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Rathenow Das Wunder von Stölln: Als die „Lady Agnes“ auf dem Feld landet
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Stölln feiert 32. Landefest

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20:12 24.10.2021
Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach erinnert sich zurück: Es gab damals viele Skeptiker. Er bereut keine Sekunde des Abenteuers.
Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach erinnert sich zurück: Es gab damals viele Skeptiker. Er bereut keine Sekunde des Abenteuers. Quelle: Franziska von Werder
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Stölln

Am Gollberg in Stölln stehen Menschen aus der gesamten Republik um die „Lady Agnes“. Die Kennzeichen der parkenden Autos verraten, dass sie aus Potsdam, Magdeburg, sogar aus Sachsen und Nordrhein-Westfalen angereist sind, um das Wunder von Stölln zu feiern. Um 13:03 Uhr ertönt ein Fliegergeräusch. Es sind Tonaufnahmen von der IL 62, die Dieter-Heinz Kallbach mit seiner Crew vor 32 Jahren exakt zu dieser Uhrzeit auf dem Acker in Stölln landete. Eine einmalige Leistung, die es ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte.

Die Maschine benötigte eine Betonpiste von 2500 Metern zur Landung

Die Maschine, die eine Betonpiste von 2500 Metern zur Landung benötigte, schaffte es in nur 850 Metern. Auch aus einem anderen Grund ist Stölln berühmt: Fast 100 Jahre vor der Landung der IL 62 kam Otto Lilienthal nach Stölln. Hier absolvierte er erfolgreiche Flugversuche, die heute noch Grundlage für die Luftfahrtfahrt bilden. Ihm zu Ehren wurde die IL 62 auf den Namen „Lady Agnes“, Lilienthals Frau, getauft.

Viele Besucher und Besucherinnen sind gekommen um die Landung im Jahr 1989 von „Lady Agnes“ zu feiern.

„Die Idee der Landung auf dem Acker war absolut verrückt und niemals hätte ich gedacht, dass wir die Genehmigung dafür bekommen, dass hier so ein großer Vogel landet“, so Dieter-Heinz Kallbach, der Flugkapitän der IL 62. Fliegerische Voraussetzungen mussten getroffen, aber auch technische und organisatorische Fragen mussten geklärt werden, denn - so Kallbach: „Eine Landung auf unbefestigten Plätzen gab es damals noch nicht – es war eine völlig neue Herausforderung.“

Also machte sich ein Team an die Arbeit. Ein Maßnahmenplan wurde erschaffen, Sondergenehmigungen mussten erarbeitet, dann im nächsten Schritt erwirkt werden. Es stand eine unwahrscheinliche Menge an Berechnungen an - etwa welche Bremskraft man braucht, um die Maschine zum Stehen zu bringen.

Beton eine ganz andere Haftreibung

Dieter-Heinz Kallbach verdeutlicht die Situation der Landung: „Jeder hat schon mal gesehen, wie ein Fußballer nach einem Tor auf dem Rasen mit seinen Knien entlanggerutscht. Jetzt stelle man sich vor, er tue das auf Beton.“ Man kann sich gut vorstellen, dass der Spieler danach sofort in ärztliche Behandlung muss. „Also“, sagt Kallbach, „hat Beton eine ganz andere Haftreibung als die Oberfläche hier, wo wir landen wollten.“ Als der Acker untersucht wurde, stellte man fest, dass im Boden eine hohe Luftfeuchtigkeit gespeichert ist. „Wenn jetzt 75 Tonnen da landen, wird die Feuchtigkeit rausgedrückt und der Boden wird zu Schmierseife“, so Kallbach. Der Gedanke daran habe ihm damals viele schlaflose Nächte bereitet.

Doch am 23.10.1998 startete die IL 62 von Berlin-Schönefeld nach Stölln. Die Crew war sich der Risiken bewusst, aber durch die vielen Berechnungen waren sie auf kalkulierbare Risiken reduziert. Als die Maschine zur Landung ansetzte, hält Stölln den Atem an. Die Aktion sollte für den Fall, dass sie schief geht, eigentlich ohne Zuschauer ablaufen. Aber in einer kleinen Gemeinde und mit so viel Vorbereitungsarbeit lässt sich natürlich nichts geheim halten. Heute ist Stölln durch das Spektakel für viele Touristen zum Anziehungsort geworden: „Diese verrückte Idee, die Landung der Ìlljuschin 62, zieht jährlich 20.000 Besucher an“, so Horst Schwenzer,

Die "Lady Agnes" zieht zum ihrem 32. Lande-Jubiläum Menschen aus ganz Deutschland an. Quelle: Franziska von Werder

Vereinsvorsitzender des Otto-Lilienthal-Vereins, der bei der Landung dabei war: „Ich war Augenzeuge und ich denke immer noch, es war erst gestern. Nach zwei Überflügen, kam die Maschine, flog dicht über den Baumspitzen, erschien im Blickfeld und setze Punkt genau, wie von Heinz-Dieter Kallbach vorausberechnet, zur Landung an. Die IL 62 erschien über den Baumwipfeln und hob sich vorn an. Es waren bange Sekunden für alle Zuschauer.“

Lady Agnes wurde im Jahr 2018 saniert

Horst Schwenzer sorgte mit dem Verein dafür, dass die Lady Agnes im Jahr 2018 saniert wurde: „2021 ist die IL 62 48 Jahre alt. Sie ist so alt, wie 1896 Otto Lilienthal verunglückte.“ Nach dem Landefest 2017 war es dann soweit und die Reparaturen konnten beginnen. „Heute glänzt die Lady wieder und bleibt dem Tourismus erhalten“, so Schwenzer. Ihm und einem anderen besonderen Menschen - der damaligen Bürgermeisterin von Stölln, Sybille Heling, spricht Kallbach seinen Dank aus: „Weltweit wird von einer einmaligen außergewöhnlichen fliegerischen Leistung gesprochen, das macht uns als Besatzung natürlich stolz. Aber besonders stolz macht uns das Engagement des Vereins und der Gemeinde, ohne die das alles, diese stürmische Entwicklung des Tourismus hier in dieser Region nicht möglich gewesen wäre.“

Der Dank richtet sich auch an die Stöllner selbst für ihr Ideenreichtum

Beide bekommen an diesem Samstag die Ehrenbürgerschaft verliehen: „Ich bereue nichts! Viel schöner als die Ehrenbürgerschaft ist für mich, dass wir Freunde geworden sind und zusammenhalten“, so Heling. Der Dank richtet sich auch an die Stöllner selbst für ihr Ideenreichtum und Engagement.

Von Franziska von Werder