justiert. In die Ansichtsseite der Orgel baute er Zinnpfeifen ein. Rund 17 000 Euro hat das gekostet.

Auf einer sogenannten Übergangsorgel spielen die Organisten in der Rathenower Sankt-Marien-Andreas-Kirche. Mit den letzten großen Sanierungsschritten soll aber auch hier wieder eine Orgel eingebaut werden. Der Förderkreis zum Wiederaufbau der Kirche verkauft kleine Orgelpfeifen an Spender. Euro für Euro vergrößert sich die Spendensumme.

Orgelöbauer Matthias Beckmann aus Friesack arbeitet an der Großderschauer Orgel. Quelle: privat

Überhaupt sind es die Fördervereine der Dorfkirchen, die Sanierung, Restauration oder den Wiederaufbau vorantreiben. In Ferchesar, Hohennauen, Rathenow und anderswo im Havelland.

Johann Sebastian Bach hätte es gefallen.

Von Joachim Wilisch