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Ostprignitz-Ruppin Seit 60 Jahren Arzt in Kyritz
Lokales Ostprignitz-Ruppin Seit 60 Jahren Arzt in Kyritz
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00:29 12.04.2018
Immer noch Alltag: Obermedizinalrat Hubert Streibing während einer Sprechstunde im Medizinischen Versorgungszentrum.
Immer noch Alltag: Obermedizinalrat Hubert Streibing während einer Sprechstunde im Medizinischen Versorgungszentrum. Quelle: Wolfgang Hörmann
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Kyritz

Ein ganz besonderes Jubiläum feierte der Kyritzer Obermedizinalrat Hubert Streibing dieser Tage. Am 1. April war es genau 60 Jahre her, dass er in der Stadt als Arzt seine Arbeit aufnahm. Der heute 84-Jährige, der in den vergangenen Jahrzehnten auch verschiedene andere Funktionen im Bereich des Gesundheitswesens ausübte, praktiziert weiterhin unermüdlich. Zu seinem Jubiläum hatte auch die Kyritzer Bürgermeisterin Nora Görke gratuliert.

MAZ: Wie geht es Ihnen gesundheitlich, Herr Streibing?

Hubert Streibing: Danke der Nachfrage. Ich fühle mich meinem Alter entsprechend gut und kann nach wie vor meinen Aufgaben nachgehen.

Wann waren Sie zuletzt beim Arzt?

Das ist noch gar nicht lange her. Erst im vergangenen Monat habe ich mich einem Kollegen vorgestellt. Der Kardiologe untersuchte mich innerhalb einer Vorsorge zu meinem Herzen, das sich aber schnell als weiterhin intakt erwies.

Sie konnten jüngst ein großes Jubiläum feiern ...

Sie meinen die Vollendung der sechs Jahrzehnte als Arzt. Aber da gab es ja noch einen anderen „60-er“. Mit meiner Frau Christine konnte ich am 1. März diamantene Hochzeit feiern.

Was für ein schöner Zufall ...

Nein, nein, ganz und gar nicht. Um in Kyritz arbeiten zu können, brauchte ich natürlich eine Wohnung. Die zu kriegen, bedurfte einer Zuweisung. So ein amtliches Papier bekamen allerdings damals nur Eheleute. Also haben wir geheiratet. Geplant war das sowieso. Wir kannten uns schon lange – seit 1948. Da saßen wir in einer Abiturklasse. Das war in Jena.

Wollten Sie immer schon Arzt werden?

Da schwankte ich zunächst in meiner Entscheidung. In ganz jungen Jahren konnte ich mir auch gut vorstellen, Schauspieler oder Pfarrer zu sein. Den Ausschlag gab vielleicht mein familiäres Umfeld. Meine alleinerziehende Mutter litt an spinaler Kinderlähmung. Ich sah sie nie auch nur einen Schritt laufen. Helfen wollen, helfen müssen stand für mich immer vornan. Der Arztberuf ist die logische Konsequenz. Und ein bisschen Schauspieler und Tröster wie ein Pfarrer sind gute Ärzte ja auch.

Wie kommt ein Thüringer ausgerechnet nach Kyritz?

Von oben verordnet, könnte man kurz und knapp sagen. Wer damals in der DDR studiert hatte, dem konnte es passieren, dass ihm der Staat für einen überschaubaren Zeitraum seinen Arbeitsplatz zuwies. Bei Ärzten verhielt es sich jedenfalls so. Die Prignitz galt damals, was die gesundheitliche Betreuung betraf, als absolut unterversorgtes Gebiet. Ich konnte mir aussuchen, ob ich für drei Jahre nach Pritzwalk, Kyritz oder Wittstock wollte. Die verkehrstechnische Anbindung, zum Beispiel in Richtung Hauptstadt, gab den Ausschlag dafür, Kyritz zu wählen. Hier begann ich die Zeit in der Pflichtassistenz und danach die Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin.

Und blieben dann länger als drei Jahre ...

