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Oberhavel Bombardier-Mitarbeiter wollen faire Löhne
Lokales Oberhavel Bombardier-Mitarbeiter wollen faire Löhne
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14:37 28.03.2018
Rund 300 Mitarbeiter von Bombardier protestierten gestern in Hennigsdorf. Quelle: Fotos: Robert Roeske
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Hennigsdorf

Das Quecksilber stand bei Minus drei Grad Celsius, aus den Boxen dröhnte Gunter Gabriel mit „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“. Etwa 300 Beschäftigte der Frühschicht waren am Montagmorgen vor das Hennigsdorfer Bombardier-Werktor gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Die IG Metall fordert in der aktuellen Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie sechs Prozent mehr Lohn und das Recht der Arbeitnehmer, ihre Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für maximal zwei Jahre zu verkürzen, Rückkehrrecht in die Vollzeitbeschäftigung inklusive. „Diese Entlastung brauchen besonders Schichtarbeiter und Beschäftigte mit Kindern und Pflegeaufgaben“, erklärte Gewerkschaftssekretärin Anne Karl. Dafür sollen die Beschäftigten als Lohnausgleich einen Zuschuss von 750 Euro im Jahr oder 200 Euro im Monat bekommen.

Die Arbeitgeber indes wollten die 40-Stunden-Woche zurück. „Das wäre kollektiver Zwang zu Mehrarbeit ohne Zuschläge, und zwar für alle.“ Das sei nicht hinnehmbar, erklärte Anne Karl, unterstützt von Trillerpfeifen. Zudem bieten die Unternehmen in den Verhandlungen bislang eine Einmalzahlung von 200 Euro für Januar bis März sowie zwei Prozent mehr Lohn ab April 2018 für eine Laufzeit von 12 Monaten. Das sei empörend und realitätsfern. „Verhandeln können wir darüber nicht“, so Karl.

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Fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sei es außerdem nicht zu akzeptieren, dass die Kollegen im Osten nach Tarifvertrag statt 35 Stunden 38 arbeiten müssten. Das seien auf ein gesamtes Arbeitsleben gerechnet fast vier Jahre mehr Arbeit. Eine weitere Forderung der Gewerkschaft in den Verhandlungen sei ein bezahlter freier Tag für Azubis und Dualstudierende – bislang gilt das nur für jene unter 18 Jahren. Viele seien aber mittlerweile deutlich älter. „Ein freier Tag vor der Prüfung gewährleistet eine bessere Leistung und nimmt ein großes Stück Nervosität von Beschäftigten“, erklärte Anne Karl.

Am 19. Januar findet die nächste Verhandlungsrunde statt, und es werde sicher nicht der letzte Warnstreik bei Bombardier sein. Gebe es kein Verhandlungsergebnis zum Ende der Friedenspflicht, werde es Krach mit der Gewerkschaft geben. „Zur Not auch mit dem Mittel der 24-Stunden-Warnstreiks“, so Karl.

Auch die Zukunft der Produktion am Standort Hennigsdorf war Thema, rund 400 bis 500 Arbeitsplätze will Bombardier abbauen (MAZ berichtete). In Hennigsdorf habe es bislang zwei Gespräche zwischen Management und Vertretern des Betriebsrates über die Zukunft des Standortes gegeben. „Es wurde besprochen, welche Informationen noch vorgelegt werden müssen, damit wir überhaupt in Verhandlungen eintreten können“, erklärte Kathrin Hammerschmidt vom Betriebsrat. Doch die habe das Management noch nicht geliefert. So sei noch nicht bekannt, welche Aufträge erhalten blieben und welche abgezogen würden. „Es gibt auch keine plausible Herleitung, wie viele Kollege dann mit der verbleibenden Arbeit noch beschäftigt werden können.“

Vereinbart wurde bereits, dass es in Hennigsdorf bis Ende 2019 keine betriebsbedingten Kündigungen geben soll. Zudem hat das Management den Mitarbeitern im Werk 480 000 Stunden Arbeitszeit pro Jahr in der Produktion garantiert. Diese Zusage zweifelt der Betriebsrat allerdings an, weil das Management unter anderem Service-, Reparatur und Aufbereitungsarbeiten sowie Kleinserienaufträge einplant. „Mit diesen optimistischen Planungen werden die 480 000 Stunden ab 2020 nicht erreicht.“

Unterdessen vermarkte Bombardier schon Teile des Hennigsdorfer Firmengeländes, unter anderem mit einem städtebaulichen Vertrag. Zudem sei der Konzern schon dabei, die gesamte Rohbauanlage des Werks zu veräußern. Dabei sei all das noch Teil der Verhandlungen mit dem Betriebsrat zum Detailinteressenausgleich. Das Management habe beteuert, noch keine Tatsachen zu schaffen. „Wir behalten diese Entwicklungen im Blick und werden auch juristische Mittel prüfen“, so Hammerschmidt, die das Vorgehen Bombardiers als „Leichenfledderei“ bezeichnete.

Dass es noch schwere Verhandlungen werden, deutete auch Betriebsratschef Michael Wobst an. Er sei skeptisch, dass es angesichts der schwierigen Gespräche schnell eine Einigung geben könne. „Jeder muss wissen, wie die Perspektiven für ihn sind“, so Wobst. Der 61-Jährige selbst wird die Verhandlungen demnächst nicht mehr führen, denn Wobst geht nach mehr als 25 Jahren Betriebsrat Ende Februar in den Ruhestand.

Von Marco Paetzel

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