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Kremmen Nach Krebs-Diagnose: Der „Eisbär“ hält ihn am Leben
Lokales Oberhavel Kremmen Nach Krebs-Diagnose: Der „Eisbär“ hält ihn am Leben
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12:28 31.05.2019
Günter Reil fährt im Sommer durch Oberhavel und verkauft aus seinem „Eisbär“ 13 verschiedene Eissorten. Im Juni 2018 war der 56-Jährige an Krebs erkrankt und kämpfte sich zurück ins Leben. Seine Arbeit rettet ihm am Ende das Leben.
Günter Reil fährt im Sommer durch Oberhavel und verkauft aus seinem „Eisbär“ 13 verschiedene Eissorten. Im Juni 2018 war der 56-Jährige an Krebs erkrankt und kämpfte sich zurück ins Leben. Seine Arbeit rettet ihm am Ende das Leben. Quelle: Sebastian Morgner
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Flatow

Günter Reil steht mit einem Lächeln in seinem knallgelben Eiswagen. „Welche Kugeln sollen es sein“, fragt der 56-Jährige höflich und öffnet seine Eistruhe. „Einmal Stracciatella mit Schokosoße“, antwortet das kleine Mädchen (10). Günter Reil nimmt den Eisportionierer und packt die weiße Kugel mit den Schokoladenstücken auf die Waffel. „Und jetzt noch die leckere Schokosoße. Fertig. Guten Appetit“, sagt Günter Reil, der seit 2002 in Flatow lebt und seitdem im Sommer mit dem Eiswagen durch Oberhavel tingelt. Der „Eisbär“ fällt auf. Die Farbe, die rote Schrift und zur Begrüßung gibt es das schrille Heul-Geräusch.

Günter Reil sieht anders aus. An diesem Freitag. Irgendwie gezeichnet. Er erzählt, was er durchmachen musste. Hinter der Frohnatur liegen schwere Monate. Im vergangenen Jahr im Juni hatte der Eis-Mann die schreckliche Diagnose bekommen: „Ich bin 56 Jahre alt. Ich wollte mich mal durchchecken lassen“, erzählt Günter Reil. „Dann teilte mir der Arzt mit, dass ich einen sieben Zentimeter großen Tumor am Dickdarm habe. Krebs. Wenn ich nichts machen würde, gibt er mir noch drei Monate. Ich musste sofort ins Krankenhaus.“

Zwei Drittel des Dickdarms mussten entfernt werden

Das Eis-Auto stand still. Vier Chemotherapien, sechs Operationen in dem Krankenhaus, wo Günter Reil einst seine Lehre als Krankenpfleger gemeistert hat – der „Eisbär“ brauchte viel Kraft. „Ich habe in kürzester Zeit abgenommen. Von 91 Kilogramm auf 65. Die Chemotherapien waren grausam. Das war alles ambulant. Acht Stunden am Tropf. Das war nicht einfach“, sagt er. „Ich habe das aber erstaunlich gut überstanden. Mir sind die Haare nicht ausgefallen. Ich musste nicht brechen.“ Trotzdem musste Günter Reil noch auf den OP-Tisch. „Mir wurden zwei Drittel des Dickdarms entfernt. Dabei wurden noch zehn Metastasen auf der Leber entdeckt. Acht davon wurden rausoperiert. Zwei mussten ausgekocht werden.“

Günter Reil beim Angeln in Kambodscha. Quelle: privat

Am 21. März sei der letzte Eingriff erfolgt. „Der Arzt meinte, es ist nun alles in Ordnung. Die nächste Kontrolle ist im Juni.“

Einen Tag später war der „Eisbär“ wieder zu Hause. Die Sehnsucht nach seiner Arbeit und der Wille, wieder in seinem Eiswagen auf die Straße zurückzukehren, hat ihm Kraft gegeben. Ohne den Job hätte Günter Reil das nicht überlebt. „Der Eisbär hat mir das Leben gerettet“, sagt er.

Die letzten Monate haben Kraft gekostet

Der gelernte Tischler und Krankenpfleger ist seit 1998 mit dem Eis-wagen unterwegs. Erst in Berlin, seit 2002 in Oberhavel. „Ich produziere mein Eis selbst“, erklärt der gebürtige Edewechter, der 14 Jahre auf der Intensivstation gearbeitet hat. „Ich habe 13 Sorten Eis. Die klassischen Sorten laufen am besten. Vanille, Schoko, Erdbeer – darauf stehen die Leute.“ Zwei Tonnen Eis stelle er im Jahr her. Günter Reil liebt seinen Job. Im Sommer tourt er durch die Region und verbreitet gute Laune. Im Winter ist er in Asien und fährt am liebsten mit seinem Motorrad durchs Land. „Ich angle gern und liebe das Wetter. Dort sind durchweg 30 Grad.“

Die letzten Monate haben Kraft gekostet. Das ist dem „Eisbären“ spürbar anzumerken. Doch in diesen Tagen strahlt der Mann mit dem lauten Lachen und startet fast täglich seinen Eiswagen – und verkauft sein Eis. Er ist glücklich und freut sich immer wieder, wenn er fragen darf: „Welche Kugel darf es sein? Guten Appetit.“

Von Sebastian Morgner