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Amt Temnitz Wildberg – das Dorf mit dem höchsten Kirchturm
Lokales Ostprignitz-Ruppin Amt Temnitz Wildberg – das Dorf mit dem höchsten Kirchturm
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00:24 12.04.2019
Der höchste Turm weit und breit: Blick auf den Wildberger Kirchturm, von der B 167 aus Richtung Neuruppin. Quelle: Robert Rauh
Wildberg

Auch Wildberg gehört zu den vergessenen Fontane-Orten, die in früheren Ausgaben der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ verzeichnet waren, dann aber wieder verschwanden.

Dabei stand das Dorf, das zur Gemeinde Temnitztal gehört, im Unterschied zu Wulkow durchaus auf dem Reiseplan des berühmten Wanderers. Als Theodor Fontane auf seiner Fahrt ins Ruppiner Land im Sommer 1864 in Wildberg Station machte, hielt er seine Beobachtungen in seinem Notizbuch fest.

Sie bildeten die Basis für den Wildberg-Abschnitt im Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“, das Fontane 1865 bei der Überarbeitung der „Grafschaft Ruppin“ aufnahm und zehn Jahre später wieder entfernte. So verschwand auch Wildberg aus den „Wanderungen“. Dabei hatte der Ort schon damals etwas zu bieten, was kein zweiter Ruppiner Flecken aufzuweisen hat.

Wie ein Bagel: Erdwall bei Wildberg, Fontanes Zeichnung von 1864. Quelle: Digitale Notizbuch-Edition

Wildbergs „prächtig hoher“ Kirchturm, „der über die halbe Grafschaft wegsieht“, ist auch heute schon von Weitem sichtbar. Er sei, so notierte es Fontane , „240 Fuß hoch und der höchste im Kreise“. Für die Veröffentlichung zog er dann eine weitere Quelle hinzu und ergänzte: „Seine Höhe ist 229, nach andern 240 Fuß“. Nimmt man das Mittel, kommt man auf zirka 70 Meter. Die Wildberger wissen es heute genauer: Ihr Turm ragt 62 Meter in den märkischen Himmel. Höher sind nur die Türme der Neuruppiner Klosterkirche – einen halben Meter.

Moderne Navis kennen keinen Wildberger Erdwall

Fontane skizzierte in seinem Notizbuch auch einen„Erdwall“. Aus der Vogelperspektive gezeichnet, sieht er aus wie ein Bagel.

Im Auge des Walls: Die ehemalige Burganlage. Quelle: Robert Rauh

Moderne Navigationssysteme kennen keinen Wildberger Erdwall. Aber auf Fontanes Skizze ist Verlass.

Er hat den Erdwall, bei dem es sich genau genommen um einen alten Burgwall handelt, korrekt verortet: an der Temnitz zwischen den beiden Orten Kerzlin und Wildberg, direkt neben der Chausseebrücke.

Vermutlich ist die Wildberger Burg Mitte des 12. Jahrhunderts im Zuge der Ostsiedlung auf den Resten einer slawischen Burganlage errichtet worden – „als eine feste Wehrburg mit einem hohen gemauerten Turm“, wie es auf der Ortstafel heißt.

Der Erdwall ist genau genommen ein alter Burgwall: Die verschwundene Burg von Wildberg. Quelle: Robert Rauh

Wildberg, der Ort der hohen Türme. Wem die Burg später gehörte und von wem sie geschleift wurde, darüber rätselte schon Fontane. Eines war und ist aber sicher: Die Anlage sei, so der märkische Hobbyarchäologe, das Musterbeispiel einer alten Sumpfburg.

Die Sumpflandschaft der vorbeiplätschernden Temnitz diente als Schutz nach Südwesten. Man sehe „nicht wie man baute, sondern wo; welches Terrain man aussuchte und wie man es benutzte“.

Fontane hätte die Wildberger Sage gefallen

Dann stellte Fontane nüchtern fest: „Jetzt ist nur noch der aufgeschüttete Erdhügel da.“ Kein Turm. Und kein Gemäuer, das um 1800 „noch übermannshoch“ existiert haben soll. Nur ein runder Wall mit Laubbäumen.

Der Wanderer ist ihn problemlos abgeschritten. Heute gleicht die Begehung einem Hindernislauf. Überall versperren umgeknickte Bäume oder heruntergestürzte Äste den Weg.

Der Markt von Wildberg Quelle: Robert Rauh

Ein Hauch von märkischem Urwald. Wenn sich der Wind durchs Geäst kämpft, wird es im Auge des Walls etwas unheimlich. Überall Geknarre und Gequietsche. Wer es gruseliger mag: Nach Mitternacht soll sich auf dem Erdhügel zuweilen eine weiße Dame sehen lassen, die erlöst werden will. Hätte Fontane von dieser Wildberger Sage gewusst, hätte er sie bestimmt ausgeschmückt.

Lesen Sie dazu auch aus unserer Reihe „Fontanes vergessene Orte“: Wulkow – ersatzlos gestrichen

Die Autoren: Gabriele Radecke & Robert Rauh

Gabriele Radecke, geboren 1967, studierte Germanistik, Politik- und Rechtswissenschaft und promovierte zu Fontane. Seit 2010 leitet sie die von ihr gegründete Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen. Seit 2010 ist sie Mitherausgeberin der „Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe“ und hat gerade sämtliche Notizbücher Fontanes digital editiert. Die digitalen Notizbücher kann man hier einsehen.

Robert Rauh, geboren 1967 in Berlin, ist Historiker, Lehrer und Seminarleiter. Er arbeitet als Herausgeber von Lehrbüchern und ist Träger des Deutschen Lehrerpreises. 2017 veröffentlichte er sein Buch „Fontanes fünf Schlösser“, 2018 „Fontanes Frauen“, in denen er die Werke Fontanes unter die heutige Lupe nimmt. „Fontanes Ruppiner Land“ erscheint im April. Mehr dazu gibt es hier.

Von Gabriele Radecke und Robert Rauh

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