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Oberhavel Von Weberinnen und Klöpplerinnen
Lokales Oberhavel Von Weberinnen und Klöpplerinnen
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07:39 25.11.2014
Die Schauspieler Thomas Rühmann (M.) und Jens-Uwe Bogadtke (l.) sowie der Musiker Tobias Morgenstern setzten den spielerischen Schlusspunkt unter den siebenten Liebenberger Literaturherbst.
Die Schauspieler Thomas Rühmann (M.) und Jens-Uwe Bogadtke (l.) sowie der Musiker Tobias Morgenstern setzten den spielerischen Schlusspunkt unter den siebenten Liebenberger Literaturherbst. Quelle: Pfitzmann
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Liebenberg

Die alte Trulla Uhlig wird mit 60 Jahren schwanger und ist es mit 70 immer noch. Nachdem sie etwas erlebte, wovon sie früher nur gehört, aber nie am eigenen Leibe erfahren hatte, trägt sie nun ihren Bauch, so dick wie ein wohlgerundeter Kürbis. Doch das Kind, das in ihr heranwächst, scheint sich dort auf immer geborgen zu fühlen. Die hochschwangere Trulla zieht sich zurück und verrammelt die Tür. Selbst die Polizei schafft es nicht, sie aus dem Spinnhaus herauszuholen.

Solche und ähnlich skurrile Geschichten hat die Autorin Kerstin Hensel in ihrem Roman „Im Spinnhaus“ angesiedelt. Die Schauspieler Thomas Rühmann und Jens-Uwe Bogadtke sowie der Musiker Tobias Morgenstern vom „Theater am Rand“ in Zollbrücke haben ihn als erzgebirgischen Heimatabend in Szene gesetzt und mit diesem Stück den siebenten Liebenberger Literaturherbst beendet.

Liebenberger Literaturherbst endet mit "Im Spinnenhaus"

Vom „Theater am Rand“ im Oderbruch bis ins Erzgebirge ist es mental ein weiter Sprung. Vor allem, was Traditionen, Bräuche und Dialekte betrifft. Aber genau hier im Erzgebirge, von hohen Bäumen gesäumt, steht das Spinnhaus. Es sei 1860 erbaut, habe drei Stockwerke und ein schiefergedecktes Spitzdach. So werden die Besucher am Sonntagnachmittag im Liebenberger Seehaus zu einem fiktiven, mythisch erscheinenden Ort hingeführt. Zugleich werden sie Zeuge, wie sich die drei Protagonisten aus dem Oderbruch hineinbegeben ins erzgebirgische Heimat- und Dorfidyll, das so idyllisch gar nicht ist. Ob Trachtenjacke, geblümte Weste, Hut oder Halsschmuck, die drei Darsteller wissen, äußere Erscheinung, Sprache und Musikeinlagen ironisierend oder karikierend gekonnt einzusetzen. Wenn Thomas Rühmann sanftmütig-einfühlsam erzählt vom Schicksal der Wäscherin, Klöpplerin oder Weberin, weiß Jens-Uwe Bogadtke als grotesker Dörfler das Geschehen mit seinen bizarren Bewegungen im herrlich sächsischen Dialekt zu kommentieren. Und Tobias Morgenstern lässt von ferne die Kuhglocken oder auch Volks-, sogar Kunstliedhaftes dazwischenfahren.

Ein 150-jähriger Überlebenskampf

Denn eigentlich ist es nicht lustig, was Generationen von Frauen über einen Zeitraum von 150 Jahren im Spinnhaus, einem „Hort der Ausbeutung, Armut und Krankheit“ erleben. Es ist ein Überlebenskampf, in dessen Verlauf sie alt und biestig, manchmal auch schwatzhaft geworden sind. Was sie aber nicht davon abhält, bei einer Kirmes ihrem Anspruch auf ein kleines persönliches Glück nicht aufzugeben. Ein Moment, in dem die Schauspieler bei einem gemeinsamen Lied und mit Tanzkapriolen ihrem Affen Zucker geben können und Szenenapplaus ernten.

Dass auch die große Politik in Form von zwei Weltkriegen, Nazizeit, Sozialismus und Wiedervereinigung in die Geschichten der kleinen Leute hineinweht, gibt ihrem Dasein Farbe und Authentizität. Aber Stillstand in den Zeitläufen kann es nicht geben, auch nicht für die Bewohner eines Spinnhauses. Können sie doch auch zukünftig den Leuten etwas vorspinnen. Dann eben von anderen Bewohnern und anderen Schicksalen.

Von Rotraud Wieland

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