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Havelland Spielen mit Mona und Matthis
Lokales Havelland Spielen mit Mona und Matthis
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17:06 18.04.2018
Die kleine Mona kam mit ihrem Bruder aus Brieselang zum Familientreff nach Spandau. Quelle: Marlies Schnaibel
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Havelland/Spandau

Matthis baut eine Burg. Er fährt mit dem Auto. Er schießt mit dem Ball durch den Raum. Er findet in Tom schnell einen Spielkameraden. Die beiden sind die Quirligsten von allen. Alle, das sind an diesem Tag Kinder und Eltern, die sich zum ersten Mal beim Familientreff des Traglinge-Vereins zusammenfinden. Der Verein betreut Eltern von Frühgeborenen und schwerkranken Kindern. Am Familientag im Hebammenhaus des Spandauer Waldkrankenhaus können sie sich jetzt einmal im Monat versammeln.

Das geht in ganz lockerer Runde vonstatten. Mütter und Väter, Großeltern und die Frauen vom Verein kommen zusammen, haben ihre Kinder immer im Blick. Denn das ist keine gewöhnliche Spielrunde. Hier wird auch über ernste Dinge gesprochen: über Schwangerschaftsvergiftungen, über Prozente der Überlebenschancen, über Kaiserschnitte, über Magensonden, über Atemgeräte. Über Schwangerschaftswochen und Gewichte.

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Als Matthis geboren wurde, wog er 690 Gramm, konnte nicht selbstständig atmen; heute tobt er durch den Raum, kommt bald in die Schule. Er ist der Sohn von Katja Mahn, der Geschäftsführerin des Vereins. Sie weiß deshalb genau, wie es den Eltern geht. „Von einem Tag auf den anderen hat sich das Leben verändert“, erinnert sie sich. Viele sind mit der Situation überfordert, brauchen Hilfe, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden. Hier setzt der Verein mit seiner Arbeit an.

2009 haben Katja Mahn und Christine Hartmann den Verein gegründet. Er wirkt in Spandau, aber auch im Havelland und in Oberhavel. „280 Familien haben wir bisher begleitet“, rechnet Katja Mahn nach. Für viele ist es ein Schock, mit einem Frühchen, mitunter auch behindert, aus dem Krankenhaus nach Hause zu kommen. Magensonde und Monitor gehören dann plötzlich zum Alltag, da fühlen sich manche schnell überfordert. Der Verein mit seinen zwölf Mitgliedern hilft.

Sie helfen beim Umgang mit der Technik, aber auch beim Umgang mit den Behörden, mit der Wohnungsverwaltung, mit dem Jobcenter. „Wir wollen den Übergang in den neuen Alltag gestalten“, erklärt Katja Mahn. Daneben bietet der Verein auf dem Gelände des Waldkrankenhauses einmal im Monat einen Frühchentreff und jetzt auch diesen Familientreff an. Dieser Familientreff soll auch die Geschwisterkinder einbeziehen, und er soll den Eltern die Möglichkeit zu einer kleinen Auszeit geben. Sie können über ihre Sorgen reden, sie müssen nicht. „Wir wollen die Eltern stark machen“, sagt Katja Mahn.

Der bunte Kreis

Der Traglinge-Verein, Verein zur Familiennachsorge, lädt für jeden 1. Mittwoch im Monat zum Frühchentreff und für jeden 3. Mittwoch im Monat zum Familientreff ein. Eingeladen sind Betroffenen in akuten Situationen, aber auch Ehemalige. Treffpunkt ist das Hebammenhaus des Spandauer Waldkrankenhauses.
Im multiprofessionellen Nachsorgeteam arbeiten verschiedene Berufsgruppen zusammen. Die Mitarbeiter sind Kinderkrankenschwestern, Kinderärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und Betroffene.
Der Bundesverband „Bunter Kreis“ agiert als Dachverband für Vereine, er organisiert, informiert, fördert und vernetzt bundesweite Nachsorge-Zentren, die Patienten und deren Familien nach der Entlassung aus dem betreuten Klinikalltag weiter versorgen und dabei einheitlich nach dem Modell Bunter Kreis arbeiten. Der Spandauer Verein „Traglinge“ ist Mitglied im Bundesverband.

Mehr unter www.traglinge-ev.de

Und so sitzen Mütter und Väter nebeneinander, die sich schon eine Weile kennen. Andere sind das erste Mal da und können Kontakte knüpfen. So wie Serena und Andreas Müller, das Spandauer Paar ist mit Tochter Silva da. „Der Verein ist uns eine große Hilfe“, sagt die Mutter, „sie machten Termine, kamen mit zu Ärzten.“ Und da war bei der kleinen, schwerkranken Silva viel zu machen. Für viele grenzt es an ein Wunder, dass sie noch lebt und so neugierig in die Welt blickt. Vater Andreas hat dem Verein auf seine Art Danke gesagt, er malerte Vereinsräume.

„Zwanzig Stunden in drei Monaten, mitunter eine Verlängerung um zehn Stunden“, rechnet Katja Mahn den Rahmen der Begleitung vor, „dann ist das Kontingent der Krankenkassen ausgereizt.“ Alles andere muss über Spenden und Sponsoren zusammengetragen werden. Kleinere und größere Hilfen kamen da zusammen. Da half zum Beispiel der große Frauenpreis Deutschland „Goldenes Bild der Frau“, der 10000 Euro in die Vereinskasse brachte. Da halfen die Glücksspirale und die Aktion Mensch mit der Förderung für ein Spezialfahrzeug. Da helfen viele kleine Spenden aus dem Umfeld der Betroffenen.
Der Zusammenhalt in der Gruppe ist groß. „Aus Leidensgenossinnen sind Freundinnen geworden“, sagt Manja Weißker, die heute in Brieselang lebt. Sie ist selbst betroffene Mutter und Krankenschwester und setzt sich im Traglinge-Verein für den neuen Familientreff ein. Ihre kleine Mona spielt inzwischen mit allem, was sich bespielen lässt: malt mit Buntstiften, fährt mit Autos, baut Türme und krabbelt durch die bunte Stoffröhre. „Wenn ich unsere kleinen Engel sehen, kommen mir in den unmöglichsten Momenten die Tränen“, gesteht Katja Mahn ihre Empfindung. Sie weiß, dass ihr munterer Matthis nicht nur ihr, sondern auch vielen anderen Kraft und Hoffnung gibt.

Von Marlies Schnaibel

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