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Schönwalde-Glien Vergängliches Militärerbe
Lokales Havelland Schönwalde-Glien Vergängliches Militärerbe
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15:45 25.09.2018
Ingo Kuzia fotografierte im ehemaligen Fliegerhorst von Schönwalde.
Ingo Kuzia fotografierte im ehemaligen Fliegerhorst von Schönwalde. Quelle: Marlies Schnaibel
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Spandau/Schönwalde

 Bunkerfotos im Gewölbekeller. Das passt atmosphärisch. Denn selbst der alte Keller eines Spandauer Patrizierhausen hat seine militärischen Zeiten erlebt. In der Garnisonsstadt Spandau blieb wohl kaum ein Ort vom Militär verschont. Nun zeigen hier zwei Fotografen aus der Region ihre Arbeiten unter dem Titel „Timeline“. Ingo Kuzia aus Schönwalde im Havelland und Sabine von Breunig aus Berlin fotografierten verlassene Militärliegenschaften: Ingo Kuzia im Erlenbruch von Schönwalde, dem einstigen Fliegerhorst – Sabine von Breunig in Zossen/Wünsdorf.

Freelenser stellen aus

Die beiden Fotografen kennen sich aus der Berufsvereinigung Freelens Berlin, hier entstand die Idee einer gemeinsamen Ausstellung: In Spandau passte es in Ort und Zeit: in die kommunale Galerie im Historischen Keller und zum Europäischen Monat der Fotografie, an dem sich der Bezirk Spandau das vierte Mal beteiligt.

Mehr als Dokumentation

Zu entdecken sind zwei fotografische Positionen zum Thema Vergänglichkeit und Transformation historischer Orte, die weit über das Dokumentarische hinausgehen. In 50 Arbeiten zeigen die beiden Fotokünstler ihre Sicht auf den Verfall der Gebäude. Mit ästhetischer Brillanz setzen sie die Orte ins Bild, die vor allem eine große Verlassenheit ausstrahlen. Es sind aufgegebene Orte, Orte des Scheiterns. „Die Bilder zeigen etwas von der Hybris der Kriegstreiber, was von ihnen übrig bleibt“, sagt Sabine von Breunig. Die Hauptstadt Berlin und ihr Umland waren militärisch seit Jahrhunderten überlagert. Die fotografierten Orte zeigen, was von ihnen blieb und dass sich die Natur die Orte zurückholt.

Natur als Grafiker

Wie eine feine Radierung mutet da ein Bild von Sabine von Breunig an, sie hielt den Schimmel, der sich über die Wände zog, im Foto fest. Ingo Kuzia verstärkte den Natur-Effekt noch, indem er Bilder überlagerte; man muss genau hinschauen, um zu sehen, welche Birken denn noch schon in dem Haus wachsen oder welche der Fotograf auf die Wände reproduzierte. Das Ganze macht er mit einer ganz subjektiven Sicht auf die Farbe, mit einer Art Nicht-Farbigkeit.

Stilistische Unterschiede

Neben den stilistischen Unterschieden merkt man beiden Fotografen aber auch die gemeinsame Lust an Architekturfotografie an. Sabine von Breunig arbeitet seit 2001 als freie Interieur- und Architekturfotografin, erst in Hamburg, jetzt in Berlin, hier gehörte sie auch zur Meisterklasse von Arno Fischer bei der renommierten Fotoschule Ostkreuz. In der Edition Braus gab sie das Buch „Geisterstadt Wünsdorf“ heraus.

Spuren im Fliegerhorst

Ingo Kuzia hat lange als Sportfotograf gearbeitet, ehe er sich anderen Themenfeldern zuwandte. Architekturaufnahmen gehörten dazu. In der Region war er damit mehrmals zu sehen: so mit seinen Berlinfotografien, aber auch mit seinen Bildern, in denen er Orte der Reformation festhielt. Im Schönwalder Erlenbruch faszinierten ihn deshalb auch die Raumstrukturen, die einst für Menschen gemacht wurden und durch ihre Menschenleere um so mehr wirken. Soldaten, Sprayer, Paintballer – sie alle haben ihre Spuren in dem einstigen Fliegerhorst hinterlassen.

Führung und Podiumsgespräch

Die Ausstellung „Timeline“ in der Galerie Historischer Keller, Carl-Schurz-Straße 49/51, Spandau (gegenüber Nikolaikirche) läuft bis 4. November. Geöffnet ist mittwochs bis sonntags von 12 bis 18 Uhr.

Eine Sonderveranstaltung im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie wird für den 28.Oktober, 16 Uhr, angeboten: ein moderierter Ausstellungsrundgang mit Matthias Leupold, Professor für künstlerische Fotografie und digitale Bildmedien an der BTK Berliner Technische Kunsthochschule, und den Künstlern.

Arbeiten von Ingo Kuzia sind auch in der Ausstellung in der Stadtgalerie Werder (Uferstraße 10) zu sehen, Eröffnung Mittwoch 19 Uhr, sowie in der Freelens-Gruppenausstellung und Performance „Borderline“.

Die wird am 4. Oktober 19 Uhr im Salon Wellenmaschine, Wassertorstraße 62 von Berlin, eröffnet. Dazu am 12. Oktober Podiumsdiskussion 18 Uhr „Über die Zukunft des veröffentlichten Fotos“.

Die Bilder von Sabine von Breunig und Ingo Kuzia vereinen sich zu einem eindringlichen Essay über die Erinnerung und das Vergessen. Der Scherbenhaufen der Geschichte ist im wörtlichen wie im übertragenen Sinne zu sehen.

Von Marlies Schnaibel