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Oberhavel Alles nur Täuschung
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00:35 03.03.2018
Historiker Peter Reinhardt (r.) referiert in Leegebruch zum Thema Scheinanlagen im Krämerwald. Quelle: Ulrike Gawande
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Leegebruch

Ein voll besetzter Speisesaal der Pestalozzi-Grundschule in Leegebruch erwartete am Dienstagabend den Berliner Historiker Peter Reinhardt, der einen Vortrag über Scheinanlagen rund um den Krämerwald halten wollte. Es war die Auftaktveranstaltung des Geschichtskreises Leegebruch, der anlässlich des 90-jährigen Gemeindejubiläums von Leegebruch eine vielfältige Veranstaltungsreihe für 2018 vorbereitet hat.

Was sind Scheinanlagen?

Doch was sind eigentlich Scheinanlagen? Errichtet wurden diese während des Zweiten Weltkrieges von den Nationalsozialisten, um britische und amerikanische Bomber von ihren eigentlichen Zielen abzulenken, erklärte der Historiker. Im damaligen Luftgau III, zu dem auch der Bereich rund um den Krämerwald gehörte, gab es insgesamt 59 solcher Scheinanlagen.

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Unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte

Es ist ein Kapitel deutscher Geschichte, über das nur wenig bekannt ist. In akribischer Kleinarbeit hat Peter Reinhardt in den letzten Jahren unzählige Archive besucht und Luftbilder ausgewertet. So verbirgt sich hinter der Kennnummer V-500 die größte Scheinanlage der Region, die rund um den Krämerwald errichtet worden war. Reinhardt: „In der Einflugschneise der feindlichen Bomber auf dem Weg nach Berlin haben die Nazis umfangreiche Scheinanlagen errichtet. Sie sollten den Angreifern schon 30 Kilometer vor Berlin vorgaukeln, dass die Flieger bereits am Ziel angekommen sind.“

Scheinflughafen in Pausin

Nachgebaut wurde ein Flughafen in Pausin, wo Flugzeugattrappen an Seilen hin und hergezogen wurden und ein Rangierbahnhof auf dem Acker bei Perwenitz. Bei Vehlefanz war der Spreeverlauf simuliert und auf einem Feld zwischen Eichstädt und Vehlefanz hatte man sogar das Berliner Zentrum nachgebaut. Exakt waren die Straßenzüge durch Schneisen in den Wald geschnitten worden und mit speziellen Laternen ausgeleuchtet worden, so dass für die oft jungen und unerfahrenen Piloten der englischen Flieger, die meist nachts ihre Angriffe flogen, der Eindruck entstand, schon am Ziel zu sein. In Berlin wurde bei Fliegerangriffen gleichzeitig Verdunklung angeordnet. Reinhardt: „Die Laternenbeleuchtung mitten im Wald wirkte auf die Fliegerpiloten, als hätten die Deutschen vergessen, die Lichter in einem Straßenzug abzuschalten.“ Aus der Luft betrachtet sollte eben alles so aussehen wie das Original. Reflektierende Folien simulierten Licht in Fabrikgebäuden. Ein Nebelgerät sorgte für verschwommene Bilder aus der Pilotenkanzel. Mit Scheinfeuern und Großbrandanlagen wurden vermeintliche Treffer simuliert.

Viele Scheinanlagen wurden schnell enttarnt

Viele Scheinanlagen, wie die Abdeckung der Hamburger Binnenalster, wurden oft schnell erkannt und zerstört. Andere, wie die Scheinanlage, die die Skoda-Werke in Pilsen darstellte, inklusive Schornsteinen und Wegen, hielten länger und schützten das eigentliche Werk vor Angriffen. Auch den Bahnhof Bukarest baute man zum Schein nach. Heute sind von der Scheinanlage rund um den Krämerwald nur noch wenige Reste zu finden. Man muss dazu ins benachbarte Havelland fahren, wo Bunker in den Vorgärten einiger Grünefelder Häuser zu entdecken sind. Ebenfalls bei Grünefeld lassen sich Reste von Funkanlagen finden, in Perwenitz sind im Wald Fundamente einer Radaranlage auszumachen. Bei Schönwalde/Glien wurde Peter Reinhardt ebenfalls fündig, als er kleine Erdhügel als Standorte ehemaliger Lichtkästen erkannte.

Von Ulrike Gawande

03.03.2018
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