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Havelland Schauprozess im Gasthaus: Keine Gnade für Albert Wulkow
Lokales Havelland Schauprozess im Gasthaus: Keine Gnade für Albert Wulkow
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19:06 22.07.2019
In einem der drei Garlitzer Gasthäuser gab es 1953 einen Schauprozess gegen den Landwirt Albert Wulkow. Quelle: Joachim Wilisch
Garlitz

Eine Gaststätte gehörte früher in jedes Dorf. Garlitz hatte sogar mehrere davon. Ein altes Gasthausgebäude steht noch. Es fällt auf. Denn im Gegensatz zu den anderen Häusern, die alle eingeschossig sind, ist dieses höher gebaut.

Viele Feste

Es gibt alte Postkarten, auf denen zu sehen ist, dass zunächst ein einstöckiges Gebäude hier stand. Offenbar lief der Gastbetrieb bestens. Davon zeugen auch Fotos. Hochzeiten wurden in dem Saal gefeiert, Trauergesellschaften wurden versorgt und so manches andere Fest fand hier statt.

Gut gebucht

Im Gastraum kamen die Garlitzer zusammen und erzählten sich Neuigkeiten. Viele Landwirte genossen hier ihren Feierabend, wenn sie ihn den hatten. Und vor allem, wenn der Gottesdienst zu Ende war, trafen sich die Männer hier zum Frühschoppen. Die Gästezimmer waren gut gebucht.

Eine alte Ansicht des Gasthauses (rechts). Quelle: Heimatverein/Repro: Joachim Wilisch

Als aber der Rat des Kreises Rathenow für Mai 1953 den Saal buchte, da waren die Wirtsleute keinesfalls froh. Denn am 15. Mai 1953 fand ein Schauprozess in dem Raum statt. Angeklagt war Albert Wulkow aus Garlitz. Sein Vergehen, weshalb man ihn wie einen Verbrecher behandelte: er hatte Normen nicht erfüllt hatte. Um genau zu sein: „Nichterfüllung des Ablieferungssolls“ lautete die exakte Bezeichnung in der Anklageschrift.

Post vom Rat des Kreises

Die wirtschaftliche Lage war in der damals noch jungen DDR schlecht. Mit harter Hand versuchten die Regierenden ihren Kurs durchzusetzen. Das hatte vor Albert Wulkow bereits Irene Ganzer erlebt. Anfang Februar 1953 hatte sie Post vom Rat des Kreises bekommen.

„Mangelnde Wirtschaftsführung“

„Mit Beschluss der Kommission für devastierte landwirtschaftliche Betriebe (...) wird Ihr Betrieb nach dem Kontrollratsgesetz (...) unter die Verwaltung für devastierte landwirtschaftliche Betriebe in Rathenow gestellt.“ So steht es in dem Schreiben. Begründet wird der Beschluss damit, dass Irene Ganzer die Art, wie sie ihre Landwirtschaft betrieb nicht geändert hat, obwohl der Rat des Kreises ihr in den Jahren 150 bis 1952 bereits „mangelnde Wirtschaftsführung“ unterstellt hatte. Unterzeichnet ist der Beschluss aus der Abteilung „Land- und Forstwirtschaft, allgemeine Agrarfragen“ vom stellvertretenden Abteilungsleiter Pannenberg.

Das Ehepaar Wulkow im Jahr 1963 in Berlin. Quelle: Heimatverein/ Repro: Joachim Wilisch

Bauer Albert Wulkow sah sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt. Allerdings sollte nun ein Exempel statuiert werden. Mit besagtem Schauprozess im Saal der Gaststätte. Garlitzer, die das miterlebt hatten erinnern sich, dass die Landwirte aus der Umgebung an dem Prozess sozusagen als Zuschauer teilnehmen mussten. Albert Wulkow durfte sich keinen Rechtsbeistand hinzuholen. Das Urteil: sieben Jahre Zuchthaus. Das Vermögen von Albert Wulkow wurde eingezogen

