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Oberhavel Neun von zehn Fahrern helfen bei Unfall nicht
Lokales Oberhavel Neun von zehn Fahrern helfen bei Unfall nicht
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00:20 23.06.2018
Zwei junge Frauen liegen nach einem Unfall verletzt in ihrem Auto im Straßengaben. Mit diesem Verkehrsszenario wurde am Tag der Verkehrssicherheit auf der L21 nahe Wensickendorf die Hilfsreaktion von Verkehrsteilnehmern getestet. Quelle: Julian Stähle, Jan Kialuehn
Wensickendorf

Das zertrümmerte Fahrzeug liegt im Straßengraben der Landesstraße 21, die die Ortschaften Summt und Wensickendorf miteinander verbindet. In dem Wrack: zwei schwer verletzte junge Frauen. Angewiesen auf schnelle Hilfe, um den Autounfall zu überleben. Jede Minute zählt.

Die Unfallsituation ist an diesem Sonnabend, 16. Juni 2018, dem Tag der Verkehrssicherheit, mit Hilfe von Schauspielern gestellt, um das Erste-Hilfe-Verhalten von Verkehrsteilnehmern zu prüfen. Begleitet wird die Aktion von der Polizeiinspektion Oranienburg, Kamerateams und Fotografen. „Die Öffentlichkeitsarbeit ist ein ganz wichtiger Aspekt, um die Leute für solche Situationen zu sensibilisieren und zu erklären, wie sie sich im Ernstfall richtig verhalten“, erklärt André Quade, 1. Polizeihauptkommissar, der an diesem Tag das Polizeiteam vor Ort leitet.

Realistisches Unfallszenario auf Brandenburgs Straßen

„Schätzungsweise die Hälfte der Leute wird anhalten, um zu helfen, die andere Hälfte der Leute weiterfahren“, vermutet Polizeihauptkommissar Robert Müller am frühen Morgen, bevor es los geht. Es wäre eine ernüchternde Quote. Besteht doch die - gesetzliche - Pflicht zur Hilfeleistung bei Unglücksfällen. Das an diesem Tag aufbereitete Unfallszenario ist realistisch. „Unsere Kollegen haben immer wieder mit solchen Unfällen zu tun“, bestätigt der 35-Jährige. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Überhöhte Geschwindigkeit, zu geringer Sicherheitsabstand, aber auch Ablenkung durch die Nutzung des Handys beim Fahren zählen zu den Hauptgründen.

Neun von zehn Verkehrsteilnehmern fahren vorbei und helfen nicht

11.30 Uhr fällt der Startschuss, der Ernstfall wird getestet. Schnell zeichnet sich ab – die geschätzte 50/50-Prognose war offenbar deutlich zu optimistisch. Das Verkehrsaufkommen an diesem Sonnabend ist hoch, zahlreiche Autofahrer passieren nicht nur die Landesstraße, sondern auch den Unfall – ohne anzuhalten und zu helfen. Teilweise zehn bis 15 Minuten müssen die Polizeibeamten warten, bis das erste Auto anhält, um den vermeintlichen Unfallopfern zu helfen. Am Ende des Tages sind es gerade einmal zehn Prozent aller Verkehrsteilnehmer, die an dem Unfallwagen anhalten, um zu helfen.

Zwei junge Frauen kommen nach einem Unfall mit ihrem Auto von der Fahrbahn ab, liegen schwer verletzt im Straßengraben einer viel befahrenen Landesstraße. Sie benötigen dringend Erste Hilfe – doch wieviele Verkehrsteilnehmer halten tatsächlich an und helfen? Die Polizeiinspektion Oranienburg hat es getestet – mit einem erschreckenden Ergebnis.

300 Meter hinter der Unfallstelle lotst Robert Müller die Wagen aus dem Verkehr, die an dem demolierten Wagen vorbeigefahren sind, ohne zu helfen. Die gängigste Reaktion an diesem Tag auf die Frage nach der ausgebliebenen Ersten Hilfe ist: ratloses Schulterzucken.

„Viele Autofahrer konnten tatsächlich nicht erklären, warum sie nicht angehalten und geholfen haben“, berichtet Robert Müller. Denn in den Gesprächen habe sich gezeigt, dass fast jeder gewusst habe, wie wichtig Erste-Hilfe-Maßnahmen nach einem Unfall sind. Ältere Ehepaare, junge Familien mit Kindern auf der Rückbank, Wochenausflügler – nahezu alle Bevölkerungsgruppen zog der Polizeihauptkommissar aus dem Verkehr, um nachzufragen, aber auch aufzuklären und zu informieren. Das verunglückte Auto nur aus den Augenwinkeln gesehen, einen alten Unfall vermutet, die Annahme, auf einer Landesstraße nicht anhalten zu dürfen – so weitere Aussagen derer, die die Unfallstelle ohne Reaktion passiert hatten. Auch jede Menge Ausreden bekam Robert Müller zu hören. Die häufigste – man habe das Unfallauto nicht gesehen. „Viele Leute halten nicht an und versuchen dann Ausreden zu finden, zeigen keine Einsicht und haben auch nicht den Arsch in der Hose, um Fehler einzugestehen“, bilanziert André Quade. Oft seien möglicherweise Unsicherheit und Angst der Grund für die ausbleibende Hilfe. „Man darf nicht vergessen: Auch für den Helfer handelt es sich um eine Ausnahmesituation.“