Ja, bis heute. Das ergab sich schon 1959, als eine weitere Arztstelle besetzt werden musste und man mich ins kalte Wasser warf, wie man so sagt. Bis 1973 versorgte ich Patienten in einem großen Teil des früheren Kreises Kyritz, vor allem in jenem Bereich um Kunow, Dannenwalde und Kolrep, aber natürlich auch in der Kreisstadt. Das war keine leichte Zeit. In Erinnerung geblieben sind mir noch die vielen Hausgeburten, damals nichts Seltenes. Meine Praxis in der Maxim-Gorki-Straße an der Ecke zum Stadtgang, der zum Parkplatz Wässering führt, gehörte als Teil zur Poliklinik.

Das selbstständige Praktizieren wurde dann 1974 für lange Zeit unterbrochen. Warum?

Das stimmt nur zum Teil. Als Kreisarzt habe ich damals eine andere Aufgabe im Gesundheitswesen übernommen, praktizierte aber eingeschränkt weiter.

Was machte ein Kreisarzt?

Er war so etwas wie der „Gesundheitsminister“ des Landkreises. Mir unterstanden alle kreislichen medizinischen Einrichtungen wie Krankenhaus, Poliklinik, Ambulatorien, Kindergärten- und -krippen, was die hygienischen Bereiche betraf, auch das Kurhaus in Wusterhausen, aus dem dann später das Mutter-und-Kind-Kurheim wurde. Ich war auch Abgeordneter des Kreistages Kyritz.

Nach der politischen Wende in der DDR und der deutschen Wiedervereinigung galt es dann, sich neu zu orientieren.

Ja, ganz leicht war das zunächst nicht, aber es gelang. Die Zulassung als niedergelassener Hausarzt bekam ich 1991. An Patienten hat es bis heute nie gemangelt.

Was hat sich gegenüber Ihren „praktischen“ 60er und 70 Jahren bis in die Gegenwart bei Ihren Patienten verändert?

Die Häufigkeit der Krankheiten ist nach meiner Beobachtung in etwa so geblieben. Allerdings haben sich die hervortretenden Beschwerden verändert. Aktuell kommen verstärkt Skeletterkrankungen bei jenen vor, die vor sechs Jahrzehnten auf die Welt kamen. Diabetes war Ende der 50er Jahre kein Thema. Die Völlerei kam erst später, mit ihr Übergewicht und Herzbeschwerden. Und natürlich die Süchte in Verbindung mit Drogen, bei denen der Alkohol nur noch ein Teil unter vielen ist.

Sie haben Ende 2017 Ihre Selbstständigkeit aufgegeben, ein Tribut an das Alter?

Sagen wir mal, vorausschauend, wenngleich ich mich wie gesagt noch fit genug für mein Arbeit fühle. Nein, es war hauptsächlich der Wunsch, nicht mehr Arbeitgeber mit all den damit verbundenen Konsequenzen zu sein, sondern Arbeitnehmer. Meine Praxis wurde wie jene zuvor schon von meinem ­Kollegen Johannes Jurga von der Klinik-Management-Gesellschaft (KMG) übernommen, die auch unser Krankenhaus betreibt. Wir bilden jetzt eines von zwei Medizinischen Versorgungszentren in Kyritz. Für die Patienten hat sich nichts geändert.

Wagen Sie, was Ihre berufliche Tätigkeit betrifft, einen Blick voraus?

Muss ich ja. Mit der KMG gilt ein Vertrag über die nächsten drei Jahre. Dann entscheide ich neu.

Medizin in Jena studiert

Hubert Streibing wurde 1934 in Jena geboren, aufgewachsen ist er in einfachen Verhältnissen in einem kleinen Dorf unweit von Weimar, später in Jena.

Nach erfolgreichem Studium der Medizin in Jena begann er am 1. April 1958 seine Ausbildung am Kyritzer Krankenhaus. Neben seiner Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner übernahm er die Praxis eines Landarztes.

Verschiedene Stationen im beruflichen Leben, so als Stellvertreter des Chefarztes der Poliklinik und Kreisarzt des Kreises Kyritz, führten Hubert Streibing bis 1989 durch die Gesundheitspolitik der DDR.

Seit 1991 arbeitet er wieder als Hausarzt in Kyritz, aktuell als Angestellter der Klinik-Management-Gesellschaft.

Von Wolfgang Hörmann