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Mühlenbecker Land Auf den Spuren von Robin Hood: So leben die Pfadfinder im Mühlenbecker Land
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Auf den Spuren von Robin Hood: So leben die Pfadfinder im Mühlenbecker Land

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18:08 28.07.2020
Die Gruppenleiter Roman Thalemann und Chiara Seelig mit ihrem Stammesführer Henry Seelig (von links) auf dem Pfadfinderplatz in Summt. Quelle: Enrico Kugler
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Summt

Wenn die 16-jährige Chiara Seelig von den abenteuerlichen Lagerfahrten erzählt, welche die Pfadfinder aus dem Mühlenbecker Land normalerweise mehrmals im Jahr unternehmen, leuchten ihre Augen. Sie ist eine der Gruppenleiter der sogenannten Wölflingskinder im Alter von sieben bis elf Jahren. „Wir wollen den Kindern die Natur näherbringen. Das finden sie so spannend, dass das Smartphone auch mal für ein paar Tage ganz vergessen ist“, sagt die Schildowerin. Die Entdeckung der Natur inklusive Pflanzen- und Sternenkunde findet oft sogar unter einem bestimmten Motto statt. „Wir hatten schon Robin Hood, Peter Pan oder King Arthur. Bei Harry Potter haben wir uns als Lehrer von Hogwarts verkleidet, die Kinder haben Voldemort verfolgt. Und es wurden Zauberstäbe geschnitzt und Getränke gebraut“, berichtet Chiara, die schon seit ihrem vierten Lebensjahr bei den Pfadfindern mitmischt. Wer schon jugendlich ist, lernt dort, wie man Feuer macht, mit Säge, Beil oder Axt umgeht oder ein Zelt aufbaut.

Auch Holzhacken und Pflanzenpflege gehören zu den Aufgaben der Pfadfinder. Quelle: Enrico Kugler

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„Bei den Pfadfindern geht es weniger darum, allein im Wald überleben zu können, sondern spielerisch die Natur zu entdecken“, erklärt Roman Thalemann, der seit der ersten Klasse dabei ist. Henry Seelig, Vater von Chiara, ist der Stammesführer, auch Häuptling genannt. Dieser kümmert sich im Gegensatz zum Vereinsvorsitzenden – diesen Posten besetzte er zwölf Jahre lang – nicht um die Finanzen, sondern vorrangig um die Koordinierung der einzelnen Gruppen und um die Freizeitaktivitäten, wie die Lagerfahrten. „Wenn ich die fröhlichen Kinderaugen sehe, weiß ich, dass wir den Nerv getroffen haben und das macht mich auch glücklich“, sagt der 56-Jährige, der hauptberuflich als Betriebsprüfer beim Finanzamt arbeitet.

Auch Holzhacken und Pflanzenpflege gehören zu den Aufgaben der Pfadfinder. Quelle: Enrico Kugler

Hin und wieder musste der Stammesführer die Erfahrung machen, auf Vorurteile zu stoßen, wenn er Ausflüge für die Pfadfinder organisieren wollte. „Wir unterscheiden uns von den streng religiösen Gruppen, denn wir sind eine freie Pfadfindergruppe. Es gibt aber auch evangelische, katholische oder muslimische Pfadfinderbunde“, erklärt Henry Seelig. Mit ihren einheitlichen Hemden und den nach vorne gebundenen Halstüchern rufen die Pfadfinder aber noch weitere Assoziationen hervor – von der FDJ bis zur Hitlerjugend. Davon möchte sich die Gruppe jedoch klar distanzieren. Um Vorbehalte auszuräumen, sind sie gut über die Geschichte der Pfadfinder informiert. Das erste Lager wurde 1907 in England von einem britischen General organisiert. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden die Pfadfinder verboten, nur die katholischen Gruppen waren noch bis 1935 erlaubt. Dann sollten sie zur Hitlerjugend übertreten, was viele Gruppenleiter dazu veranlasste, die Pfadfinderarbeit im Geheimen weiterzuführen.

Das hübsche Außengelände in Summt Quelle: Enrico Kugler

Der Verein im Mühlenbecker Land hat derzeit rund 50 Mitglieder. Weil es in der nahen Umgebung keine anderen Pfadfindergruppen gibt, kommen die Mitglieder nicht nur aus dem Mühlenbecker Land, sondern auch aus den umliegenden Gemeinden und sogar aus Berlin. Vor einigen Jahren mussten sie ihren Platz in Schildow verlassen, da auf diesem Areal, gegenüber vom Bürgersaal, eine neue Kita gebaut wurde. Mittlerweile haben sie sich aber gut in Summt eingelebt und sind froh, ein geräumiges Vereinshaus zu haben. Dieses wurde mit Fördergeldern aus dem EU-Leader-Programm für die Entwicklung des ländlichen Raums bezuschusst.

Henry Seelig ist der Stammesführer und wird auch Häuptling genannt. Quelle: Enrico Kugler

Ihre Samstagvormittage mit den Wölflingen zu verbringen, macht Chiara Seelig gar nichts aus – im Gegenteil. „Ich kenne es ja nicht anders und den Kindern etwas beizubringen, macht mir total viel Spaß“, schwärmt die 16-Jährige. „Hier lernen schon die Jüngsten, wie man mit demokratischen Entscheidungen zum Ziel kommt“, sagt Henry Seelig. „So wird auch ein Leitwolf gewählt, das ist wirklich niedlich und schön zu sehen, wie die Kinder die Regeln umsetzen.“ Auf dem Vereinsgelände, das sich im Summt an der Liebenwalder Straße hinter der Kita befindet, gibt es einen großen Feuerplatz sowie viele kleine Unterschlupfe zum Spielen und Verstecken. Außerdem gibt es drei Boote, mit denen die Pfadfinder in See stechen können. Nach den Sommerferien sollen die regulären Treffen wieder starten. Der Stammesgeburtstag, der eigentlich am 10. Juni ist, wird dann im August nachgefeiert. Die Corona-Pandemie hatte sich auch auf die Pfadfinderarbeit ausgewirkt. „Wir haben dann virtuelle Gruppenstunden per Zoom gemacht, die Eltern haben da super kooperiert“, erzählt Chiara Seelig. „Ein bisschen lustig war es auch, denn jedes Mal gab es mindestens ein technisches Problem.“

Blick in das Holzhaus. Quelle: Enrico Kugler

Von Wiebke Wollek