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10:58 16.10.2019
Ortschronist Joachim Kullmann vor den Gedenkstelen in der Ottostraße, wo einst der Aagaard-Tunnel begann.. Quelle: Fotos: Helge Treichel
Glienicke

In dem kleinen Ort am Rande Berlins wurde keine Weltgeschichte geschrieben. „Und dennoch ist hier im Kleinen allerhand passiert, das sich lohnt aufgeschrieben zu werden.“ So formulierte es Ex-Bürgermeister Joachim Bienert im Jahr 2004 im Vorwort des ersten Bandes vom „Glienicker Bilderbogen“. Autor Joachim Kullmann hat seinerzeit zum ersten Mal ausgewählte Beispiele „zur Vergangenheit und Gegenwart unseres Heimatortes“ zusammengestellt. In den nächsten Tagen erscheint Band 4. Und der 83-jährige Verfasser ist sich sicher, wieder interessante Anekdoten und Aspekte der Ortsgeschichte festgehalten zu haben.

Joachim Kullmann, Ortschronist in Glienicke Quelle: Helge Treichel

Joachim Kullmann ist der ehrenamtliche Ortschronist in Glienicke/Nordbahn, kontinuierlich unterstützt von der Gemeindeverwaltung, unter anderem mit einer Aufwandsentschädigung. Aber er ist nicht der erste Geschichtsschreiber. „Zu DDR-Zeiten gab es seit den 1960er-Jahren zwei Ortschronisten“, sagt er. Der erste sei sehr fleißig gewesen und habe eine Menge Material hinterlassen. Für den zweiten sei 1989 eine Welt zusammengebrochen, auch ideologisch. Seit 1990 sei der Stuhl deshalb leer gewesen.

Der Chronist will die blinden Flecke in der Geschichte tilgen

Aber es dauerte vier Jahre, bis der Nachfolger seine Arbeit aufnahm. Schließlich sei er weder Journalist noch Historiker, sondern Techniker, sagt Kullmann. Als Diplomingenieur für Hochfreqenz- und Fernmeldetechnik war er sein Leben lang in der Forschungsabteilung des Werkes für Fernsehelektronik (WF) in Berlin-Oberschöneweide tätig. Allerdings hatte er dort Ende der 1980er-Jahre mitgeholfen, ein Betriebsmuseum aufzubauen. Obwohl die Ausstellung zwischenzeitlich 15 Jahre lang eingemottet war, sind die Exponate seit 2009 wieder zu sehen – als Teil des Industriesalons Schöneweide. „Wir haben gerade zehn Jahre Wiedereröffnung gefeiert“, sagt Kullmann stolz. Und Kullmann machte nach 1990 mit Artikeln im „Glienicker Blatt“ auf sich aufmerksam. Irgendwann wurde er gefragt, ober er Ortschronist werden möchte. „Ich habe ja gesagt.“ Denn die Museumsarbeit hatte seine Neugierde für Geschichte geweckt und quasi eine Brücke gebaut. „Ich habe erst mal das ganze Material der Vorgänger studiert“, blickt er auf den Start 1994 zurück. Besonders Karl Heinz Moeller habe eine Lose-Blatt-Sammlung hinterlassen: Rund 2000 handgeschriebene DIN-A3-Blätter, illustriert mit historischen Fotos. Die Aufzeichnungen beschreiben den Zeitraum seit der Stein- und Bronzezeit, haben jedoch einen Makel, so Kullmann: „Die Geschichte war teilweise propagandistisch ausgelegt.“ Und wies daher weiße Flecken auf.

Jüdische Schicksale aufarbeiten

Und so machte es sich Joachim Kullmann nicht nur zur Aufgabe, die Entwicklung Glienickes von 4500 zu aktuell rund 12 300 Einwohnern in Wort und Bild zu dokumentieren, sondern zusätzlich die blinden Flecken zu tilgen. Zwei Themen hält er dabei für besonders bemerkenswert: Das Aufarbeiten jüdischer Schicksale und die totgeschwiegenen drei Fluchttunnel.

