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Ostprignitz-Ruppin Auf Knopfdruck in den Knast
Lokales Ostprignitz-Ruppin Auf Knopfdruck in den Knast
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01:06 08.11.2014
Christa Weber kam 1961 ins Gefängnis - wegen des laufenden Westfernsehens in ihrer Gaststätte. Quelle: Matthias Anke
Dreetz

Tage wie diese sind es, die bei ihr Glücksgefühle aufkommen lassen, sagt Christa Weber. "Mit der Wende fiel ja schließlich nicht einfach nur eine Mauer, sondern ein ganzes System aus Einschüchterung und Angst begann in sich zusammenzufallen", erklärt die 74-jährige Frau aus Dreetz mit Blick auf den bevorstehenden 9. November. Und diese Rentnerin weiß, wovon sie spricht.

Es wird der nunmehr 25. Jahrestag seit dem Fall der Mauer sein. In dem Jahr aber, als eben diese Mauer in Berlin einst zu bauen begonnen wurde, schon da geschah es, dass Christa Weber die ganze Härte dieses Systems zu spüren bekam: Sie und ihr Vater wurden 1961 ins Gefängnis gesteckt, nur weil sie in ihrer Gaststätte in Dreetz bei Neustadt Westfernsehen laufen hatten. "Wir waren das Exempel, um alle anderen Leute ängstlich zu machen", erinnert sich die Rentnerin. Ihr Fall sollte zum abschreckenden Beispiel für eine ganze Region werden.

Es passierte am 1.September 1961. Seit zwei Wochen wurde in Berlin schon an der Mauer gearbeitet. An diesem Herbsttag ackerte Kurt Kampe, Christa Webers Vater, gerade auf dem Feld. Neben seinem Gaststättenbetrieb hatte er in Dreetz auch Land zu bewirtschaften - bis ihn dort plötzlich die Polizei abholte. "Im Vereinsraum unserer Gaststätte soll er einen Fernseher zu stehen haben, mit dem feindliche Propaganda gemacht wird, hieß es", erzählt Christa Weber. "Dabei wusste mein Vater nicht mal so richtig, wie das Gerät funktionierte. Das hatte ich immer gemacht." Am 12.September wurde daraufhin auch die damals 22-Jährige abgeholt.

 

Ihr eigener Leidensweg führte sie ins Erzgebirge. Im Frauengefängnis Himmelmühle an der Zschopau musste sie zehneinhalb Monate bleiben. Täglich ging es zur Strafarbeit in eine Baumwollspinnerei im 20Kilometer entfernten Gelenau. Zeitzeugen erinnern sich dort noch heute an einen schockierenden Anblick, wenn die Insassen des Frauengefängnisses in ihrer Sträflingskleidung mit Hundestaffeln zur Arbeit in "die Spinne" gebracht wurden.

Zu Hause musste die Gastwirtschaft unterdessen geschlossen werden. Ohne sie ging das Leben in Dreetz auch weiter, als Vater und Tochter zurückkamen. Kurt Kampe blieb Bauer in der LPG. Christa Weber brachte im Jahr nach ihrer Entlassung Sohn Torsten auf die Welt. Neben ihrer Mutter und den beiden jüngeren Geschwistern, die damals noch Schulkinder waren, hatte auch ihr Mann auf sie gewartet.

Irgendwann wurde Christa Weber Horterzieherin. Sie blieb es drei Jahrzehnte lang. Westfernsehen wurde in dieser Zeit weitergeguckt. "Das hat doch jeder getan", sagt sie, die sich trotz Gefängniserfahrung nicht kleinkriegen ließ. Welcher große Druck aber bis zum Schluss auf der DDR-Bevölkerung lastete, angefangen bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie dem Fernsehprogramm, wurde bereits in dem Bericht über die Verhaftung deutlich: "So, wie es dem Kampe ergangen ist, wird es allen Unverbesserlichen ergehen, die die Kanäle nicht auseinanderhalten können, die glauben, sich zweiseitig orientieren zu müssen. Derjenige, der von der Westideologie eingefangen ist, kann niemals seine Kraft voll und ganz dem Sozialismus geben. Er wird zum Wandler zwischen zwei Welten. Er rutscht unaufhörlich in das Lager unserer Gegner ab und wird letztlich zum Feind unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht."

Christa Weber lacht. "Wenn das hier nicht so Schwarz auf Weiß geschrieben stehen würde, würden uns das jüngere Menschen heute doch gar nicht glauben."

In ihrem Wohnzimmer läuft das ARD-Vormittagsprogramm. Davor steht ein kleiner Wagen voller Wollknäuel. Ein saftgrüner Strickpullover liegt obendrauf. Er wartet auf seine Fertigstellung. "Das ist mein großes Hobby", sagt Christa Weber, die sich auch in diesem Jahr wieder an der landkreisweiten Strickaktion für Obdachlose beteiligt.

Auch am kommenden Sonntag, 9.November, wird sie, die als Unterdrückte der DDR-Diktatur heute eine Opferrente erhält, dort in ihrem plüschigen Fernsehsessel mit dem eingestanzten Blumenmuster sitzen. Im Programm dürften dann die Feierlichkeiten zum Jahrestag des Mauerfalls zu sehen sein, immer wieder mit den Bildern vom Ende der DDR und ihres "antiimperialistischen Schutzwalls". Und Christa Weber verfolgt das alles auf ihrem LCD-Flachbildschirm in HD-Qualität. "1961 unvorstellbar", sagt sie. So unvorstellbar, wie es heute ist, fast ein Jahr lang hinter Gittern zu sitzen wegen einer flimmernden Schwarz-Weiß-Röhre.

Aufruf: Erinnern Sie sich auch noch an Ereignisse, die mit dem Bau oder Fall der Mauer zu tun haben? Dann besuchen Sie uns doch in einer Lokalredaktion, schreiben Sie per E-Mail an neuruppin@MAZ-online.de oder rufen Sie an unter 03391/45 75 12.

Von Matthias Anke

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