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Zehdenick 90 Jahre im Zeichen der Musik
Lokales Oberhavel Zehdenick 90 Jahre im Zeichen der Musik
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17:51 07.10.2019
Ein Leben nicht nur für die Musik: Lothar Kolditz aus Steinförde feierte am 30. September seinen 90. Geburtstag. Quelle: privat
Steinförde

In seinem Geburtsort Albernau im Erzgebirge begann 1938 für den neunjährigen Lothar die „Bläserkarriere“ im Posaunenchor der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Seine Frau Ruth pflichtet ihm bei, auch in ihrer Familie gab es mehrere Bläser – „das gehörte einfach dazu“. Nach 80 Jahren aktiver Mitwirkung hatte sich der bekannte Chemieprofessor vor einem Jahr aus seinem letzten Posaunenchor Strelitz verabschiedet. Am 30. März brachte dieser ihm ein Ständchen in seinem Wohnort Steinförde bei Fürstenberg. Jetzt feierte er seinen 90. Geburtstag.

Aufgewachsen in der frommen Familie eines Tischlers. Geige spielen lernte man in der Schule. Im Posaunenchor waren es eher die tiefen Instrumente, so die Posaune. Beim Übergang zum Gymnasium wurden die Eltern vonseiten der Landeskirchlichen Gemeinschaft gewarnt, im Gymnasium könnte der Junge „gottlos“ werden.

15-jährig wurde er mit Gleichaltrigen im Frühjahr 1945 als letztes Aufgebot zur Verteidigung der Heimat eingezogen. Nach dem Bau von Panzersperren in Hof kamen die Jungen in einem Tagesmarsch an die Ostfront nahe der unmittelbaren Heimat. So beschloss er, mit einem Freund zu desertieren. Mit Vorsicht und kühlem Verstand gelang es beiden, den verminten Wald unverletzt zu passieren, in dem sie sich dicht an den Bäumen bewegten, denn Minen wurden nur dazwischen verlegt. Unversehrt zu Hause angelangt, war am 30. April der Krieg für sie zu Ende. Dieses Kriegserlebnis hat den Heranwachsenden nachhaltig geprägt. „Ich bin kein Pazifist geworden. Wehren sollte man sich schon können. Aber Krieg kann keine Option sein.“ Daher sein Lebensmotto - „der Menschheit zu Frieden in Gerechtigkeit verhelfen“.

Mit dem Chemiestudium 1948 in Berlin begann ein rasanter Aufstieg: Mit 28 Jahren der jüngste Professor der DDR. Weitere akademische Stationen folgten. Professor Kolditz’ Bibliographie weist 350 Originalveröffentlichungen sowie mehr als 30 wissenschaftliche Patente auf. Vorträge im In- und Ausland bestimmten neben seiner Lehrtätigkeit den Terminkalender. Für Lothar Kolditz stand aufgrund seiner Einstellung fest, über die fachliche Kenntnis hinaus keine Forschung auf dem Gebiet der militärischen Kampfstoffe zu betreiben. Sein Ethos wies ihm den Weg zu wissenschaftlicher Arbeit, die human auf „Frieden und Gerechtigkeit“ ausgerichtet ist. So bezog sich seine Forschung unter anderem auf die Gewinnung von Blutersatzstoffen.

Ab 1981 bekleidete der Naturwissenschaftler das Amt des Präsidenten des Nationalrates der Nationalen Front (NF), das nur eine unabhängige, parteilose Persönlichkeit innehaben konnte. Im Zentrum der Macht hatte Kolditz durchaus Entscheidungskompetenzen. Nach den Kindheits- und Jugenderfahrungen erschien ihm der Sozialismus als die gerechtere Sache. Andererseits konstatierte er klarsichtig eine „enorme ideologische Verbohrtheit“ innerhalb der Funktionärskader. So sah er seine Aufgabe darin, auszugleichen oder zu helfen. Dies galt nicht zuletzt auch im Verhältnis von Staat und Kirche.

