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Havelland Selbsternannte Patrioten stehen im Regen
Lokales Havelland Selbsternannte Patrioten stehen im Regen
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17:40 19.11.2017
Die etwa 40 Demonstranten zogen in Begleitung von fünf Einsatzwagen. der Polizei vom Bahnhof zum Märkischen Platz.
Die etwa 40 Demonstranten zogen in Begleitung von fünf Einsatzwagen. der Polizei vom Bahnhof zum Märkischen Platz. Quelle: Ch. Schmidt
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Rathenow

Samstag, 14 Uhr, ein grauer Novembertag in Rathenow. Vor dem Bahnhof versammeln sich etwa 40 Menschen, jeder zweite von ihnen klammert sich an eine Deutschlandfahne. Sie sind gekommen, um den zweiten Geburtstag des Bürgerbündnisses Havelland zu feiern, das sich im November 2015 in Rathenow formierte. Ein Zusammenschluss von Menschen, die sich vor dem Islam fürchten, die Grenzen schließen wollen und vom Verrat am deutschen Volk sprechen.

Alle 14 Tage bringen sie unter Polizeischutz mit Gebrüll ihren Unmut auf die Straße. An diesem Samstag feiern all jene Anhänger, die nach zwei Jahren Protest übrig blieben, sich selbst. Dem bundesweiten Aufruf zur Geburtstagsdemo folgen etwa 15 Rathenower sowie Sympathisanten aus Hamburg, Berlin, Magdeburg, Stendal, Wien – darunter bekennende NPD-Mitglieder. Während sie ihre Fahnen schwingen, rufen sie den Häuserwänden zu, dass sie keine „bösen Nazis“ sind.

Christian Kaiser, Sprecher des Bürgerbündnisses Havelland und Bürgermeisterkandidat in Rathenow, umringt von Fahnen und wütenden Bürgern. Quelle: Christin Schmidt

Um die Gruppe zu beschützen, verbringen auch zahlreiche Polizisten den Samstag im Nieselregen. Der lautstarke Umzug wird von fünf Einsatzwagen und weiteren Beamten zu Fuß begleitet. Am Straßenrand verfolgen Passanten das Geschehen, einige filmen mit dem Handy und heben den Daumen als Zeichen der Anerkennung, andere schütteln ungläubig den Kopf.

„Toll, dass es Menschen gibt, die etwas tun“, sagt ein Rentner. Drei Jugendliche an der Tankstelle schämen sich für den Aufmarsch in ihrer Stadt. „Peinlich, so etwas kann man nicht unterstützen“, finden sie.

Kurz nach 16 Uhr zieht der Jubiläumsumzug des Rathenower Carnevals Clubs (RCC) am Märkischen Platz vorbei. Inzwischen haben sich zahlreiche Menschen an der Straße versammelt. Dem RCC wollen weit mehr Menschen gratulieren als dem Bürgerbündnis. Alt und Jung stehen jetzt neben selbst ernannten Patrioten, die Schlachtrufe des RCC hallen über den Platz während die Musik der Bürgerbündler gegen die der Karnevalisten anspielt.

Ansonsten halten sich beide Seiten mit Kritik zurück. Die bunten Narren ziehen an den nassen schwarz-rot-gelben Fahnen vorbei. Statt Worte fallen Kamellen. Um 16.20 Uhr verkündet der Sprecher des Bürgerbündnisses, Christian Kaiser, das Ende der Kundgebung. Die Patrioten geben sich dem Wetter geschlagen und verzichten auf weitere Wortbeiträge und eine geplante Beamershow. Das Helau der Karnevalisten ist bereits verhallt, Kaiser spielt noch einmal das Deutschlandlied. In den Pfützen liegen bunte Kamellen und in der Luft liegt ein fader Beigeschmack.

Um die etwa 40 Demonstranten zu schützen, mussten auch zahlreiche Polizisten den verregneten Novembertag im Freien verbringen. Quelle: Christin Schmidt

Von Christin Schmidt

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