Bereits im ersten Band des „Glienicker Bilderbogens“ geht es um Selma Weissbrod, die von Familie Ziegler ab 1942 in einer Werkswohnung am Dorfanger vor der Nazi-Verfolgung versteckt gehalten wird. Erfolgreich! Mit Raffinesse entgeht sie einer Gestapo-Durchsuchung und reiht sich 1945 unentdeckt in den aus Osten kommenden Flüchtlingsstrom ein. Nicht weniger spannend und bewegend: Die Kapitel über die Liebermanns sowie Ernst Lachmann, der von den Nazis verfolgt wurde und in der DDR in Ungnade fiel.

Joachim Kullmann, Ortschronist in Glienicke Quelle: Helge Treichel

Im 2008 veröffentlichten zweiten Band dann wird die Geschichte der drei Glienicker Fluchttunnel beleuchtet. Durch den 27 Meter langen „Erwin-Becker“-Tunnel gelangten am 24. Januar 1962 unter der B 96 28 Menschen nach Berlin-Frohnau. Die Straße wird ebenfalls vom 32 Meter langen „Thomas“-Tunnel unterquert, durch den am 5. Mai des selben Jahres zwölf Personen in den Westen entkommen. 13 Menschen flüchteten in der Nacht zum 10. März 1963 durch den „Aagaard“-Tunnel. Vom Keller des Hauses in der Ottostraße führte er zum Hermsdorfer Grundstück in der Veltheimstraße. Joachim Kullmann erinnert außerdem an die tragische Seite deutscher und Glienicker Geschichte – an Michael Bittner, Gerhard Weiß, Herbert Bauer, Marienetta Jirkowski und Friedhelm Ehrlich. Der erste wurde am 24. November 1986 auf der heutigen B 96 von einem Grenzsoldaten erschossen, der zweite an nahezu gleicher Stelle am 9. April 1932 von einem Nazi. Diese Duplizität der Geschichte beeindruckt und bewegt den Ortschronisten. Die vier Bände des Glienicker Bilderbogens bezeichnet er hinsichtlich der Arbeitskapazität als seine „Hauptbeschäftigung“, neben ortshistorischen Wanderungen und Vorträgen. Besonders liegen ihm die Führungen mit Schülern am Herzen. Auch die jungen Generationen lernen Kullmann als gute Seele von Glienicke kennen.

Der Autor Joachim Kullmann

Joachim Kullmann wurde 1936 in Berlin-Hermsdorf geboren. Die ersten drei Jahre lebte er in Berlin-Frohnau, bevor die Familie nach Glienicke/Nordbahn zog.

Hier besuchte er von 1942 bis 1950 die Grundschule und bis zum Abitur 1954 die Runge-Oberschule in Oranienburg.

Auf das berufspraktische Jahr in Berlin schloss sich bis 1960 das Hochschulstudium in Dresden an (Fernmelde- und Hochfrequenztechnik).

Noch im selben Jahr nahm er als Diplom-Ingenieur seine Tätigkeit im VEB Werk für Fernsehelektronik WF Berlin-Schöneweide auf – als Laborgruppenleiter im Bereich Forschung und Entwicklung.

Nebenher war er unter anderem als Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift „Bild und Ton“ tätig.

1988 begann seine nebenberufliche Mitarbeit am Aufbau eines technischen Betriebsmuseums im WF. Den Aufbau dieser technik-historischen Sammlung setzte er bis zur Auflösung des Betriebes 1993 auf ABM-Basis fort.

Ab 1993/94 begann seine Tätigkeit als Ortschronist in Glienicke, ab 1996 Rentner.

Band 1 des Glienicker Bilderbogens erschien im November 2004. Der vierte Band wird ab 24. Oktober in der Gemeindebibliothek am Rathaus verkauft.

Von Helge Treichel

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