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19:55 08.12.2017
André Gorzelany hat mehrere Meistertitel im Kampfsport geholt. Heute arbeitet er as Coach und Dozent.
André Gorzelany hat mehrere Meistertitel im Kampfsport geholt. Heute arbeitet er as Coach und Dozent. Quelle: privat
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Zehdenick

Zwei Jungen liegen auf dem Dach des Kinos und blicken in die Sterne. Sie träumen von ihrer Zukunft. Es ist die Zeit der großen Veränderungen, der neuen Möglichkeiten Anfang der 1990er Jahre. Der eine Junge ist André Gorzelany. Er will Weltmeister werden. Und Kinder unterrichten. Der andere ist sein Cousin Heiko. Beide hat die Leidenschaft für Kung Fu gepackt. Einen Film haben sie gesehen, und aus Büchern lernen sie mehr über diesen Kampfsport. Dass Kung Fu „intensives Üben“ bedeutet, zur Entwicklung und Gesunderhaltung beiträgt, die Verbindung von Geist und Körper fördert, soll für André Gorzelany später Motivation und Lebensinhalt werden.

Das alles weiß der Junge auf dem Dach natürlich noch nicht. Er ist zehn Jahre alt, als er Kung Fu für sich entdeckt. 1993 geht er ins Fitnessstudio, lernt Thai-Kickboxen und in Kursen an der Schule Aikido, eine japanische Kampfkunstart, bei einer bulgarischen Lehrerin, deren Kurse er schon drei Jahre später übernimmt. Mit 16 Jahren beginnt er zu boxen, und Ende der 1990er Jahre macht er eine Begegnung, die wegweisend sein würde.

Da ist André Gorzelany bereits klar, dass er nicht als Schlosser arbeiten will. Die Lehre hatte er zwar beendet, das Lernen aber längst noch nicht. Sein Hobby, den Kampfsport, mit etwas zu verbinden, das den Lebensunterhalt sichert – so einen Beruf wollte er finden. „Es sollte etwas mit Gesundheit sein“, sagt er über die Neuorientierung. Für eine zweite Ausbildung lagen die Hürden schon höher, für den zielstrebigen Mann aber alles andere als unüberwindbar.

Für seinen Abschluss als Referent für Gesundheitstourismus wird eine Belegarbeit gefordert. Die Idee und das Konzept für eine Kampfsportschule kommen bei den Dozenten nicht so gut an – das Resultat umso mehr. Die Note Eins bestärkt André Gorzelany, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Einen „Sprung ins kalte Wasser“ nennt der 37-Jährige das. Im Frühjahr 2017 feierte er das zehnjährige Bestehen seiner Kampfkunstschule „Yang Pai“.

Mehr als 1000 Schüler hat er in der Zeit unterrichtet und selbst nie aufgehört, seinen Horizont zu erweitern. Es sollte nicht bei Kampfkünsten bleiben. „Wer kämpfen kann, muss auch heilen können, sagte mir ein Lehrer“, so André Gorzelany. Die Erkenntnis, dass die chinesischen Kampfkünste untrennbar mit Meditation, Heilkunst und Philosophie verbunden sind, führt ihn zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und lässt ihn eine zweijährige Ausbildung absolvieren.

2011 schließt sich eine Ausbildung in praktischer Psychologie an, er lernt Neurolinguistisches Programmieren, macht zwei Masterabschlüsse. Anfang 2016 gründet er sein Life-Master-Institut, ist seitdem tagsüber als Coach und Dozent unterwegs, gibt abends Kurse in Thai Chi und Chi Gong und findet außerdem Zeit für seine Familie – die Partnerin, selbst Hypnotherapeutin, und die 14-jährige Tochter. Bald auch für den Sohn, der Weihnachten auf die Welt kommen wird.

„Seit der Schule habe ich viel gelesen und neue Ideen gesammelt“, sagt er. Aus 500 Büchern hat er sein Wissen, auch darüber, wie er anderen beibringen kann, sich weiterzuentwickeln. „Wie man von einem Gehirnbesitzer zu einem Gehirnbenutzer wird“, erklärt er das, oder, dass man „beste Ergebnisse“ erreicht, wenn man seine „Komfortzone verlässt und Dinge tut, die sich erst einmal unbequem anfühlen.“ Seit seinem 18. Lebensjahr unterrichtet er Menschen und ist überzeugt davon, dass sich eine Persönlichkeit – wie jede Gewohnheit – verändern lässt.

Berufliche und sportliche Erfolge laufen bei André Gorzelany parallel. Diese eine denkwürdige Begegnung 1998 hat dazu beigetragen: Shaolin-Mönche verbreiteten damals ihre Kampfkünste außerhalb Chinas. Der Zehdenicker fährt nach Hamburg und Berlin, trainiert in Kursen, nimmt Privatunterricht. Dann will er es wissen, bestreitet erste Wettkämpfe. 2006 nimmt er an der Internationalen Meisterschaft des Offenen Kampfkunstverbandes teil – ohne Verein, ohne Unterstützung. Nur Heiko Gorzelany steht neben ihm an der Matte und wird Zeuge, wie gezielt sein Cousin Kraft und Energie einsetzt und Gold in drei Kategorien holt. Damit ist er qualifiziert für die Weltmeisterschaft im selben Jahr in Hannover, und auch dort besiegt er seine Gegner und steht dreimal auf dem Siegertreppchen.

2008 geht er mit gemeinsam mit dem Shaolin-Mönch, ein Freund inzwischen, bei einem Internationalen Wettkampf an den Start, kommt mit einem ersten Platz im Tai Chi und einem dritten Platz in Bewegungsformen des Kung Fu zurück, und er sucht weiter nach Menschen, von denen er lernen kann. Einer von ihnen ist der Großmeister Yang Zhen He aus der Yongnian (China), bei dem André Gorzelany die ursprünglichen Techniken des Thai Chi lernt und der bereits mehrfach zu Gast in Zehdenick war

Noch einmal tritt er 2009 zum Internationalen Wettkampf an, da ist er 29 Jahre alt und holt erneut zwei Weltmeistertitel. Damit soll es gut sein. Anderen zu helfen, ihr eigenes Potenzial zu entfesseln, das ist ihm heute wichtiger. Und zwar nicht mehr nur abends in der Turnhalle. André Gorzelany hat angefangen, seine Erfahrungen zu Potenzialentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung aufzuschreiben; das Buch soll in einem knappen Jahr erscheinen.

Von Martina Burghardt

09.12.2017
04.12.2017