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Oranienburg Vom Abstürzen und vom Aufstehen
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00:25 08.04.2019
Benjamin Körber berichtet von einer wirtschaftlichen Katastrophe, die seine Familie ereilte. Quelle: Enrico Kugler
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Oranienburg

 Die Geschichten sind absolut spannend, tief berührend, manchmal sogar peinlich, aber immer ehrlich bis auf die Knochen: Drei Männer berichteten am Donnerstag in der Premiere der „Fuck Up Night“ im Oranienwerk über ihre ganz persönlichen Tiefpunkte – Unternehmer und Zukunftspreisträger Benjamin Körber, Oranienburgs Bürgermeister Alexander Laesicke und Internetaktivist und Buchautor Daniel Domscheit-Berg.

Die einzige Frau der Runde, Annie O, die als DJane Berliner Premium-Clubs beschallt, musste diesen Abend absagen. Sie hat sich bei einem Sturz ein Bein gebrochen, wie Moderator Robert Nickel eingangs verkündete. Er kommt von den Stadtwerken, die das aus Mexiko stammende Veranstaltungsformat gemeinsam mit der Kreisvolkshochschule, der IHK und der Stadt Oranienburg ins Leben riefen.

Der Saal war an diesem Abend voll besetzt im Oranienwerk. Quelle: Enrico Kugler

Landrat Ludger Weskamp begrüßte als Ehrengast die etwa 100 Gäste. Er zählte bekannte Namen auf, die nicht etwa für ihr Fallen und Scheitern bekannt sind, „sondern dafür, dass sie wieder aufgestanden sind“, so Weskamp. Deshalb diene der Abend dazu, anderen die Angst vorm Scheitern zu nehmen. Scheitern „ist normal“, machte Robert Nickel deutlich – und stolperte und stürzte theatralisch vor aller Augen.

Als Erster gewährte Benjamin Körber redegewandt Einblicke in die dunkelsten Kapitel seines in Birkenwerder ansässigen Familienunternehmens. Am Anfang steht eine Erfolgsgeschichte. Der Vater übernahm 1977, fünf Tage vor seiner Geburt, einen Zwei-Mann-Betrieb und machte daraus binnen 30 Jahren einen wichtigen Automobilzulieferer. Dann stieg der Sohn mit ein. Als gerade der US-Markt erobert werden sollte und Millioneninvestitionen anstanden, kommt die Banken-Krise. Der Absatzmarkt brach ein. „Unter einer Flasche Wein konnte ich abends nicht mehr einschlafen“, sagte Körber.

Die drei Gäste im Gespräch mit Robert Nickel (r.). Quelle: Enrico Kugler

Vater, Sohn und Mutter mussten Privatinsolvenz anmelden. „Meine Eltern standen mit 60 vor dem Nichts“, sagte Benjamin Körber mit Tränen in den Augen. Seine Mutter habe einen wichtigen Satz gesagt: „Solange wir gesund sind, können wir auch in einer Ein-Zimmer-Wohnung glücklich sein.“ Dies habe ihm Kraft gegeben zum Weitermachen. Dreimal seien Geldgeber danach im allerletzten Moment doch noch abgesprungen, als der Erfolg schon gefeiert wurde. Eine weitere Lektion. Einem betuchten Mittelständler aus Südtirol wurden dann die Mehrheitsanteile überlassen. Er rettete zwar das Unternehmen, doch „es menschelte“, wie Körber es beschrieb. Nach einem bösen Rechtsstreit veräußerte der Vater seine 49,9 Prozent.

Als Keimzelle für einen Neubeginn blieb beiden eine winzige Tochterfirma, die rote Zahlen schrieb, jährlich 200 000 Euro. „Von da an ging es bergauf“, sagt Körber. Die Firma wurde Ende 2010 nach Birkenwerder verlegt, 2011 wurden „die ersten Späne gemacht“. Jetzt zähle der Betrieb 40 Mitarbeiter und ist Marktführer für komplexe Zerspanungsteile im Land. Dafür gab es 2017 den brandenburgischen Zukunftspreis. „Die Brötchen sind kleiner, aber sie schmecken“, zieht Benjamin Körber das Resümee.

Alexander Laesicke berichtet aus seinem Leben. Er wollte bei der Fuck-Up-Premiere unbedingt dabei sein, sagte er. Quelle: Enrico Kugler

Nach dem Wirtschaftsexkurs erzählte Alex Laesicke seine sehr persönliche Geschichte. Sie handelte zunächst vom unsportlichen Jungen mit dicker Brille, Zahnspange und Nerd-Frisur. Der konnte zwar im Schachklub punkten, aber nicht bei den Mädchen. Und sein Abi verpatzte er im ersten Anlauf um Haaresbreite. Danach fuhr er Pakete aus. Mit 20 lernte er eine Frau kennen, die sein weiteres Leben bestimmen sollte, obwohl er die Beziehung „mit Schwung an die Wand fuhr“, wie Laesicke berichtete. Er machte das Abi, studierte. Und eigentlich sei er insbesondere mit dem Fahrrad nach Jerusalem gefahren, um sie zu beeindrucken und zurückzugewinnen, offenbarte der Bürgermeister seine romantische Seite. Das Reiseabenteuer „hat meine Welt wirklich verändert“, sagte er. Auch die der Angebeteten. Sie lernte einen Israeli kennen und lieben.

Alexander Laesicke nahm in einer neuen Beziehung Anlauf, beendete sein Studium. Die Beziehung scheitert erneut, sodass er im August 2012 bei den Eltern anfragen musste, ob sein Kinderzimmer noch frei sei. Fünf Jahre vor der Bürgermeisterwahl sei er an seinem Tiefpunkt angekommen, gestand er. Im Januar 2013 lernte er eine neue Frau kennen und startete durch: Heirat, Kinder, Beruf. Und er stellte sich 2017 seinem Lebenstraum – dem Wählervotum. Der Rest ist Geschichte.

Daniel Domscheit-Berg Quelle: Enrico Kugler

Daniel Domscheit-Berg musste sich nicht groß vorstellen. Ein wichtiger Teil seines Lebens ist 2013 bereits verfilmt worden („Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“). Der 40-Jährige berichtete von seinem Scheitern als Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks und damit teilweise auch von der ganz großen Politik, den Weltproblemen und Weltmedien – für ihn ein „Cluster-Fuck“. „Der setzt sich fort – und ihr steckt alle mit drin“, sagte er. Seine große Angst sei es, irgendwann festzustellen, dass seine kleine Gruppe versagt habe „und wir uns in eine Welt entwickeln, in der Menschen lieber glauben als zu wissen.“ Die Herausforderung der Zeit für jeden Einzelnen sei es, Fakten von Verschwörungstheorien unterscheiden zu können und die Demokratie nicht leichtfertig aufzugeben. Dafür müsse jeder seine Verantwortung erkennen und wahrnehmen.

In der abschließenden Fragerunde erfuhren die Gäste unter anderem, dass Daniel Domscheit-Berg aktuell in Fürstenberg lebt, mit IT-Projekten seinen Broterwerb bestreitet und in der Havelstadt einen offenen Bildungsort initiiert hat – den „Verstehbahnhof“.

Ein zuweilen emotional aufgeladener, großartiger Abend. Quelle: Enrico Kugler

Von Helge Treichel

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