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Schönwalde-Glien Bürgermeister will altes Grabensystem wieder beleben
Lokales Havelland Schönwalde-Glien Bürgermeister will altes Grabensystem wieder beleben
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19:18 23.01.2020
Bürgermeister Bodo Oehme zeigt eine alte Buche, die wegen Trockenschäden gefällt werden musste. Quelle: Vivien Tharun
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Schönwalde-Glien

Die trockenen Sommer sind für Natur und Kommunen im Havelland eine Herausforderung. Schönwalde-Gliens Bürgermeister Bodo Oehme möchte darum ein altes Grabensystem wieder aktivieren, um bei Bedarf be- und entwässern zu können. Die MAZ sprach mit ihm über seine Idee.

Sie möchten das alte Grabensystem nicht nur in Schönwalde wieder aktivieren. Warum?

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Bodo Oehme: Wegen der großen Trockenheit im Juli/August in den der vergangenen zwei Jahren ist der Grundwasserspiegel in Schönwalde auf 1,80 Meter gesunken. Jetzt sterben die Bäume. Das Grabensystem von früher muss aktiviert werden und sollte mit beispielsweise in der Kläranlage Wansdorf geklärtem Wasser gespeist werden können, wenn es zu wenig Regen gibt.

Warum ist das jetzt noch nicht möglich?

Zum einen kommt von Landesseite keine Hilfe. Es gibt zwar einen Bewässerungsplan für die Lausitz, aber nicht für die Region Berlin/Brandenburg. Und zum anderen darf geklärtes Wasser nicht als Trinkwasser verwendet und nicht in die Natur eingeleitet werden. Das liegt an Rückständen, die sich nicht herausfiltern lassen. Beispielsweise solche von Antibiotika.

Was geschieht jetzt mit dem geklärten Wasser, wenn es nicht eingespeist wird?

Das wird in die Havel geleitet und fließt über die Elbe in die Nordsee. Pro Jahr werden in Wansdorf bis zu 13,2 Kubikmeter Wasser geklärt.

Wie müsste das Grabensystem beschaffen sein?

Friedrich Wilhelm I. hatte zwischen 1718 und 1724 ein Grabensystem zur Entwässerung im Havelländischen Luch bauen lassen. 1738/39 folgte ein System zur Bewässerung. Über den Niederneuendorfer Kanal kam wieder Wasser rein, wenn die Felder zu trocken waren. Diese Anlagen haben lange gut funktioniert. Sie wurden erst zu DDR-Zeiten teilweise zugeschüttet. Wir brauchen ein einstauendes Grabensystem, um mit den Folgen des Klimawandels künftig umgehen zu können.

Wie ist die Wassersituation in Schönwalde-Glien zurzeit?

Gegenwärtig ist die Hauswasserzufuhr gesichert. Wir sollten aber auf alles vorbereitet sein, falls mal nichts mehr von oben kommt. Wir hatten im gesamten Jahr 2017 einen Niederschlag von ungefähr 750 Litern pro Quadratmeter Boden. 2018 waren es nur 346 Liter und 2019 rund 525 Liter pro Quadratmeter. Das Grundwasser kann so nicht steigen. Die ersten Bäume, voran die Buchen, sind gestorben. Wir mussten schon einige fällen.

Wo zum Beispiel?

Unter anderem an der Straße der Jugend/Ecke Gotenweg. Dort mussten wir auch sehr alte Buchen fällen, weil sie durch die Hitze so viel Schaden genommen haben, dass Äste abbrachen. Da geht die Sicherheit vor. Es tut trotzdem weh, einen großen Baum wegnehmen zu müssen.

Mit einem Grabensystem könnten dann gezielt Waldteile und Felder bewässert werden?

Ja. Aber auch Moore. Die Moore sind zudem hervorragende CO2-Speicher.

Gibt es weitere Vorteile?

Bei plötzlichen Starkregen dienen die Gräben als Hochwasserschutz.

Woran hakt es denn jetzt noch?

Am Willen auf Regierungsebene. Es muss Fördermittel geben, damit endlich Maßnahmen gestartet werden können, die Bewässerung für die Zukunft zu sichern. Beispielsweise gibt es ein EU-Projekt für den Spandauer Forst. 18 Millionen Kubikmeter Wasser werden dort aus der Havel in neue Gräben geleitet.

Brauchen wir längerfristig nicht auch ein neues Versorgungssystem für Trinkwasser?

Wenn die Sommer so trocken bleiben, muss es Versorgungsleitungen geben, die aus Gebieten mit viel Wasser das Nass dahin leiten, wo es fehlt. Dazu wäre ein großer Verbund nötig, der die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern umfasst. Dann sind große Leitungen nötig und nicht nur bei uns ein Pumpwerk.

Was haben Sie bisher in der Gemeinde bezüglich der Gräben unternommen?

Seit 1994 sind wir dabei, wo wir können, Gräben freizuhalten. Wir beteiligen uns am kommunalen Nachbarschaftsforum. Daran sind Berlin und die umliegenden Gemeinden beteiligt. Im vorigen Jahr gab es ein Treffen, bei dem die Wasserversorgung thematisiert wurde. Wir arbeiten zudem mit Manfred Stock vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zusammen.

Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft?

Dass die Politik umdenkt. Und: Wasser- und Bodenverbände brauchen mehr Befugnisse, um zu handeln. Wir können zwar ohne Strom überleben, aber ohne Wasser geht es nicht.

Von Vivien Tharun