Ersthelfer erschüttert über Ignoranz anderer Autofahrer

Eine nicht nur ernüchternde, sondern vor allem erschreckende Bilanz an fehlender Hilfsbereitschaft. Mut macht jedoch die Reaktionen der Helfer, die ohne langes Zögern an der Unfallstelle anhalten und sofort Erste Hilfe leisten – umsichtig, professionell und genau so, wie es in Erste-Hilfe-Kursen und der Fahrschule gelehrt wird (siehe Infokasten).

Auch sie sind erschüttert, als André Quade ihnen nicht nur erklärt, dass sie alles richtig gemacht haben, sondern auch, dass zahlreiche Verkehrsteilnehmer vor ihnen an dem Unfall vorbeigefahren sind, ohne anzuhalten und zu helfen. „Es geht gar nicht anders, als zu helfen“, findet Marcel Reichel, der sein Auto sofort gestoppt hatte und zu den beiden Verletzten geeilt war. Schließlich könne jeder in solch eine Situation kommen. „Dann will ich auch nicht daliegen und keiner hilft.“

„Es ist zum Kotzen“

Die Testsituation findet er gut. „Bestimmt drei, vier Autos sind vorbeigefahren. Wenn ich so etwas sehe, kann man doch nicht einfach weiterfahren.“

Auch Mandy Gramenz wühlt die fehlende Hilfsbereitschaft auf. Die junge Frau hatte zuvor versucht, mehrere Autofahrer anzuhalten, um Unterstützung zu erhalten. Diese hatten sich gar durch den von ihr mit einem Warndreieck abgesicherten Straßenabschnitt manövriert, um dann einfach weiter zu fahren. „Es ist zum Kotzen, da liegt jemand verletzt im Auto und niemand will helfen“, erklärt sie kopfschüttelnd. „Man fährt lieber vorbei, guckt noch und macht vielleicht Fotos.“ Der jungen Frau kommen die Tränen.

Auch Paulina Haubold und ihr Ehemann verhielten sich so, wie es sich die Polizei wünscht: „Wir haben Personen im Auto gesehen und sofort angehalten. Mein Mann hat den Notruf abgesetzt, ich bin sofort hin und habe geschaut, ob die Mädchen noch ansprechbar sind.“

„Schrecklich, dass man weiterfährt“

Die junge Frau weiß genau, was in einer Unfallsituation zählt: „Wir haben auf der Arbeit schon einmal durchgesprochen, was man tun sollte.“ Sie kümmert sich um die beiden Verletzten, „ich habe mit ihnen gesprochen, sie wussten, dass sie nicht allein sind. Das ist wichtig, das beruhigt.“

Dass viele andere Autos nicht anhalten, während sie selbst Erste Hilfe leistet, „darüber ärgere ich mich. Aber für mich ist wichtig, dass ich helfe. Ich würde mir auch wünschen, dass mir geholfen wird, wenn ich da mal liege.“ Die Aktion der Polizei findet Paulina Haubold gut: „Vielleicht weckt es andere auf.“ Überproportional viele Zweiradfahrer stoppen an diesem Sonnabendnachmittag und wollen helfen. „Gerade als Motorradfahrer ist einem die Unfallgefahr echt bewusst“, erklärt Ramona Naß. „Ich finde es total schrecklich, dass man einfach weiter fährt. “

Erste Hilfe am Unfallort – wie verhalte ich mich richtig?

Nach einem Verkehrsunfall sind die ersten Minuten oft entscheidend für das Überleben der Unfallopfer. Ersthilfe kann Leben retten und ist deshalb so immens wichtig. Polizeihauptkomissar André Quade von der Polizeiinspektion Oranienburg fasst die wichtigsten Punkte für Ersthelfer an einer Unfallstelle zusammen:

1. Anhalten! Passiert man eine Unfallstelle als Ersthelfer ist der allerwichtigste Punkt, anzuhalten und zu helfen.

2. Ruhe bewahren. Eigenes Fahrzeug mit Sicherheitsabstand (10 –20 Meter) abstellen, Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anziehen und Warndreieck aufstellen.

3. Überblick verschaffen und wenn möglich Unfallstelle sichern, auch um sich selbst zu sichern und Folgeunfälle zu vermeiden.

4. Wenn notwendig – aufgrund sehr schwerer Verletzungen der Unfallopfer - ggf. sofortige Erste-Hilfe- und lebensrettende Maßnahmen einleiten. Bei leicht verletzten Personen informieren Sie zunächst Polizei (110) und Rettungsdienst (112, diese Nummer gilt europaweit) und beginnen dann mit Erste-Hilfe-Maßnahmen.

