Gransee: Gramzow ist verfilzt im schönsten Wortsinn
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Gransee: Gramzow ist verfilzt im schönsten Wortsinn

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18:21 19.04.2021
Hüte, Eierwärmer und Figuren sind bei ihren Kunden gefragt. Seit 30 Jahren widmet sich Brigitte Rau aus Gramzow dem Filzen.
Hüte, Eierwärmer und Figuren sind bei ihren Kunden gefragt. Seit 30 Jahren widmet sich Brigitte Rau aus Gramzow dem Filzen. Quelle: Uwe Halling
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Was haben Schäfer, Jäger und Mittelalterfreunde gemeinsam? Stellt man Brigitte Rau diese Frage, lautet ihre Antwort: Interesse und Verwendung für Filz! Die 64jährige widmet sich seit 30 Jahren dem Filzen, einer der ältesten bekannten Techniken, um textile Erzeugnisse herzustellen. Und neben den genannten Gruppen wächst die Zahl derer, die Interesse an den auf altertümliche Art und Weise aus Schafwolle hergestellten Produkten und ihren Eigenschaften haben, seit einigen Jahren.

Gleich nach der Wende, erzählt Brigitte Rau, hat ihre Schwester Siegried einen Kurs im Filzen gebucht. „Aber sie wollte nicht alleine hingehen und so musste ich mit“, erzählt sie lachend. Ironisch mutet an, dass Brigitte Gefallen daran fand, Siegried jedoch nicht. Schon zu DDR-Zeiten sei sie an allem interessiert gewesen, was mit Handarbeit zu tun hatte. Die gelernte Dekorateurin – „ich wollte eigentlich studieren, aber dazu fehlte meinen Eltern das Geld“ – hatte schon Erfahrung im Umgang mit Ton, Stricknadeln und Nähmaschine gesammelt. Das erste Teil, was sie bei diesem Kurs gefertigt hat, war eine Jacke. „Die habe ich heute noch“, sagt sie stolz. Seitdem ist sie dem Hobby, was in den vergangenen Jahren immer mehr in Mode gekommen ist, treu geblieben. Bis 2007 neben der Arbeit, die sich im Lauf der Zeit auch geändert hat. Weg von den Schaufenstern der DDR, hin zu pädagogischer Arbeit. „Die letzten 20 Jahre meines Berufslebens habe ich bei der GiB in Gransee verbracht“, sagt sie. Die pädagogische Arbeit mit Menschen mit Behinderungen beim Verein für die Gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderungen e.V. (GiB) hat sie geliebt. So sehr, dass Brigitte Rau auch nach Eintritt ins Rentenalter im vergangenen Jahr weiterhin einen Tag je Woche dort tätig ist. Aber die Arbeit ist keine einfache und das Filzen war ein willkommener Ausgleich dazu.

Die hergestellten Schuhe, Hüte, Figuren und Schals fanden in den Reihen von Familie und

Nicht alles wird verkauft. Manche Stücke wie diese Figuren stellt Brigitte Rau lediglich aus. Quelle: Uwe Halling

Freunden begeisterte Abnehmer. „Und so dachte ich irgendwann, dass da noch mehr möglich ist“. Also mietete sie 2007 einen Laden in Rheinsberg, richtete dort ihre Werkstatt ein und war täglich fünf Stunden bis 13 Uhr vor Ort, filzte und verkaufte die Erzeugnisse. Danach ging es zur Spätschicht zur GiB, normale acht Stunden. Einige Jahre ging das gut. „Dann gab es die Quittung“, in Form eines Herzinfarktes. Das war 2011. Ein Jahr später gab Brigitte Rau den Laden in Rheinsberg auf. „Meine Tochter hatte mich dazu gezwungen“, schmunzelt sie. Die Werkstatt wurde wieder ins heimische Gramzow verlagert. Seitdem läuft der Ausbau zum Eventhof. Kindergruppen aus Kitas und Grundschulen, Stammkunden und Menschen, die einfach nur auf der nahen Bundesstraße 96 das Schild gesehen haben und sich für das Thema interessieren, gehören seitdem zu ihren regelmäßigen Besuchern. Im vergangenen Jahr änderte sich das mit dem Aufkommen der Covid-19-Pandemie und ihren Folgen. Wenn überhaupt, trifft sie ihre Stammkunden noch „über den Gartenzaun“. Der Kontakt fehle ihr, gibt Brigitte Rau zu. „Wenn man eine Bestellung fertig hat und der Kunde freut sich, dass es so geworden ist wie er wollte, dann ist man selbst auch zufrieden“. Sie hofft auf eine baldige Normalisierung der Lage und darauf, dass sie selbst bald ihr zweite Impfung erhalten wird: „Ich mache dann wieder auf, wenn alle dürfen“.

Merino-Schafe liefern die Wolle

Bis dahin werkelt sie weiter an den Bestellungen, die momentan eingehen. Momentan ist das ein paar Hausschuhe, Größe 38. Die Schablone, mit der sie begonnen hat, erinnert jedoch eher an Größe 46. „Um rund 40 Prozent geht die Wolle während des Verarbeitens ein, das muss berücksichtigt werden“, erklärt sie den Unterschied. Wie bei allen ihren Produkten kommt Wolle von Merino-Schafen zum Einsatz. Die sei weich genug, um auf der Haut getragen zu werden. Nicht alle Schafrassen liefern einen so weichen Rohstoff. Rund vier Stunden dauert es, bis die Schuhe fertig sind. Ein Hut kann bis zu sechs Arbeitsstunden brauchen. Eierwärmer – „Die mache ich meist im Sechserpack“ – gehen schneller: zwei bis drei Stunden dauert es, dann hat Brigitte Rau sie fertig.

Hoffnung hat sie auch für ihr Hoffest, welches seit Eröffnung der Werkstatt in Gramzow jedes Jahr am 3. Oktober ausgerichtet wird. 500 bis 600 Besucher tummeln sich dann auf ihrem Grundstück im kleinen Granseer Ortsteil. Außer natürlich 2020 aus bekannten Gründen. Aber dieses Jahr sollen im Holzbackofen wieder saftige Krustenbraten und duftendes Brot für die Gäste zubereitet werden. Der Grund für den Optimismus kommt nicht von ungefähr: Viele Betreiber von Kunsthandwerksmärkten, auf denen sie in einem weiteren Radius regelmäßig zu finden ist, haben sich in den vergangenen Wochen gemeldet. „Vor allem der Zeitraum ab August wird momentan rege geplant“, hat Brigitte Rau beobachtet. Und selbst freue sie sich natürlich auch auf das Markttreiben.

Von Björn Bethe