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Oberhavel Theatralische Suche nach dem Sinn
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18:04 24.03.2018
Mustafa während der Theaterprobe am vergangenen Dienstag.
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Hohen Neuendorf

Alle haben es sich auf einer Matte bequem gemacht und gehen den Text ihrer Rollen durch: Leseprobe für das Theaterstück „Menschenskinder“. Es beinhaltet Zitate verschiedener Autoren, aber auch viele selbst verfasste Passagen. Noch wird gestrichen, nachgebessert und hinzugefügt. Als Hausaufgabe sollen bis zum nächsten Mal Kurznachrichten an die Eltern verfasst werden. Denn im Stück sind von der Gesellschaft und vom Leben enttäuschte Jugendliche von zu Hause ausgerissen. In einem norwegischen Fjord treffen sie sich, um über ihre Verletzungen zu sprechen und auszuloten, ob das Leben doch irgendeinen Sinn hat.

Mittendrin: Mustafa. Der 17-jährige Afghane kam vor zwei Jahren über Pakistan, den Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Drei Monate war er unterwegs. Er lebt in einer Wohngruppe in Birkenwerder und geht in Hohen Neuendorf in die 10. Klasse. Nachdem er für die US-Army als Schweißer gearbeitet hatte, wurde ihm das von IS-Anhängern verboten. Beim Verhör wurden ihm Fingerabdrücke abgenommen. Weil sein ganzes Dorf für ihn bürgte, wurde sein Leben verschont. Aber nur dieses eine Mal, sagt er. Seine Familie habe ihn daraufhin losgeschickt, damit er eine Zukunft hat, ein Leben.

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Eine interkulturelle Theatergruppe studiert an der Dr.-Hugo-Rosenthal-Oberschule in Hohen Neuendorf ein neues Stück ein. Titel: „Menschenskinder“. Eine Gruppe Jugendlicher verabredet sich auf einer Klippe über einem norwegischen Fjord zum Sterben. Zuvor aber sprechen sie über ihren Schmerz und ihre Wunden und das, was ihnen das Leben verleidet. Eine Sinnsuche.

„In Afghanistan leben 14,5 Millionen Kinder“, liest Mustafa mit leiser Stimme vor. Mehr als ein Drittel von ihnen müsse schwer arbeiten. Manche hätten keinen Vater, manche müssten allein die ganze Familie ernähren. „Die schönsten Tage für diese Kinder sind die, an denen sie ein klein wenig mehr Geld nach Hause bringen als sonst“, sagt Mustafa. „Oh Gott... geht’s uns gut! Und trotzdem meckern wir dauernd“, antwortet Ceven seiner Rolle gemäß. Es ist das zweite Stück, das der 13-jährige Achtklässler an der Dr.-Hugo-Rosenthal-Oberschule einstudiert. Die Arbeit in der Gruppe macht ihm großen Spaß. Genau wie Merle, Aimée-Sue, Sophie, Magda, Sivan – und Mustafa, dem das auch beim Erlernen der Sprache hilft.

Schauspielerin Ulrike Hanitzsch leitet das interkulturelle Theaterprojekt, wofür das dritte Jahr in Folge gerade Landes- und Bundesfördermittel bewilligt wurden. Die Premiere ist für März geplant. Ziel sei es auch, 2018 am Jugendtheatertreffen in Rostock teilzunehmen, so die Lehrerin. Sie hofft, dass alle mitfahren können – auch Mustafa, für dessen Aufenthaltsort Auflagen gelten.

Eine erste Aufführung gab der Theatergruppe es bereits vor einem Jahr.

Von Helge Treichel

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