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Ostprignitz-Ruppin „Der gute Mensch von Sezuan“ vor Premiere
Lokales Ostprignitz-Ruppin „Der gute Mensch von Sezuan“ vor Premiere
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18:58 27.07.2017
Diebe, Schmarotzer, missgünstige Neider: In farbenfrohen Kostümen treten Figuren auf, die nur nehmen und nichts geben. Quelle: Fotos: Peter Geisler
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Netzeband

Seit Jahrzehnten, so schrieb Bertolt Brecht, wird die chinesische Provinz Sezuan von Überschwemmungen heimgesucht. Auch wenn ein Theaterstück mit einer besonders authentischen Kulisse beim Publikum sicherlich punkten kann, waren alle Beteiligten bei der Kostümprobe von „Der gute Mensch von Sezuan“ dann doch sehr froh, dass die Überschwemmung in Form des Dauerregens überraschend ausblieb.

Das 1941 erschienene und 1943 in Zürich erstmals aufgeführte Schauspiel „Der gute Mensch von Sezuan“ ist eines der bekanntesten Werke Bertolt Brechts. Jetzt kommt das Stück beim Theatersommer Netzeband als Masken-Synchrontheater auf die große Freilichtbühne im alten Gutspark. Bis Ende August gibt es zehn Aufführungen.

Am Mittwochabend konnten die Darsteller erstmals in voller Montur und mit ihren Masken das Stück kurz vor der Premiere noch einmal probeweise trocken über die Bühne bringen. „Bei der Premiere regnet es nicht“, betonte Christine Hofer entschieden, die gemeinsam mit Sascha Mey als Regie-Werkstatt das Stück für den Theatersommer Netzeband inszeniert hat. Das dauerhaft schlechte Wetter hatte in der Vorbereitungszeit für erschwerte Probenbedingungen gesorgt, weshalb bei der Kostümprobe hier und da noch ein wenig gefeilt werden musste. „Wir sind immer noch am Probieren und im Prozess, aber heute ist ja auch noch keine Generalprobe“, sagte Hofer.

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Zwar stimmte hier und da die Tonspur noch nicht ganz, ein in das Stück integrierte Moped fuhr kurzzeitig nicht und eine Maske musste noch schnell mit Heißkleber repariert werden. Doch abgesehen von diesen Kleinigkeiten bewies der farbenprächtige Probendurchlauf bereits, dass auf die Zuschauer ein stimmungsvolles, bildgewaltiges Schauspiel zukommt.

Wunderschöne Kostüme und individuelle Masken

Mit wunderschönen Kostümen, die auf der weiten Fläche des Gutsparks hinter der Temnitzkirche besonders eindrucksvoll wirken, bewegen sich die Darsteller geschmeidig und ausdrucksstark in der Szenerie. Die individuell gestalteten Masken tun ihr Übriges, um dem Theaterstück eine asiatische Mystik einzuhauchen. Masken- und Kostümbildnerin Jana Fahrbach hat beeindruckende Arbeit geleistet und jedem Charakter ein entsprechendes Gesicht gegeben.

Shen Te (Daria Monciu), Hauptfigur in Bertolt Brechts kapitalismuskritischem Stück, muss allerdings mit zwei Gesichtern auskommen: Weil sie in ihrer Güte stets an alle anderen Menschen denkt und sie aus purer Nächstenliebe unterstützt, wird sie von allen Seiten schamlos ausgenutzt und weiß sich nicht anders zu helfen, als eine zweite Identität anzunehmen: Verkleidet als ihr geschäftstüchtiger Vetter Shui Ta (ebenfalls Daria Monciu) setzt sie durch, was ihr als Shen Te nicht möglich ist.

Gutherzigkeit, die schamlos ausgenutzt wird

Drei Götter (Andreas Klein, Meike Hartmann und Uschi Schneider), die auf der Erde nach Menschen suchen, die durch und durch gut sind, glauben, diesen in Shen Te gefunden zu haben und helfen ihr aus einer finanziellen Not. Mit einem Tabakladen versucht sich die ehemalige Prostituierte eine neue Existenz aufzubauen. Doch jeder scheint der gutherzigen Frau auf der Tasche zu liegen und ohne jegliche Gegenleistung Hilfe von ihr zu erwarten.

Die Witwe Shin (Christin Schönemann) verlangt Reis für ihre Kinder, Hausbesitzerin Mi Tzü (Friederike Fink) will eine horrende Miete, eine ganze Familie (Anna-Lena Franck, Virginè Schwarz, Timothy Shaw, Margit Soika und Mira Seesemann) quartiert sich in Shen Tes Tabakladen ein und schmarotzt sich bei ihr durch, der wohlhabende Barbier Shu Fu (Stefan Schreiber) will sie mit Geld von sich abhängig machen. Und sogar Yang Sun (Ludwig Tautz), für den ihr Herz schlägt, ist nicht ehrlich zu ihr. „Ich bin ein schlechter Mensch, deshalb brauche ich dich“, sagt er.

Großer Respekt vor der Leistung der Darsteller

Mit passend ausgesuchten Musikstücken werden die Figuren im Stück vorgestellt. „Die Musik ist eine wilde Mischung, ganz im Brecht’schen Sinne ist die Auswahl eine sehr starke Gemeinschaftsarbeit“, sagt Christine Hofer. „Die Musik beschreibt den Charakter jeder Rolle.“ Sascha Mey sagt: „Die Auftrittsthemen sollen möglichst harte Gegensätze erzeugen.“ Mit dem Durchlauf der Kostümprobe ist Mey sehr zufrieden. „Es läuft extrem gut für die kurze Vorbereitungszeit“, sagt der Regisseur. „Dass es in so einer Geschwindigkeit funktioniert hat, ist allein dem Ensemble zu verdanken – davor, was die Darsteller leisten, habe ich den größten Respekt.“ Durch den großflächigen Spielraum wirkten besonders die Szenen gut, die in die Bühnentiefe gehen. „Die Kostüme sind überragend schön, und durch das Zusammenspiel von optischem Reiz und der musikalischen Stimmung hat man den Eindruck, die Darsteller würden schweben“, sagt Mey.

Humorvolle Elemente in einem ernsten Stück

Mehrmals hatte das Ensemble in den letzten Tagen bei strömendem Regen im Gutspark geprobt. „Wir sind eine sportliche Gemeinschaft und werden notfalls auch die Kirche rocken“, sagt Christine Hofer. Doch dass die Produktion in die Temnitzkirche verlegt werden muss, ist bei den bisherigen Wetteraussichten möglicherweise auch vermeidbar. Und sobald es dunkel wird, taucht die Szenerie in eine stimmungsvolle Beleuchtung ein und versprüht den Zauber eines asiatischen Märchens. Trotz des ernsten Tons der Geschichte sind auch humorvolle Elemente in das Stück mit eingebaut, und immer wieder tauchen neue, besonders gestaltete Figuren auf, die die Bühne bevölkern. „Der gute Mensch von Sezuan“ ist, ob mit oder ohne Überschwemmung, ein sehens-und hörenswertes Theaterstück.

Von Christina Koormann