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Oberhavel Adrenalin-Kick bei der Arbeit in 80 Meter Höhe
Lokales Oberhavel Adrenalin-Kick bei der Arbeit in 80 Meter Höhe
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18:03 02.01.2017
Nicolas Burchardt bei der Arbeit.
Nicolas Burchardt bei der Arbeit. Quelle: André Bauer
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Oranienburg

Routine kann tödlich sein. Deshalb prüft Nicolas Burchardt jeden seiner Fälle akribisch, immer ist es eine neue Situation, die besonderen Mut erfordert. In einem Seil hängend führt er ohne Gerüst Reparaturen und Arbeiten an Häusern durch und kommt so an viele unzugängliche Stellen: Etwa an eine aufgerissene Lötnaht in einer Regenrinne, die Anschlussschäden im Putz verursacht hat oder an das kaputte Dach des Außenfahrstuhls. Dafür entwickelte er mit seiner Oranienburger Firma ein System, das dem Höhenarbeiter ermöglicht, in einem Radius von 20 Metern zu arbeiten.

Wenn etwa die Baustelle im dritten Hinterhof unerreichbar für einen Hydrauliklift ist, kommt Nicolas Burchardt zum Zug: Mit seinen Kollegen meistert der 48-jährige Dachdeckermeister und Meister für Heizung und Sanitär schon seit 2008 die kompliziertesten Fälle. Sein Team aus handwerklichen Fachleuten sind Sanitär- und Heizungsbauer, Dachdecker- und Bauklempner. Mit einem riesigen Staubsauger reinigte die Firma 2015 das Oranienburger Schloss, in diesem Jahr säuberten sie die Rinnen der Orangerie und stopfte Löcher im Dach.

Abstieg ins Ungewisse

Bei jedem seiner Einsätze wird Nicolas Burchardt von einem zweiten Seil mitgesichert, er nutzt ein Trägersystem aus dem Bühnenbau. Gerade bessert die Firma eine Klinkerfassade in der Schönhauser Allee in Berlin aus. „Die Stürze bröckeln teilweise ab. Unser Auftrag wird dort noch andauern“, sagt er. Bei einem Projekt vor ein paar Jahren sollte er 80 Meter über dem Boden arbeiten – drei Tage bereitete er sich mental darauf vor. „Die Nummer war gefährlich“, sagt Nicolas Burchardt: „In den ersten Momenten spüre ich in solchen Situationen das Adrenalin sehr deutlich, vor allem, wenn der Wind an mir vorbeizieht. Manchmal steige ich ins Ungewisse und weiß nicht, wie es weitergeht, wenn ich am Seil hänge.“ Insgesamt beherrscht er sechs verschiedene Klettertechniken. Auf einer Baustelle ist er immer mit vier anderen Kollegen, die Kommunikation läuft über Walkie Talkies. Das Markenzeichen der Firma erkennt man schon von weitem: rote Anoraks und rote Fleecepullis.

Eine Nische gefunden

Im Reinigen von Fassaden hat die Firma eine Nische gefunden, denn es wird eine Trockeneis-Strahlanlage genutzt, die auch für denkmalgeschützte Häuser geeignet ist. Daneben saniert die Firma auch enge Schächte oder feuchte Fassaden, dichtet Balkone ab, entfernt rankenden Efeu, montiert Bauteile oder beseitigt Eiszapfen auf Dächern.

Zwischen 50 und 70 Aufträge hat das Unternehmen im Jahr, vor allem Berlin sei ein guter Absatzmarkt, weiß Nicolas Burchardt und sagt: „Wir haben auch schon in Chemnitz, Pasewalk oder auf Rügen gearbeitet. Ich könnte mir ebenfalls vorstellen, ins alpine Vorland vorzurücken, denn die großen Brücken dort schreien nach uns.“ Insgesamt gibt es sechs Festangestellte und zwei Freelancer in der Firma, Nicolas Burchardts Lebensgefährtin Susanne Kulpok arbeitet im Büro.

Nachwuchskräfte gesucht

Ein regelmäßiger Auftraggeber für das Unternehmen ist das Hotel Adlon: Dort putzen sie einmal im Jahr das gläserne Treppenhaus. Auch den Fernsehturm würde Nicolas Burchardt gerne reinigen: „Dann würde ich zwar zunächst ein bisschen Zeit brauchen, um mich mental darauf einzustellen. Aber ich wende bei der Höhe dann einfach meinen Tunnelblick an.“ Mit seinem Team hat er schon viel erlebt und kann sich nicht vorstellen, in seinen alten Job zurückzukehren: „Ich habe beruflich alles andere hinter mir gelassen und möchte nichts anderes mehr machen, weil es so spannend ist. Mittlerweile ist mein Team gut zusammengewachsen, wir alle haben ein Gedankenmuster.“ Auch sein Kollege Robert Lacek würde keiner anderen Profession mehr nachgehen wollen: „Es gibt hier jedes Mal eine neue Herausforderung und ich bin immer irgendwo anders.“ Noch etwa zehn Jahre wird Nicolas Burchardt klettern können – dann will er aber die nächste Generation in seiner Firma herangeholt haben: „Wir wollen wachsen und expandieren und suchen immer fähige Leute.“

Von Melanie Höhn

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