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Mühlenbecker Land Glyphosat alarmiert die Einwohner
Lokales Oberhavel Mühlenbecker Land Glyphosat alarmiert die Einwohner
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20:15 24.08.2018
Riesige Transparente und Informationsmaterial präsentiert Christian Pascale in seinem Café, das sich unmittelbar neben einem Feld befindet.
Riesige Transparente und Informationsmaterial präsentiert Christian Pascale in seinem Café, das sich unmittelbar neben einem Feld befindet. Quelle: Helge Treichel
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Schönfließ

Sehr ungern habe er sein Café am Ortseingang von Schönfließ „zum Bollwerk gegen Glyphosat gemacht“, sagt Inhaber Christian Pas­cale. Sehr ungern trete er im Internet auf und sehr ungern habe er seinen Namen mit dem vier Meter großen Schriftzug auf dem Haus zur Zielscheibe von allerlei Gegnern gemacht. Die würden ihn nun mit Rachebewertungen, ausländerfeindlichen Kommentaren bis hin zu Morddrohungen überziehen. Er setze sich aber dafür ein, was für Eltern normal ist – für den Schutz seiner Kinder. Dafür, sie vor Krankheit und Dialyse zu bewahren. „Jeder sollte sich für seine Kinder einsetzen – und alle gemeinsam für die Gemeinde“, sagt der 51-Jährige in seiner temperamentvollen Art, die es anderen schwer macht, zu Wort zu kommen.

Die Anwohner brachten den erschienenen Kommunalpolitiker in emotionaler Debatte ihre Sorgen vor. Quelle: Helge Treichel

Pascale selbst hatte zur Diskussion geladen, Vertreter von SPD und CDU erschienen. Er erhoffe sich Beistand der Kommunalpolitik. Und er drückt sein Unverständnis aus, warum eine Gemeinde es zulässt, dass ihre Einwohner „mit diesem krebserregenden Zeug hochgradig kontaminiert“ werden. Zum Beweis hat der Familienvater die Laborergebnisse seiner ganzen Familie ausgehängt: Sogar seine erst im Mai geborene Tochter hat danach 1,75 Nanogramm Glyphosat in jedem Milliliter Blut. Seine Frau komme auf 1,74 und er selbst auf 1,81 ng/ml. Nur sein 21-jähriger Sohn, der in Berlin Rechtswissenschaften studiert und nur noch zwei- bis dreimal pro Woche zu Hause ist, kommt auf lediglich 1,09 ng/ml. „Es ist Aufgabe der Politik, die Bürger zu schützen“, sagt Pascale mit Verweis auf diese Werte. Diese lägen 1800 Prozent über der Grenze dessen, was im Trinkwasser erlaubt sei.

Was ist eigentlich Glyphosat?

Glyphosat ist die biologisch wirksame Hauptkomponente einiger Breitband- oder Totalherbizide und wurde seit der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre von Monsanto als Wirkstoff unter dem Namen Roundup zur Unkrautbekämpfung vermarktet.

Weltweit ist es seit Jahren der mengenmäßig bedeutendste Inhaltsstoff von Herbiziden.

Glyphosat wird in Landwirtschaft, Gartenbau, Industrie und Privathaushalten eingesetzt. Alle damit behandelten Pflanzen sterben ab. Ausnahmen bilden Nutzpflanzen, die gentechnisch so verändert worden sind, dass sie eine Herbizidresistenz besitzen.

Im Vergleich mit anderen Herbiziden weist Glyphosat meist eine geringere Mobilität, eine kürzere Lebensdauer und eine niedrigere Toxizität bei Tieren auf.

Ausgehend von Medienberichten und einigen kontrovers diskutierten Studien über mögliche Gesundheitsgefahren von Glyphosat hat sich seit Jahren eine intensive öffentliche und wissenschaftliche Debatte entwickelt. Eine europäische Bürgerinitiative forderte mit fast 1,1 Millionen gültigen Unterschriften das Verbot von Glyphosat.

Wenngleich keiner der Anwesenden diese Feststellung medizinisch oder wissenschaftlich fundiert bewerten konnte – so wurde darin doch nahezu einhellig ein Alarmzeichen gesehen, sich mit dem Thema weiter zu befassen und weitere Laborergebnisse zu sammeln. Gemeinsame Erkenntnis: „Das Zeug ist Mist.“ Gemeindevertreter Gerhard Peter kündigte an, sich selbst untersuchen lassen zu wollen und regte an, diese Ergebnisse zentral zusammenzufassen und eine Bürgerinitiative ins Leben zu rufen. Dieser Sprung schien an diesem Abend noch nicht geklappt zu haben, da es trotz hartnäckiger Bemühungen einzelner nicht gelang, dem Treffen die dafür nötige Struktur zu verleihen. Es blieb vielmehr bei der Forderung an die Politik, die Gemeinde möge die Lobbyarbeit übernehmen und Initiative ergreifen.

Er müsse die Inhaltsstoffe der von ihm verwendeten Lebensmittel genau dokumentieren, hadert der Gastronom und präsentiert den dicken Ordner, der an der Kasse steht. Quelle: Helge Treichel

Detlef Smaldino vom SPD-Ortsverein kündigte an, dass Glyphosat ein Wahlkampfthema seiner Partei sein werde. Gemeinsam mit den Bündnisgrünen sei bereits erfolgreich der Beschluss eingebracht worden, dass der Unkrautvernichter auf Gemeindeflächen nicht mehr verwendet werden darf. Wenn die Zahl der „glyphosatfreien“ Kommunen auf 200 gewachsen ist und der Herstellerkonzern Monsanto in den USA 289 Millionen Dollar Schadensersatz an einen an Krebs erkrankten Mann zahlen soll, dann sei das „richtungsweisend“, so Smaldino. Er betonte zugleich, dass ein rechtsstaatliches Vorgehen erforderlich ist und privaten Unternehmern auf deren Flächen von der Gemeinde nichts untersagt werden darf, was laut Bundes- und EU-Recht erlaubt ist. Allerdings könnte per Vertrag auf das Verwenden von Glyphosat auf Gemeindeflächen Einfluss genommen werden.

Dass es sich in diesem Zusammenhang auch lohnt, mit dem betroffenen Landwirt ins Gespräch zu kommen, betonte Gemeindevertreter, Ortsvorsteher und Bürgermeisterkandidat Mario Müller (CDU). Glyphosat sei kein regionales Problem, sondern internationales: „Glyphosat muss europaweit verboten werden und dann muss ein Importverbot für Getreide von außen her“, sagt Müller mit Blick auf einen wirksamen Schutz – die Gesundheit und die heimische Landwirtschaft betreffend. In diesem Zusammenhang warf er zugleich die Frage auf, wer als Verbraucher denn konsequent Bioprodukte kaufe.

Ihnen sei es darum gegangen, sich ein Stimmungsbild zu verschaffen, sagten die Parteienvertreter. Den pauschalen Vorwurf, sich nicht ausreichend um das Problem zu kümmern, wiesen sie zurück. Ihre Anwesenheit beweise das Gegenteil. „Ich war nie Umweltaktivist“, sagte Christian Pascale. „Ich bin es aber geworden im Interesse meiner Kinder und meines Gewerbes.

Von Helge Treichel