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Schönwalde-Glien Ein stürmischer Wende-Januar
Lokales Havelland Schönwalde-Glien Ein stürmischer Wende-Januar
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19:46 28.01.2020
Der Januar 1990 begann mit einem großen Volksfest in Falkensee: Fast 100000 Menschen aus Ost und West kamen zur Brücke der Sympathie Quelle: Archiv
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Falkensee/Nauen

Das politische Erdbeben des Mauerfalls brachte auch im Havelland die Parteienlandschaft durcheinander. Während CDU, LDPD, NDPD und Bauernpartei in den kommenden Monaten fast völlig in der West-CDU und West-FDP aufgehen sollten, etablierten sich andere Parteien neu. Von manchen hörte man bald nichts mehr, etwa die FVP, die Mitte Januar 1990 zur Diskussion „Mit der FVP aus der Krise“ in Falkensee Ala-Kino einlud. Die Fortschrittliche Volkspartei (ging später in DSU und CDU ein) wandte sich gegen weitere sozialistische Experimente, war für die Einführung der Marktwirtschaft, für die Vereinigung von DDR und BRD, für den Abzug ausländischer Truppen aus beiden deutschen Staaten und für eine Öko-Reform.

SED im freien Fall

Die SED befand sich derweil im freien Fall. „Quo vadis, SED-PDS?“ hieß es am 17. Januar in der MV. Ende Januar wurde der Namensumschwung zur „PDS“ vollzogen, die gesamte alte Riege im Kreis Nauen wurde ausgetauscht. Mehr als 100 Delegierte wählten auf ihrer Konferenz einen komplett neuen Kreisvorstand, Günter Patzwald führte ihn als Vorsitzender.

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SPD-Ortsgruppen entstehen

Mitte Januar suchte die junge Ortsorganisation der SPD Falkensee zum Aufbau einer Geschäftsstelle Räume in der Stadt und lud zum ersten ordentlichen Kreisparteitag der Sozialdemokraten für den 20. Januar nach Nauen ein. In Elstal war am 9. Januar ein SPD-Ortsverband gegründet worden, die Schönwalder zogen Ende des Monats nach. 24 Frauen und Männer gründeten hier in der Gaststätte „Lindenhof“ den Ortsverband.

Grüne Partei gründet sich

Eine Gruppe der Grünen Partei der DDR war am 18. Januar in Nauen gegründet worden. „Aus der ökologischen und Friedensbewegung kommend, wird nun auch auf politischer Ebene versucht, allen Umweltzerstörern, Spekulanten, Militaristen, Bürokraten und Faschos den Einfluss und das Umfeld zu entziehen“, schrieben die Aktivisten der ersten grünen Stunde Heiko Tybussek und Ralf Hasford.

Jugendbund in Nauen

Während die einen über ihr Weiterbestehen diskutierten, wie der DFD (Demokratischer Frauenbund) in Staaken oder der WBA (Wohnbezirksausschuss der Nationalen Front) in Nauen, sprossen an anderen Stellen neue Organisationen wie Pilze aus dem Boden: In Nauen entstand der Jugendbund „Deutscher Regenbogen“, der der NDPD nahesteht. In der Kreisstadt Nauen rief der KDI, der Klub der Interessierten, zur „Demo gegen braun“ auf. Der Bund Unabhängiger Sozialisten der DDR forderte auch im Kreis Nauen, dass Parteien und Massenorganisationen ihr Vermögen dem Volk übergeben. In Groß Behnitz wurde ein Verband der Berufssoldaten gegründet. In Falkensee entstand das Bürgerkomitee „Rettet den Falkenhagener See!“

Das Falkenseer Museum erinnert in seiner Dauerausstellung an den Runden Tisch der Stadt. Quelle: Marlies Schnaibel

Das Neue Forum richtete derweil ein Büro in Nauen ein und diskutierte, ob seine Organisationsstruktur in der Zukunft als Partei, Verein oder weiter als freie Bewegung zu sehen ist. Daneben wurde zu vielen Runden Tischen und Aktionen eingeladen. In Falkensee traf sich am 24. Januar erstmals ein Runder Tisch. Beim ersten Treffen im Haus des Handwerks kamen Vertreter der Grünen Partei, des Neuen Forums, der SPD, des VdF (Freidenker), der CDU, der LDPD und der NDPD zusammen, Vertreter anderer Parteien und Bürgerbewegungen wurden zur Mitarbeit aufgerufen.

Überschriften des Jahres 1990

„Bleibe im Land – wehre dich täglich!“ Transparent eines Fünfjährigen bei der Montagsdemo in Nauen.

„Gewerkschaftshaus in Nauen nicht zu vergeben“ – Kreisvorstand des FDGB wehrt sich gegen SPD-Vorschlag zur Nutzung ihres Hauses.

„Keine Angst vor der Zukunft“ – Motto der Montagsdemo in Falkensee.

„Unser Land muss regierbar bleiben –auch deshalb machen wir weiter“ – der Nauener Wohnbezirksausschuss 1 will auch künftig für Bürger eintreten.

„Eier und Schweineschnitzel auf Kosten der Umwelt?“ – Proteste gegen den VEB Frischeier, Broiler- und Schweinemast in Falkensee.

„Auf jeweils 3 Spuren über die Grenze“ – Forderungen der Zöllner und Grenzer an der Falkenseer Übergangsstelle.

Demonstrationen und Diskussionen bestimmten das öffentliche Leben in einem turbulenten Januar. Dabei ging es durchaus heftig zu. In Falkensee waren auf der Demo Ende Januar flotte Sprüche zu lesen: „Drei Wochen nicht auf der Straße – gleich hebt die SED die Nase“ oder „Bleibt die SED an der Macht, dann gute Nacht“, viele hundert Menschen waren zu der Demo an der Stadthalle gekommen, Deutschland-Fahnen wehten.

Umbenennung des Pionierhauses

Fast still und leise gingen die ersten Umbenennungen vor sich. In Falkensee wurde Mitte des Monats das Pionierhaus umbenannt in „Haus am Anger“, die Umbenennung geschah im Zeichen der Umgestaltung des Landes und sollte zeigen, dass die Kinder- und Jugendarbeit hier nicht nur auf Pioniere beschränkt ist. Und die „MV“ berichtete Ende Januar von einer geplanten Umbenennung: Die Max-Reimann-Straße in Falkensee solle wieder Spandauer Straße heißen. Anfang Februar setzten die Stadtverordneten das um.

Von Marlies Schnaibel