Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Oberhavel Die letzte Videothek
Lokales Oberhavel Die letzte Videothek
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:08 17.11.2017
Cindy Thomas (21), jobbt neben dem Jurastudium in der Videothek von Inhaber Klaus Gericke (kleines Foto.)
Cindy Thomas (21), jobbt neben dem Jurastudium in der Videothek von Inhaber Klaus Gericke (kleines Foto.)
Anzeige
Hennigsdorf

Jürgen Kern ist der erste Kunde an diesem Freitag, er stöbert bei den Neuerscheinungen herum. Dafür ist der 70-Jährige extra aus Hohen Neuendorf gekommen. „Meine Videothek dort hat vor Jahren zugemacht, also komme ich hierher.“ Das müsste der Rentner nicht, Kern kann seine Filme auch aus dem Internet streamen. Manchmal tut er das auch. Kunde bei „Amazon Prime“ ist er sowieso. „Aber die Bildqualität ist nicht so gut wie bei den Bluray-Filmen, die ich hier bekomme.“ Außerdem findet Kern neue Blockbuster schneller in der Videothek als auf den Streamingplattformen. „Und günstiger ist es hier sowieso“, sagt Kern und schnappt sich den ersten Film fürs graue Wochenende: „Vendetta“ mit Arnold Schwarzenegger. 1,70 Euro zahlt er dafür pro Tag.

Viele der Kunden der Videoworld-Filiale in der Veltener Straße kommen aus dem Umland. Oranienburg, Velten, Reinickendorf. „Wir haben sogar einen Rentner, der mit den Zug aus Neuruppin herkommt, weil er da keine Videothek mehr hat“, sagt Inhaber Klaus Gericke. Anfang der 1990er-Jahre hat er sein Geschäft eröffnet. Es war die Boomzeit der Videotheken, die Leute gierten nach VHS-Kassetten mit denen sie ihre neu angeschafften Videorekorder füttern konnten. „In Hennigsdorf hatten wir 8,9 Videotheken.“ Vom improvisierten Laden in der Garage bis zur umgebauten Schneiderstube war alles dabei. „Viele wollten auf den Zug aufspringen, professionell waren die Läden nicht“, so der 62-Jährige.

Das Videothekensterben hat sie alle dahingerafft. Heute ist Klaus Gericke, der mit seinem Geschäft in der Farbikstraße 15 als „Video-Welt“ begann, der letzte Überlebende in Hennigsdorf. Im ganzen Land haben in den vergangenen Jahren unzählige Videothekenbetreiber für immer die Türen zugeschlossen. Laut Industrie- und Handelskammer gibt es im ganzen Kammerbezirk mit acht Landkreisen nur noch 14 Videotheken. „Der immer schneller werdende technische Umschwung erlaubt, dass sich gerade jüngere Konsumenten zunehmend von den klassischen Medien abwenden“, so IHK-Sprecher Detlef Gottschling.

Auch Gericke hat mächtig Kunden verloren. Rund 20 000 Menschen haben sich in den vergangenen 26 Jahren mit einer Karte registriert, heute kommen vielleicht noch 3000 mehr oder weniger regelmäßig. Doch Gericke wollte den Kampf gegen das Netz nicht verlieren. Er dampfte die Öffnungszeiten ein, bis 23 Uhr brennt in seinem Laden heute kein Licht mehr. Zudem verkleinerte er seine Videothek im Sommer von 280 auf 135 Quadratmeter, um Mietkosten zu sparen. Seine rund 4000 Filme – DVDs und Blurays – sowie Videospiele passen trotzdem in die Regale. Auch auf Facebook hat sich Gericke angemeldet, unter dem Stichwort „Videoworld Hennigsdorf“ stellt er dort die neuesten Leihfilme vor, auch Aktionsgutscheine gibt es hier. „So kann man einen neuen Film für 50 Cent am Tag zu bekommen. Da kann das Internet nicht mithalten“, sagt der Berliner. Damit sein Laden auch nach der Verkleinerung von der Straße aus zu sehen ist, hat Klaus Gericke nun eine Leuchtreklame angebaut.

Er will nicht aufgeben, glaubt an eine Zukunft für sich und seine sieben Mitarbeiter. Vielleicht, sagt er, gebe es demnächst sogar wieder mehr Videotheken. Die Online-Abos würden den Leuten irgendwann zu teuer, und die Bildqualität seiner Scheiben sei eh besser. Vor Jahren hat Gericke seinen Plattenspieler weggeschmissen, darüber ärgert er sich heute. „Vinyl ist wieder modern. So kann es doch mit DVDs und Blurays auch kommen.“

Von Marco Paetzel