Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Oberhavel „Mobbing wirkt wie körperliche Gewalt“
Lokales Oberhavel „Mobbing wirkt wie körperliche Gewalt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 06.12.2014
Philipp Behar-Kremer ist Experte für das Internet.
Philipp Behar-Kremer ist Experte für das Internet. Quelle: Privat
Anzeige

MAZ: Herr Behar-Kremer, was genau ist Cybermobbing?

Philipp Behar-Kremer: Der Begriff bezeichnet Beleidigungen, Bloßstellung oder Belästigungen im digitalen Netz. Alles Dinge, die es auch schon früher gab. Durch das Internet hat die Sache jedoch eine neue Dimension bekommen.

Inwiefern?

Behar-Kremer: Früher war es nach Schulschluss vorbei mit den Hänseleien. Cybermobbing ist zeit- und ortsunabhängig, es erreicht einen auch auf dem heimischen Computer im eigenen Kinderzimmer. Mit gravierenden Folgen für die Betroffenen: Wenn sie sich dort schon nicht mehr sicher fühlen können, wo dann überhaupt noch? Wissenschaftler haben herausgefunden, dass soziale Ausgrenzung die selben Bereiche des Gehirns aktiviert wie physischer Schmerz. Mobbing wirkt wie körperliche Gewalt. Deshalb sollte man auch nicht darauf warten, dass sich alles wieder beruhigt, sondern handeln.

Indem man seinen Kindern das Internet verbietet?

Behar-Kremer: Nein. Das wäre auch nicht realistisch. Das Netz gehört für Jugendliche mittlerweile zum Lebensalltag. Außerdem ist das Offline-Leben genauso gefährlich. Wenn das eigene Kind Opfer von Cybermobbing geworden ist, sollte man stattdessen gemeinsam nach einer Lösung suchen. Die Kommunikation ist entscheidend. Hilfe kann man sich bei Vertrauenslehrern, Opferberatungen, den Präventionsbeauftragten der Polizei oder anonymen Beratungsstellen im Internet holen.

Wie merke ich, dass mein Kind betroffen ist, wenn es nicht von sich aus den Mund aufmacht?

Behar-Kremer: Indem man auf Veränderungen achtet. Viele Betroffene werden introvertiert und ziehen sich zurück. Sie haben keinen Appetit mehr, wollen nicht mehr in die Schule und leiden unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Die schulischen Leistungen werden ganz plötzlich schlechter

Wo tritt Cybermobbing am häufigsten auf?

Behar-Kremer: In sozialen Netzwerken wie Facebook, Whatsapp und Snapchat. Dort verschicken Jugendliche Beleidigungen, peinliche Fotos oder Videos bis hin zu Nacktbildern von sich, die dann weiter verbreitet werden. Binnen kürzester Zeit weiß der ganze Ort Bescheid. Ein Problem von Cybermobbing ist ja die extrem schnelle und hohe Eskalation. Ich kenne viele Jugendliche, die daraufhin sogar die Schule wechseln mussten, was eigentlich keine optimale Lösung darstellen sollte. Im ländlichen Raum geht das aber nicht immer so leicht, dort müssen die Betroffenen damit klarkommen.

Was ist die Motivation der Täter?

Behar-Kremer: Studien zufolge wollten sich 60 Prozent von ihnen einfach einen Scherz erlauben oder sie waren genervt von der betroffenen Person. Ohne zu wissen, was sie den Leuten damit antun.

Gibt es statistische Erhebungen darüber, wie viele Jugendliche betroffen sind?

Behar-Kremer: Laut der Cyberlife-Studie, der bislang größten Studie zu diesem Thema, haben schon 17 Prozent Cybermobbing erlebt, also fast jeder Fünfte. Erwachsene sind übrigens auch betroffen. Dort ist das Motiv oft Rache, zum Beispiel am Ex-Partner. Aber auch am Arbeitsplatz tritt Cybermobbing häufiger auf.

Biografisches

Philipp Behar-Kremer ist 35 Jahre alt und lebt in Berlin.
Er ist Sozialpädagoge, Informatiker und Mediator und gilt als Experte zum Thema Jugendliche und Internet.
Gemeinsam mit seinen Kollegen der Initiative „Cybermobbing Prävention“ veranstaltet er Workshops zum Thema Cybermobbing für Jugendliche, Eltern und Lehrer. Auch im Landkreis Havelland war er bereits tätig. häf

Viele Eltern scheinen Cybermobbing aber nicht allzu ernst zu nehmen. An der Oberschule in Elstal wurde eine Veranstaltung zu dem Thema unlängst mangels Nachfrage abgesagt.

Behar-Kremer: Das Thema ist medial zwar präsent, aber solange der eigene Nachwuchs nicht selbst betroffen ist, ist es für viele Eltern nicht interessant. Wir brauchen deshalb noch mehr Sensibilisierung für das, was Cybermobbing mit den Menschen anstellt.

Das heißt Fortbildungen für Jugendliche zum Thema Internet?

Behar-Kremer: Technisch kennen sich die meisten schon hervorragend aus. Was ihnen fehlt, ist die kritische Reflexion.

Müssen wir stärker überwachen, was unsere Kinder im Internet machen?

Behar-Kremer: Jein. Man sollte sich schon darüber unterhalten, was das Kind im Internet macht und kann beispielsweise auch Pornoseiten sperren. Ich bin aber auch nicht für eine totale Überwachung. Es gibt da keinen Königsweg, das muss jeder für sich entscheiden.

Ist Cybermobing eine Straftat?

Behar-Kremer: Es gibt bislang kein Cybermobbing-Gesetz, ebenso wenig wie es ein Mobbing-Gesetz gibt. Die einzelnen Bestandteile – Beleidigung, üble Nachrede, Bedrohung und so weiter – sind allerdings alle im Strafgesetzbuch verankert. Im Internet kommt zudem noch das Urheberrecht zum Tragen, wenn beispielsweise Nacktfotos einer anderen Person unerlaubt verschickt werden.

Trotzdem gehen nur wenige Betroffene zur Polizei. Warum?

Behar-Kremer: Die Scham ist sehr groß, sich überhaupt jemanden anzuvertrauen, da ist der Weg zur Polizei eine große Herausforderung. Oft haben die Betroffenen auch keine Beweise für die Tat, weil Fotos und E-Mails schnell wieder gelöscht wurden, damit niemand etwas mitbekommt. Ich kann jedem nur raten, Beweise zu sammeln, Nachrichten zu speichern und Bildschirmfotos anzufertigen. Und im Zweifel einen Rechtsanwalt einzuschalten. Generell sollte aber erst einmal versucht werden durch professionelle Intervention das Mobbing zu stoppen. In schweren Fällen geht es aber nicht ohne Polizei.

Interview: Philip Häfner

Oberhavel CDU wählte ihren Kandidaten für das Landratsamt - Für Matthias Rink zählt die Herkunft
06.12.2014
Oberhavel Haushaltsdebatte in der Gemeinde Oberkrämer - Streitpunkt Turnhalle
06.12.2014
Oberhavel Erhard Genschmer aus Friesack bildet Diabetikerwarnhunde aus - Hündin Bella lernt im Notfall zu helfen
06.12.2014