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Schönwalde-Glien Eine mörderische Lesung
Lokales Havelland Schönwalde-Glien Eine mörderische Lesung
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17:15 21.10.2018
Vor der Lesung stimmte Veikko Bartel die Gäste mit der Gitarre ein. Quelle: Carsten Scheibe
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Schönwalde-Glien

Die liebevolle Mutter zweier Kinder steht nachts heimlich auf, um ihren Mann nicht zu wecken. Im Bad bringt sie ein Baby zur Welt, erstickt es und versteckt es in der Sporttasche ihres Sohnes. Zwei Tage später nimmt sie die Tasche mit in die Küche, in der sie arbeitet, kocht das tote Neugeborene zwei Tage lang und spült die Reste dann in der Toilette herunter. Nur der kleine Schädel, der in den Rohren steckenbleibt, sorgt dafür, dass der Mord auffliegt und die Mutter hinter Gitter kommt. Die Presse spricht von einem Monster.

Autor hatte mit 43 Tötungsdelikten zu tun

Im oberen Stockwerk der Räume des Kreativ-Vereins in Schönwalde-Dorf hätte man Freitagabend eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. 30 Leute aus der Region lauschten dem ehemaligen Potsdamer Staatsanwalt Veikko Bartel (52), der aus seinem neuen Buch „Mörderinnen“ las. Es ist am 20. August im Mosaik-Verlag erschienen und beschreibt akribisch genau vier grausame Fälle, die vor Gericht verhandelt wurden und Frauen in den Mittelpunkt stellen. Da geht es um die Babymörderin, die Giftmischerin, die Sadistin, die Ehemann-Killerin. In seiner Amtszeit hat der Autor, der inzwischen an einer Privat-Uni Steuerrecht lehrt, es mit 43 Tötungsdelikten mit 61 Tatopfern zu tun bekommen.

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Veikko Bartel erzählte: „Mein Büro war geschlossen zu mir gekommen und hatte gesagt: So einen Fall wie die Babymörderin könne nicht einmal ich verteidigen, da sei die Grenze, das ginge nicht. Am Ende waren sie aber alle aufgebracht, weil die Frau eine in ihren Augen viel zu schwere Strafe bekam.“

Frauen morden seltener als Männer

Es ist das Vermögen des Autoren in seinem der Wahrheit nachspürenden Buch: Er stellt die Dinge auf den Kopf und sorgt dafür, dass der Leser trotz seiner anfänglichen Empörung und auch Wut innehält und das Motiv einer Tat auf sich wirken lässt: „Als Strafverteidiger ist es wichtig, die Person zu verteidigen und nicht die Tat. Diesen Beruf kann man nur ausüben, wenn man bedingungslos weiter an das Gute in den Menschen glaubt.“ Sein Menschenbild habe sich in dieser Zeit nicht geändert. Tatsächlich würde er Menschen heute deutlich offener als früher begegnen. Klar sei aber: Frauen morden seltener als Männer – oder sie werden seltener erwischt. Und: „Wenn die Rahmenbedingungen so sind, kann jeder zum Mörder werden.“

Einladung vom Bürgermeister

Dass Veikko Bartel seine erste Lesung zu dem Buch in Schönwalde-Glien hielt, hatte einen einfachen Grund. „Ich habe Bürgermeister Bodo Oehme auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt, und er hat mich gleich dazu verdonnert, eine Lesung in seiner Gemeinde zu halten.“ Der Autor begann die Lesung am Freitag übrigens mit den Worten: „Mein längstes Plädoyer dauerte einmal fünfeinhalb Stunden. So lange wird es heute wohl nicht dauern.“

Die Zuschauer hingen trotz der geschilderten Grausamkeiten an den Lippen des vorlesenden Autors, denn: „Das Böse fasziniert immer“, weiß Bartel. Die Nachfrage nach weiteren Geschichten ist so groß, dass im kommenden Jahr bereits das nächste Buch avisiert ist: „Die Mörder“. Dann wird er den Männern die Bühne überlassen.

Von Carsten Scheibe