5. Folgende Informationen sind für die Rettungskräfte wichtig: Wo ist der Unfall passiert, was ist passiert, wie viele Verletzte gibt es, welche Art von Verletzungen, wer ruft an und ganz wichtig: warten auf Rückfragen und nicht sofort auflegen.

6. Erste-Hilfe-Maßnahmen fortsetzen.

Jede Unfallsituation ist eine Extremsituation – sowohl für die Unfallopfer, aber auch für die Ersthelfer. Achten Sie darauf, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Teilen Sie sich die Ersthelfer-Maßnahmen auf, wenn sie mit mehreren Personen vor Ort sind. Sind Sie allein - helfen Sie zuerst der Person, die Ihrer Meinung nach die Hilfe am dringendsten benötigt. Faustregel: Helfen Sie nicht-ansprechbaren Personen, bevor Sie sich um ansprechbare Personen kümmern.

Unterschätzen Sie nicht, wie wichtig es für die Unfallopfer ist, durch Ersthelfer getröstet und beruhigt zu werden. Sie erhalten damit das Gefühl, nicht allein zu sein und Hilfe zu erhalten, schließlich ist die Situation für Unfallopfer auch eine große psychische Belastung.

Eine unterlassene Hilfeleistung ist eine Straftat (Strafgesetzbuch (StGB): §323c), die geahndet wird und mit einer Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden kann.

Auch wenn bereits ein anderes Fahrzeug an einer Unfallstelle zum Stehen gekommen ist, um Erste Hilfe zu leisten - halten Sie an und vergewissern Sie sich, ob weitere Hilfe benötigt wird. Gemeinsam kann man besser helfen.

Bedenken Sie: Sie können nichts falsch machen. Handeln Sie nach bestem Wissen und Gewissen, Sie können für keinen Fehler (rechtlich) belangt werden.

Die Absicherung der Unfallstelle ist enorm wichtig, um Folgeunfälle zu vermeiden. Stellen Sie bei Kurven oder vor Bergkuppen das Warndreieck vor diesen auf, um den herannahenden Verkehr frühzeitig auf die Gefahrenstelle hinzuweisen. Geben Sie ggf. Handzeichen zum Verlangsamen und Bremsen.

Seien Sie vorbereitet: Es empfiehlt sich das regelmäßige Auffrischen von Erste-Hilfe-Kenntnissen in entsprechenden Kursen. Hilfsorganisationen empfehlen die Wiederholung eines Erste-Hilfe-Kurses allerspätestens nach fünf Jahren. Wer in einer Unfallsituation helfen kann, fährt auch nicht vorbei.

Wie aber fühlt sich das minutenlange Warten auf Hilfe für die Unfallopfer an? Luisa Helm ist eine der beiden Darstellerinnen in dem Autowrack. „Erschreckend, einfach nur erschreckend. Ich bin schockiert, wie viele Autos vorbeigefahren sind, ohne anzuhalten und zu helfen“, schildert die 18-Jährige am Ende des Tages bedrückt. „Man fühlt sich so hilflos und ist doch auf die Unterstützung anderer angewiesen. Diejenigen, die geholfen haben, waren toll. Es ist ein beruhigendes Gefühl, wenn man in solch einer Situation einfach nicht mehr allein ist.“

Zwei junge Frauen kommen nach einem Verkehrsunfall mit ihrem Auto von der Fahrbahn ab und liegen schwer verletzt im Straßengraben der L21, die die Orte Summt und Wensickendorf verbindet. Zahlreiche Auto-, Motorrad- und Fahrradfahrer passieren die Unfallstelle an diesem Sonnabendnachmittag. Doch nur wenige Verkehrsteilnehmer halten an und helfen. Polizei-Hauptkommissar Robert Müller von der Polizeiinspektion Oranienburg sucht das Gespräch mit den Nichthelfern, klärt auf und informiert.

Rettungskräfte: „Holen Sie uns, wir kommen, um zu helfen“

Unterstützung leistet an diesem Tag die Freiwillige Feuerwehr Wensickendorf. Die Kameraden, die sich jederzeit in den Dienst der Bevölkerung stellen, um in Notsituationen zu helfen, können kaum fassen, was sie sehen. „Dass nicht jeder anhält, damit war ja zu rechnen“, meint Gruppenführer Patrick Mademann. „Aber dass so viele Autos vorbeifahren, ohne zu helfen, ist einfach nur erschreckend.“ Den Notruf zu tätigen und Hilfe zu holen, wenn man sich selbst dazu nicht in der Lage sieht, das könne schließlich jeder. „Und dafür sind wir ja auch da: wir kommen, um zu helfen.“ Auch André Quade appelliert an alle Verkehrsteilnehmer: „Jeder kann in solch eine Situation geraten und selbst Hilfe benötigen. Ersthilfe rettet Leben, fahren sie nicht einfach vorbei.“

Von Nadine Bieneck

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