Als einmal ein junger FDJ-Funktionär zu ihm kam und verunsichert fragte, ob er die Bibel lesen sollte, riet er ihm unbedingt zu. Er würde davon mehrfach Gewinn haben, auch ohne Christ zu sein. Denn das Buch der Bücher sei von grundlegender Bedeutung für das tiefere Verständnis von Geschichte, Kunst und Kultur. Auch sonst lebte er sein Christsein öffentlich in seinem persönlichem Umfeld. Als er mit seiner Familie nach Berlin-Schöneweide zog und keinen Posaunenchor in der Kirchengemeinde vorfand, gründete er kurzerhand einen. „Wir haben oft im Gottesdienst gespielt.“ Trotz seiner umfangreichen Arbeit in Wissenschaft und Politik übernahm er die Aufgaben als Kreisposaunenwart im Bezirk Berlin-Treptow.

Den jahrelangen, staatlich gewollten Baustopp für den eingerüsteten Fürstenberger Kirchturm half er 1988 auf spektakuläre Weise, aber mit einfachsten Mitteln, zu beseitigen. Die Staatsratseingabe der Kirchengemeinde, wegen Zeitverschleppung wirkungslos gemacht, aktivierte er erneut über sein Nationalratsbüro mit der Weisung an seinen Büroleiter, „die Sache hat positiv auszugehen“. Das geschah, indem der erste Mann im Kreis Gransee wutschnaubend die bisher vorenthaltenen Baubilanzen für die Kirchengemeinde herausrückte.

Nach der Wende ereilte den international geachteten Chemiker das Schicksal vieler Hochschullehrer: Entlassung oder erzwungener Vorruhestand. Westlicher Webfehler der Wende. Selbst wenn sie nicht „belastet“ waren, wurden sie in Rasenmäher-Manier entfernt und zumeist durch Akademiker aus dem Westen ersetzt. Professor Kolditz zog daraufhin ganz nach Steinförde. Im Rückblick sei er nicht verbittert, sagt er.

Mit besonderer Vorfreude berichtete er, dass der Examensjahrgang 1969 ihn anlässlich des 50. Jubiläums zu einem Vortrag an die Berliner Humboldt-Universität eingeladen habe. Unter den Teilnehmern sind etliche seiner Doktoranden, von denen einige Professuren im In- und Ausland wahrgenommen haben und jetzt auch im Ruhestand leben. Ein wahrhaft sinnreiches Geburtstagsgeschenk für den ehemaligen Ordinarius, der am 30. September 90 Jahre alt wurde.

Da es in den 90er-Jahren in Fürstenberg keinen Posaunenchor gab, haben wir jahrelang jeden Sonnabend zum Abendläuten zweistimmig Choräle vom Kirchturm gespielt, gelegentlich durch meinen Sohn mit der dritten Posaune verstärkt. Wir begegneten uns wieder, nachdem ich 2004 in den Ruhestand und in den Strelitzer Posaunenchor eintrat. Als Professor Kolditz in seiner gewohnt ruhig-souveränen Art den Abschied ankündigte, nahmen wir das mit Respekt zur Kenntnis. Der Posaunenchor Strelitz brachte ihm ein Ständchen aus Anlass der Ehrung für „80 Jahre treuen Bläserdienst“, wie es in der Urkunde des Posaunenwerks zur Kuhlo-Medaille des Evangelischen Posaunendienstes in Deutschland (EPiD) heißt. Der Jubilar bedankte sich mit bewegten Worten. Er hätte viele Auszeichnungen erhalten, die aber immer nur für eine bestimmte Phase. Diese jedoch umfasse nahezu sein ganzes Leben – als christlicher Bläser. Anlässlich seines 90. Geburtstages am 30. September überbrachte ihm sein ehemaliger Posaunenchor am Vorabend erneut ein Ständchen.

Es ist bewusst geworden, dass ein gestandener Bläser ausscheidet, der nie viel Aufhebens von seinen Verdiensten machte, wahrlich nicht nur die Bläserei betreffend. Doch als ein besonderer Zeitzeuge kann er weiterhin Auskunft geben über seine Erfahrungen in drei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen.

Der Autor war von 1998 bis 2004 Pastor in Fürstenberg.

Von Eberhard Erdmann

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