Viele blieben weg

Eine Tafel an dem Gebäude erinnert jetzt an diesen 15. Mai 1953. Und die Initiatoren des Garlitzer Geschichtenweges wissen auch, was danach passierte. Aus Angst verschwanden in kürzester Zeit fast alle Bauern. Damit hatte der Rat des Kreises nicht gerechnet. Den Bauern wurde Straffreiheit zugesichert, falls sie sich zur Rückkehr entschließen. „Straffreiheit weshalb“, werden sich viele gefragt haben. Die meisten blieben weg.

Neues Gesicht

Das veränderte das Gesicht des Dorfes. „Unfreiwillige Ab- und Zuwanderungen haben Garlitz ebenso verändert, wie zugezogenen Flüchtlinge der Kriegswirren in der Nachkriegszeit“, heißt es auf der Erinnerungstafel.

Gemeindeschwestern in dem Gebäude bei einem Müttervorbereitungskurs. Quelle: Heimatverein/Repro:Joachim Wilisch

Albert Wulkow bliebt im Gefängnis – bis zum Jahr 1956. Danach floh er nach Westberlin, wo er 1971 starb. Sein Sohn Heinz Wulkow betrieb nach der Wende im Jahr 1989 seine Rehabilitierung. Es dauerte noch bis zum Jahr 1993.

Die Rehabilitation

Am 5. Mai, fast genau 40 Jahre nach dem Zuchthaus-Urteil, stellte das Bezirksgericht Potsdam fest: „Das Urteil des Kreisgerichtes Rathenow vom 15. Mai 1953 wird für rechtsstaatswidrig erklärt und aufgehoben, soweit es den Betroffenen angeht.“ Weiter heißt es: „Die aufgehobene Entscheidung ist mit wesentlichen Grundsätzen einer freiheitlichen,rechtsstaatlichen Ordnung unvereinbar, weil sie politischer Verfolgung gedient hat.“ Das eingezogene Vermögen wurde an Heinz Wulkow ausgezahlt.

Der Arzt kam

Die Gaststätte wurde 1960 umgebaut. Auf der einen Seite wurde ein Textilkonsum eröffnet. Fritz Schmidt aus Garlitz erinnert sich: „Der gehörte einer Frau Meier.“ Rechts unten im Erdgeschoss wurde die Gemeindeschwesternstation eingerichtet. Zweimal in der Woche hielt ein Arzt Sprechstunde. „Sogar Hausbesuche mit Fahrrad und später Moped wurden gemacht“, weiß Fritz Schmidt.

Jetzt ist das Haus Teil des Geschichtenpfades in Garlitz. Quelle: Joachim Wilisch

Inzwischen steht das ehemalige Gasthaus schon lange leer. Das Haus ist ortsprägend und darum soll es nicht leer stehen bleiben. Als die Bundesbewertungskommission in Garlitz durch das Dorf ging, sagte Ortsvorsteherin Gudrun Lewwe, dass man sich an der Stelle gut einen Mehrgenerationentreff vorstellen kann. „Vorerst ist das aber noch Zukunftsmusik“, so Lewwe.

Garlitz und der Schauprozess

Mit der Verordnung über devastiere landwirtschaftliche Betriebe vom 20. März 1952 wurde geregelt, wie mit Bauernhöfen umzugehen ist, die verlassen wurden.

Zumeist waren es Bauern, auf die Druck gemacht wurde, indem die Ablieferungsnormen angehoben wurden.

In Garlitz kamen viele Landwirte erst nach der Wende wieder zurück, nachdem sie mit den Bildern des Schauprozesses gegen Alber Wulkow vor Augen das Dorf verlassen hatten.

Der Geschichtenweg in Garlitz beschreibt einen großen Dorfspaziergang.

Anhand von Tafeln erleben die Besucher, was sich in dem Dorf alles zugetragen hat.

Von Joachim Wilisch

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