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Ostprignitz-Ruppin Ein Bäcker vertont "Die Reise zum Mond"
Lokales Ostprignitz-Ruppin Ein Bäcker vertont "Die Reise zum Mond"
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00:26 07.01.2015
Autsch! Die Kapsel landet im Auge des Mannes im Mond. Quelle: Regine Buddeke
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Vichel

"Ein kurzes, aber kurzweiliges Vergnügen", verspricht Jürgen Duffner den 60 Gästen des Vicheler Gutshauses, die diesmal am ersten Sonntag des Monats zu Kultur mit Kaffee und Kuchen gekommen sind. "Ich hoffe, dass es bleibenden Eindruck hinterlässt."

Kurz ist es in der Tat, was da zu sehen und zu hören ist. Ganze zwölf Minuten nur dauert "Die Reise zum Mond", wie sie sich der Illusionist und Filmpionier Georges Méliès im Jahre 1902 vorstellte. Es ist einer von mehr als 500 Filmen des Regisseurs und zugleich einer der ersten Science-Fiction-Filme der Kino-Geschichte. Gedreht in Schwarz-Weiß und zusätzlich handcoloriert, begann 1999 die mühevolle Arbeit der Rekonstruktion und Digitalisierung. Mehr als 13.375 Einzelbilder waren es, die aufwändig bearbeitet wurden, bis 2010 die fertige Fassung auf DVD vorlag. 1902 war an eine Mondlandung noch nicht zu denken – insofern ist es spannend, wie skurril und bunt Méliès sich die Zukunft vorstellte.

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Einsteigen, bitte! So stellte sich Georges Méliès den Abflug zum Mond vor. Quelle: Regine Buddeke

Da ist zuerst die Tagung der astronomischen Gesellschaft, die sich selbst beweihräuchert, bevor dann Rakete und Kapsel hergestellt werden, mit der die sechs Wissenschaftler – schick mit Schirm, Frack und Pelerine – letztlich auf den Erdtrabanten abgefeuert werden. Wie eine rote Kugel bohrt sich die Raumkapsel ins plötzlich blutig scheinende Auge des Mannes im Mond, bevor die Astronauten die Oberfläche betreten. Mit ihren schillernden Riesenpilzen und pulsierenden Flechten mutet diese wie ein prächtiger psychedelischer Rausch ebenjener halluzinogener Pilze an.

Am Horizont geht irgendwann die Erde auf, Außerirdische greifen an, da helfen auch die als Waffen benutzten Regenschirme nichts. Nicht nur die Mondbewohner, sondern auch der Regisseur scheinen nicht sonderlich angetan von der menschlichen Eroberung fremder Gestirne. Immerhin gelingt den Forschern die Flucht auf die Erde, wo der Erfinder-Professor und erste Raumfahrtpionier entsprechend gefeiert wird – klassisch schön mit Ringelreihen um die Professoren-Statue.

Volker Apitz untermalte den "Mann im Mond" als Pianist. Quelle: Regine Buddeke

Die Musik zum Stummfilm steuert in Vichel der Rohrlacker Bäcker Volker Apitz live bei. Mindestens acht Mal hat er den Film gesehen, erzählt er, bevor der Sound zu den meist slapstickhaften Bildern im Kopf entstanden war. "How high the moon", Mozarts "Türkischer Marsch", die sowjetische Nationalhymne, der Hochzeitsmarsch sind zu erkennen. Zur Unterwasserszene passt "Yellow submarine" der Beatles. „Die Komik ist das Hauptanliegen des Films“, sagt er. "Die wollte ich rüberbringen, indem ich bekannte Melodien darüberlege." Freies Improvisieren sei für Filmmusik viel besser, als sich an Noten zu klammern, so der Rohrlacker, der früher einmal zwei Semester Klavier studiert hat. Die Musik müsse schließlich zu den Szenen passen.

Volker Apitz hat die Noten vor sich, schaut aber immer wieder zur Leinwand, auch er improvisiert in Maßen. Ein richtig guter Pianist schüttele natürlich die Noten mit Blick auf die Leinwand frei aus dem Ärmel. "Aber davon bin ich weit entfernt", sagt er nach ein paar Patzern bei "It's a Wonderful World". Das Publikum feiert ihn und den Film dennoch mit tosendem Applaus. Trotzdem will Volker Apitz, der oft in der Kirche die Orgel gespielt hat, jetzt erst einmal eine musikalische Pause einlegen – Familie und Job halten ihn zu sehr auf Trab. Es bleibe zu wenig Zeit zum Üben. "Man tritt auf der Stelle. Ich war so unzufrieden, dass ich jetzt erst einmal pausiere", erklärt er. Ein Adventskonzert in Wusterhausen war sein Abschiedskonzert.

Für Organisator Jürgen Duffner, der seit einem halben Jahr den Vorsitz im Vicheler Gutshaus hat, ist das Stummfilm-Experiment gelungen. Er würde davon gern mehr zeigen. "Diese alten Filme üben eine Faszination ohnegleichen aus. Was mit der damaligen Technik alles möglich war, ist viel größer als alles, was heute per Knopfdruck produziert wird", schwärmt Duffner. Grundsätzlich möchte er mehr Kultur nach Vichel holen, sagt der Mitarbeiter des Betreiber-Vereins "Gesellschaft zur Förderung musischer Erziehung und Lebensgestaltung in der sozialen und therapeutischen Arbeit". Kleinkunst, Film, Puppentheater – "charmante Sachen, die nicht so überlaufen sind", sagt er. Und das auch gern mehr als nur einmal im Monat.

 Von Regine Buddeke

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