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Amt Temnitz Wohnheim-Projekt sorgt für Unruhe in Rägelin
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11:37 19.02.2019
Jugendamtsleiter Andreas Liedtke, Navitas-Chef Candan Ögütcü und Prokurist Oliver Senf (v. l.) standen in Rägelin den Einwohnern zum Heimprojekt Rede und Antwort.
Jugendamtsleiter Andreas Liedtke, Navitas-Chef Candan Ögütcü und Prokurist Oliver Senf (v. l.) standen in Rägelin den Einwohnern zum Heimprojekt Rede und Antwort. Quelle: Andreas Vogel
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Rägelin

Bereits Mitte August soll neues Leben in die einstige Pension Lilienhof in Rägelin einziehen. Genau das sorgt im Dorf seit Tagen für Unruhe, Spekulationen und Ängste.

In Abstimmung mit dem Landkreis will die gemeinnützige Firma Navitas aus Berlin im Lilienhof bis zu 18 Wohnheimplätze anbieten – ein Teil soll für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge genutzt werden, die bisher im B3-Center in Wittstock untergebracht sind; der andere von deutschen Jugendlichen, die das Jugendamt von ihren Eltern trennt, weil diese Alkoholprobleme haben oder gewalttätig sind.

Die einstige Pension Lilienhof in Rägelin. Quelle: Andreas Vogel

Selbst die Vertreter der Gemeinde Temnitzquell (zu der Rägelin gehört) erfuhren erst Ende Juni von den Plänen – dabei hatte Navitas den Lilienhof bereits Anfang des Jahres gekauft und die Sozialbehörden des Landkreises darüber informiert. Entsprechend groß ist die Aufregung in Rägelin: Sind die Jugendlichen, die künftig im Dorf untergebracht werden sollen, schon straffällig geworden? Werden sie sich in Rägelin integrieren lassen? Und warum müssen die Jugendlichen überhaupt mitten im Ort untergebracht werden?

„Wir sind nicht generell gegen das Projekt. Aber wir haben Angst in unseren Herzen“, sagt eine junge Mutter am Donnerstagabend im Dorfgemeinschaftshaus von Rägelin. Dorthin sind mehr als 80 der gut 450 Einwohner des Dorfes gekommen. Sie wollen Antworten auf ihre Fragen, Antworten von Vertretern der Navitas ebenso wie von Vertretern des Landkreises.

„Ich habe selbst zwei Töchter“

Candan Ögütcü, der Geschäftsführer von Navitas, kann die Bedenken verstehen. „Ich habe selbst zwei Töchter.“ Ögütcü, der seit 30 Jahren in der Jugendhilfe tätig ist und auch schon Projekte in kleinen Orten in Portugal und Italien betreut hat, versucht, jede Frage zu beantworten.

Demnach werden die Kinder und Jugendlichen „mindestens“ von zwei Mitarbeitern betreut, in der Regel sogar von dreien. Zudem sei geplant, dass die Jugendlichen ganz normal die Schule besuchen und eine Ausbildung absolvieren können.

Aus rassistischen Gründen angegriffen

Mit der Polizei hat Navitas in Wittstock demnach nur dann zu tun gehabt, wenn Bewohner nicht zum verabredetem Zeitpunkt in der Unterkunft waren. Außerdem habe es einen Fall gegeben, als Jugendliche und Mitarbeiter von Navitas in Wittstock aus rassistischen Gründen angegriffen worden seien. Da habe man ebenfalls die Polizei rufen müssen, sagt Candan Ögütcü.

Auch für den Umzug der minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge von Wittstock nach Rägelin gibt es an dem Abend eine Erklärung: Der Eigentümer des B3-Centers habe dem Landkreis den Mietvertrag gekündigt, weil er das Gebäude während der Landesgartenschau in Wittstock im nächsten Jahr anderswertig nutzen wolle, sagt Andreas Liedtke, der Chef des Amtes für Familien und Soziales beim Landkreis.

Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge

Zugleich erklärt Liedtke, dass Navitas sich bereits in den vergangenen Jahren um die sogenannte Clearingstelle für die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge gekümmert hat. Diese befand sich erst in Zechlinerhütte, dann im Schullandheim in Schweinrich und derzeit im B3-Center in Wittstock. Die jungen unbegleiteten Flüchtlinge werden in der Clearingstelle für drei Monate betreut, bis sie in andere Einrichtungen wechseln.

Der Amtsleiter Andreas Liedtke, Navitas-Chef Candan Ögütcü, der Prokurist Oliver Senf (v. l.) Quelle: Andreas Vogel

„Wir haben Bedarf an jungen Menschen in der Region. Wenn wir wollen, sind sie auch schnell integriert“, sagt Hans Untersteiner aus Netzeband. Der Unternehmer verweist auf ein afrikanisches Sprichwort, wonach es für die Erziehung eines Kindes ein ganzes Dorf braucht. „Wir sollten unsere Hilfe anbieten“, sagt Hans Untersteiner.

Doch die Skepsis bei vielen ist groß. „Wollen die Jugendlichen überhaupt unsere Hilfe? Sind sie im Kopf bereit dafür?“, fragt eine andere Mutter. Navitas-Chef Ögütcü kennt solche Bedenken. „Die gehören dazu.“

Tag der offenen Tür

Um Vorbehalte und Ängste abzubauen, will Navitas deshalb gleich nach der geplanten Eröffnung des Heimes im August die Rägeliner zu einem Tag der offenen Tür in den einstigen Lilienhof einladen. „Das war eine konstruktive Runde, bei der ich auch viele Hinweise bekommen habe“, so Ögütcü.

Bevor das Heim in Rägelin eröffnet werden kann, muss aber erst das Land die sogenannte Betriebsgenehmigung dafür erteilen. Einen ersten Vor-Ort-Termin dafür gab es bereits, berichtet Candan Ögütcü. Er rechnet damit, dass bis zum Termin Ende Juli alle Anforderungen für Rägelin erfüllt sein werden.

Von Andreas Vogel