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Amt Temnitz Erneut Seeadler verunglückt: Windräder stellen tödliche Gefahr für Vögel dar
Lokales Ostprignitz-Ruppin Amt Temnitz Erneut Seeadler verunglückt: Windräder stellen tödliche Gefahr für Vögel dar
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08:29 16.02.2020
Im Windpark westlich von Dabergotz fiel das zwei Jahre alte Seeadlerweibchen einem Windrad zum Opfer. Quelle: Henry Lange
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Neuruppin

Mit ausgestreckten Flügeln liegt das leblose Seeadlerweibchen auf der Wiese. Blut läuft ihm über den Schnabel. „Die tödliche Verletzung wurde eindeutig von einem Rotorblatt verursacht“, sagt der ehrenamtliche Nestbetreuer Henry Lange. „Ein Jäger hat den toten Greifvogel im Windpark westlich von Dabergotz, in Richtung Gottberg gefunden.“ Es ist nicht der erste Fund an diesem Ort. Bereits 2017 wurde hier ein toter Rotmilan gefunden.

Henry Lange, Vogelexperte im Kreis Ostprignitz-Ruppin, kümmert sich im Auftrag des Landesumweltamtes um Greifvögel und Eulen in der Region. Nicht selten klingeln Menschen an seiner Tür und bringen ihm verletzte Vögel. Er übernimmt die Erstversorgung.

Straßenverkehr, Bahnanlagen, Freileitungen und Windräder werden den Vögeln oft zum Verhängnis. Müssen die Vögel ärztlich versorgt werden, kümmert sich ein Tierarzt darum. Die Betreuung bis zur Auswilderung übernehmen dann Mitarbeiter der Greifvogel-Auffangstation Woblitz.

Windenergieausbau stößt auf Protest

Dem Seeadlerweibchen kann niemand mehr helfen. Es hatte keinen Ring um den Fuß und stand gut im Futter – mit einer Flügelspanne von 2,32 Metern und einem Gewicht von über fünf Kilogramm.

„Die Vögel können die Geschwindigkeit der Rotorblätter nicht einschätzen; es trifft sowohl alte als auch junge Tiere“, sagt Henry Lange. „Am häufigsten betroffen sind in Brandenburg Mäusebussarde, Rotmilane und an dritter Stelle steht Seeadler. Brandenburg hat bundesweit die meisten Verluste an Seeadlern zu verzeichnen.“ Für Henry Lange Grund genug, die Notwendigkeit von neuen Windkraftanlagen infrage zu stellen.

Für das Seeadlerweibchen kam jede Hilfe zu spät. Quelle: Henry Lange

Wegen des absehbaren Endes der Braunkohle-Förderung setzt die Brandenburger Landesregierung verstärkt auf erneuerbare Energien. Derzeit liefert die Braunkohle noch den meisten Strom für Brandenburg, bei den Erneuerbaren ist es die Windenergie. Gut 3800 Windräder stehen derzeit im Land. Zielsetzung der Energiestrategie 2030 der Landesregierung ist es, zwei Prozent der Landesfläche als Windeignungsgebiete auszuweisen.

Die Zahl der neu errichteten Anlagen ist allerdings zurück gegangen – nicht zuletzt auf Grund von Protesten der Bürgerinitiativen, die gegen die Errichtung neuer Windparks in ihren Heimatregionen protestieren.

Seeadler – geschützte einheimische Vogelart

Der Seeadler ist der größte Greifvogel Europas. Das Weibchen ist größer und kräftiger als das Männchen.

Ihre Horste errichten sie in Wäldern mit alten Bäumen. In Brandenburg sind es vor allem Waldkiefern, die sie zur Horstanlage nutzen.

In Mitteleuropa beginnt die Brut zwischen Mitte Februar und Mitte März. Die Gelege bestehen im Durchschnitt aus ein bis drei Eiern.

Im Durchschnitt werden Seeadler 30 Jahre alt.

Lärm, Schattenwurf, der Verlust von Waldflächen und die Auswirkungen auf Vogelarten und Fledermäuse lassen die Akzeptanz in der Bevölkerung zurückgehen. „Energiewende ja – aber naturverträglich und standortangepasst“, sagt Bernd Ewert, Vorsitzender des Nabu-Kreisverbands Ostprignitz-Ruppin.

Für Henry Lange hat Brandenburg bereits sein Soll an Windkraftanlagen erfüllt. Die Landschaft sei genug verschandelt – auf Kosten der Natur. „Die Vogel- und Fledermausverluste sind nicht unerheblich“, sagt er. „und schließlich ist der Adler ja Brandenburgs Aushängeschild.“

Rund 250 tote Vögel durch Windkraftanlagen in Brandenburg

Seit 2002 dokumentiert die Staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg die Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland. Nach den Aufzeichnungen vom 7. Januar 2020 sind in Brandenburg bisher 180 Mäusebussarde, 103 Rotmilane und 60 Seeadler durch Windenergieanlagen ums Leben gekommen. Sie stehen an der Spitze der aufgeführten 66 Arten. In ganz Deutschland ließen bisher 168 Seeadler ihr Leben.

Lesen Sie auch: Sturmtief „Sabine“ sorgt für Windenergierekorde in Deutschland und Europa

Doch tote Tiere, die in der Nähe von Windkraftanlagen aufgefunden werden, sind längst nicht alle, die dort verunglückt sind. Kleinere Vögel und Fledermäuse werden schnell von Aasfressern weggetragen und viele Opfer werden nicht entdeckt, weil die Windräder oft auch in Getreidefeldern stehen. Und selbst wenn die Vögel nur leicht verletzt werden, sind die geschwächten Tiere anschließend für Fressfeinde eine leichte Beute.

Seeadler in Brandenburg sind bereits stark gefährdet

Die realen Opferzahlen sind deshalb wesentlich höher als die Fundzahlen. Die bei Dabergotz verunglückte Adlerdame wird nun in der Staatlichen Vogelschutzwarte in Buckow genauestens untersucht. Wichtige Daten wie Augenfarbe, Fänge, Größe, Gewicht, Schnabelgröße und Flügellänge werden dokumentiert.

Im Landkreis Ostprignitz-Ruppin leben zurzeit 22 Brutpaare. „Die Nachwuchsrate ist allerdings schlecht bis mäßig“, sagt Henry Lange. „In unseren Wäldern ist zuviel Unruhe. Die Bewirtschaftung der Wälder fand früher vor allem im Winter statt, heute wird ganzjährig Holz geerntet und oft auch in der Nähe von Adlerhorsten.“

In einem Umkreis von 300 Metern um die Horste dürfen laut Naturschutzgesetz von Februar bis August keine forstwirtschaftlichen Arbeiten mit Maschinen durchgeführt werden. Es besteht Jagdverbot in diesen Bereichen und auch jagdliche Einrichtungen dürfen in diesem Zeitraum nicht errichtet werden.

Henry Lange ist unter der Nummer 03391/502 733 zu erreichen.

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