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Oranienburg „Das war gruslig“: Ein Enkeltrick-Opfer aus Oranienburg erzählt
Lokales Oberhavel Oranienburg „Das war gruslig“: Ein Enkeltrick-Opfer aus Oranienburg erzählt
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01:15 27.04.2019
Frank Storch, Leiter der Polizeidirektion Nord, warnt: Die Vorgehensweise der Telefontbetrüger werden immer ausgefeilter und perfider. (Archivbild) Quelle: Peter Geisler
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Oranienburg

Die Stimme von Marta T. zittert, während sie sich an diesen Dienstagvormittag im März zurück erinnert. Seitdem der Ehemann der 71-Jährigen einen Schlaganfall erlitten hat, pflegt die Oranienburgerin ihren Gatten in den eigenen vier Wänden. Im März musste sie sich selbst einer Operation in einem Berliner Krankenhaus unterziehen, der in Süddeutschland lebende Sohn von Marta T. unterstützte seine Mutter in dieser Zeit bei der Pflege ihres Mannes. „Einen Tag nach seiner Fahrt zurück nach Hause erhielt ich kurz vor 14 Uhr dann diesen Anruf“, berichtet sie. Am anderen Ende eine männliche Stimme, die sich als ihr Sohn ausgab: „Du hast mir immer versprochen, Geld zu geben, wenn ich es mal brauche“, habe der Mann zu ihr gesagt. „Ich brauche jetzt ganz schnell ganz viel Geld“, meinte er, „sag aber niemandem etwas davon“.

Anrufe aus organisierten Callcentern aus dem Ausland

Marta T. war gerade Opfer eines klassischen Enkeltrickbetrügers geworden. Und die Oranienburgerin ist damit bei weitem nicht allein. „Diese Zahlen nehmen nicht ab. Vielmehr werden die Maschen der Betrüger immer ausgefeilter und perfider“, berichtete Frank Storch, Leiter der Polizeidirektion Nord, beim Blick auf die Kriminalitätsauswertung des vergangenen Jahres. „Die Anrufe kommen teils aus organisierten Callcentern aus dem Ausland, werden von dafür ausgebildeten Leuten durchgeführt.“ Diese seien darauf trainiert, in kürzester Zeit enormen Druck auf die Opfer auszuüben und sie in eine Stresssituation zu bringen, in der die Betrüger am Ende zum Erfolg, in der Mehrzahl der Fälle zur Übergabe von Bargeld, gelangen. Dabei entwickeln die Täter immer wieder neue Varianten, geben sich längst nicht mehr nur als Enkel oder Bekannte aus, sondern beispielsweise auch als Polizisten.

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Jeder Hinweis bei der Polizei wichtig

Die Ermittlung von Betrugsanrufen sei sehr schwierig, räumt Frank Storch ein. Auch, weil sich ganze Tätergruppen die einzelnen Betrugsschritte untereinander aufteilen: „Wir wissen, dass die Täter arbeitsteilig in Größenordnungen vorgehen“, so Frank Storch. Er appelliert an Betroffene, jeden Vorfall bei der Polizei zur Anzeige zu bringen. „Auch wenn der Betrüger nicht zum Erfolg kam, für die Kriminalpolizei ist jeder Hinweis wichtig. So können Vorgehensmuster oder bestimmte Tätergruppen zugeordnet werden.“ Der Leiter der Polizeidirektion weiß: „Die Dunkelziffer bei diesen Betrugsdelikten ist sehr hoch. Die Täter bringen über ihre Opfer oft großes Leid, viele bringen den Betrug aus Scham nicht zur Anzeige.“

Anrufer trifft genau den Mutternerv: „Damit hat er mich dann gekriegt“

„Anfangs kam mir das Ganze schon ein bisschen merkwürdig vor“, räumt Marta T. ein. „Die Stimme des Mannes klang anders als mein Sohn, er sagte mir daraufhin, er hätte sich erkältet.“ Der Anrufer setzte die Oranienburgerin so sehr unter Druck, dass diese sich letztlich mit dem Taxi auf den Weg zu ihrer Bank machte. „Der Taxifahrer erklärte mir, dass es sich dabei um einen Trick handelt. Auch die Bankmitarbeiterin wollte mir kein Geld geben“, erinnert sich Marta T. Eine SMS an ihren Sohn („Ist das hier ein Enkeltrick?“) blieb zunächst unbeantwortet. „Er musste arbeiten, war den ganzen Tag in Sitzungen.“ Der bis heute unbekannte Anrufer kontaktierte die Seniorin immer wieder telefonisch, setzte sie weiter so sehr unter Druck, dass die Oranienburgerin sich ein weiteres Mal auf den Weg zu ihrer Bank machte und diesmal mit 5000 Euro Bargeld heimkehrte. „Das sollte ich dann irgendeiner Lisa übergeben.“ Die Tochter der 71-Jährigen verhinderte am Ende das Schlimmste: „Obwohl der Anrufer immer wieder betont hat, dass ich mit niemandem darüber sprechen dürfe, habe ich ihr dann doch geschrieben. Sie ist dann sofort gekommen, hat mir gesagt, dass ich auf keinen Fall irgendwelches Geld übergeben und sofort die Polizei anrufen soll.“ Genau das tat Marta T. dann auch. „Ich bin unglaublich vorsichtig. Keiner in der Familie kann verstehen, wie das ausgerechnet mir passieren konnte. Der Täter hat voll meinen Mutternerv getroffen. Damit hat er mich dann gekriegt.“ Gruslig sei das Ganze: „Das wünsche ich niemandem.“ Das Bargeld habe ihre Tochter umgehend wieder zur Bank gebracht. Auch den Bruder rief sie an, der aus allen Wolken fiel. „Man denkt immer, dass so etwas so weit weg ist, und dann passiert dir das selbst.“ Ihre Festnetznummer hat Marta T. inzwischen aus dem Telefonbuch löschen lassen.

Von Nadine Bieneck