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Oranienburg „Ich dachte, mein Leben ist vorbei“: So erlebte Roman Remis den Anschlag
Lokales Oberhavel Oranienburg „Ich dachte, mein Leben ist vorbei“: So erlebte Roman Remis den Anschlag
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06:53 11.10.2019
Vize-Landrat Egmont Hamelow, Bürgermeister Alexander Laesicke, Gemeindevorsitzende Elena Miropolskaja und Dirk Blettermann, Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung Oranienburg, legten am Gedenkort Blumen nieder. Quelle: Enrico Kugler
Oranienburg

„Wir haben Angst“, sagte Ria Erchova am Donnerstag im Rahmen der in Oranienburg abgehaltenen Gedenkveranstaltung anlässlich des Anschlags auf das jüdische Leben in Deutschland am Mittwoch in Halle. Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) und der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Dirk Blettermann (SPD), hatten am Vormittag kurzfristig ein Treffen am Gedenkstein des ehemaligen Jüdischen Bethauses einberufen, um der Opfer zu gedenken und die Solidarität mit der jüdischen Bevölkerung zu bekunden. „Der Anschlag in Halle hat gezeigt, dass Antisemitismus in unserem Land kein abstraktes, sondern ein sehr konkretes Problem ist“, sagte Laesicke vor rund 30 Gästen, darunter vielen Vertretern lokaler und kommunaler Politik und Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Oberhavel. „Wir sind hier, um zu zeigen, dass wir an der Seite unserer jüdischen Mitbürger stehen. Dass so viele Menschen hierher gekommen sind, ist ein sehr deutliches Zeichen – wir alle stehen an Ihrer Seite“, richtete er seine Worte an die Gemeinde.

Nach dem Anschlag in Halle am Mittwoch herrscht bei der Jüdischen Gemeinde Oberhavel in Oranienburg Angst. Mit einer Gedenkveranstaltung setzte man direkt am Donnerstagvormittag in Oranienburg am Gedenkort in der Havelstraße ein Zeichen. Rund 30 Oranienburger waren der Einladung gefolgt, darunter viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde. „Wir alle stehen an Ihrer Seite“, sagte Bürgermeister Alexander Laesicke.

„Wir sind tieftraurig und sprachlos nach dem schrecklichen Anschlag“, rang deren Vorsitzende Elena Miropolskaja nach Worten. Sie habe viele persönliche Kontakte zur Gemeinde in Halle. „Ich bin tief betroffen“. Die Gemeinde in Oranienburg zählt rund 140 Menschen. Einer von ihnen: Roman Remis, der einst in Oranienburg und inzwischen in Berlin lebt. Der junge Mann erlebte den Anschlag in der Synagoge in Halle, befand sich währenddessen im Gebäude. Während des Gebets vernahm er vor der Tür einen Knall. Über eine Überwachungskamera habe er dann vor der Synagoge den bewaffneten Mann gesehen, der sich auf das Gebäude zu bewegte. „Wir hatten nur eine einfache Holztür, die zwischen uns und dem Täter war“, beschreibt er die „schlimmsten Minuten meines Lebens. In dem Moment dachte ich, das Leben geht vorbei an diesem Tag.“ Minuten seien für ihn zu Millisekunden geworden. „Wir wussten nicht, ob es noch mehr Täter gibt, ob er versucht, durch den Hintereingang in die Synagoge zu kommen.“ Erst mit Eintreffen der Polizei fühlte er sich sicher. „Heute habe ich wirklich erlebt, was es bedeutet, Jude zu sein im Jahr 2019“, sagt er.

Gedenkveranstaltung in Oranienburg am Tag nach dem Anschlag in Halle. Quelle: Enrico Kugler

Auch Elena Miropolskaja hat Angst. Ebenso bekümmert sie jedoch das seit mehr als zwei Jahren schwelende Problem des fehlenden Gemeindehauses. „So können wir unseren Mitgliedern gerade auch in dieser traurigen Zeit kein würdiges Zuhause geben.“ 2017 hatten Starkregen, Schwamm und Schimmel dafür gesorgt, dass Sanierungskosten für das einstige Gemeindehaus in der Sachsenhausener Straße explodierten und sich die Gemeinde gezwungen sah, den Erbpachtvertrag für das Gebäude mit dem Kreis zu kündigen. „Bis heute ist das Problem ungelöst“, sagt Miropolskaja. Die Gemeinde ist in einem Provisorium untergekommen, bei der Stadt wisse man um das Problem. „Wir arbeiten an einer langfristigen Lösung“, sagte Alexander Laesicke. Das sei aber schwierig, da es in der Stadt „praktisch keinen Leerstand gibt“. Die Gemeinde solle jedoch „nicht irgendwo, sondern auch gut untergebracht werden“. Eine kurzfristige Lösung sei nicht in Sicht.

Donnerstagvormittag: Blumen am Gedenkort. Quelle: Enrico Kugler

Rund 100 jüdische Objekte gibt es im gesamten Land Brandenburg. „Wir sind immer im Kontakt mit den Gemeinden und führen Schutzmaßnahmen durch“, sagt Polizeisprecher Mario Heinemann. Nach dem Anschlag in Hallewerde analysiert, ob und wo die Sicherheitssituation von Einrichtungen neu bewertet und gegebenenfalls intensiviert werden müssen. „Dort wo Menschen zusammen kommen, verstärken wir den Schutz“, spricht Heinemann von Maßnahmen, die „auf unbestimmte Zeit aufrecht erhalten werden. Die Menschen, die ihren Glauben ausüben, sollen sich dort sicher fühlen. Antisemitismus geht gar nicht“. In Oranienburg fühlen sich die Mitglieder trotz der Präsenz vor ihrer Gemeinde noch nicht wieder sicher. „Doch was können wir noch tun, um uns zu schützen?“, bleibt Elena Miropolskaja ratlos.

Von Nadine Bieneck

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