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Fehrbellin Der letzte Schiffer von Linum
Lokales Ostprignitz-Ruppin Fehrbellin Der letzte Schiffer von Linum
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00:40 27.05.2018
Seit 2009 bringt Ingo Warmt Gäste auf seinem Spreewaldkahn durchs Linumer Teichland. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti
Linum

Früher herrschte reger Verkehr auf dem Amtmannkanal. Schiffe brachten Torf zum Heizen Tag für Tag von Linum nach Berlin. Heute liegt eine Seelenruhe über der Landschaft. Nur die Rufe der Vögel sind zu hören und der Wind, der durch die Baumwipfel rauscht. Im kleinen Hafen von Linum schaukeln längst keine großen Kähne mehr, dafür Hausboote, vereinzelt Jachten und an einem Steg ein Spreewaldkahn. 25 Leute können darauf Platz nehmen und haben es auch fast getan.

Die gepolsterten Sitzbänke sind gut gefüllt an diesem Samstagmittag. Hinten am Steuerrad steht Ingo Warmt und heißt über ein Mikrofon seine Fahrgäste herzlich willkommen. Statt des schwarzen Goldes Torf bringt er jährlich von Mai bis Oktober Besucher über die Wasserwege seiner Heimat und die wunderschöne Natur näher. Seine Touren seien gefragt, viele Berliner kämen, erzählt Warmt, Gäste aus der hiesigen Bevölkerung dafür weniger. „Vielleicht wissen sie es nur einfach noch nicht.“ Immer an den Wochenenden und an Feiertagen legt Ingo Warmt ab. 5 Euro kostet die Fahrt pro Person.

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Sicher steuert der Käpt’n seinen dunklen Spreewaldkahn mit dem blauen Rand nun in den Amtmannkanal hinein. „Falls Sie reinfallen sollten“, sagt er an seine Crew gewandt und lächelt verschmitzt, „ist es nicht schlimm. Der Kanal ist nicht sehr tief. Nur einen bis 1,50 Meter. Hinzu kommen noch etwa 30 Zentimeter Morast.“ Das Wasser ist zum Greifen nah und sehr erfrischend. Die Hände spielen während der Fahrt immerzu damit. Am Ufer der Wasserstraße ragen hohe Schilfwände. Fast geräuschlos tuckert das Boot durch den schnurgeraden Kanal. Nur ganz leise ist sein Elektroantrieb zu hören.

„Im Mai 2009 habe ich die Linumer Wassertouren gegründet. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, meinen Gästen ökologisch das Obere Rhinluch zu zeigen“, erzählt der Amtmannschiffer. „Daher fahre ich mit Elektroboot.“ Der Erhalt der heimischen Pflanzen- und Tierwelt liegt dem gebürtigen Linumer sehr am Herzen, privat und beruflich.

Früher fuhren viele Boote auf dem Amtsmannkanal. Inzwischen ist es dort deutlich ruhiger. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Beim Vogelschutzkomitee in Linum kümmert sich Warmt um die Instandsetzung, Pflege und Erhaltung der Flächen und Teiche. Diese sind Schlafplätze von Bibern und Kranichen. Seit 2017 Ingo Warmt der erste ehrenamtliche Biberbeauftragte von Ostprignitz-Ruppin und leidenschaftlicher Hobbyimker. In seiner Freizeit kümmere er sich um etwa 15 Völker, erzählt er: „Schon seit meiner Kindheit befasse ich mich mit der interessanten Lebensweise der Honigbienen. Meine Bienen tragen durch ihre Blütenbestäubung massiv zum Erhalt der Natur bei.“

Mit Ingo Warmt durch die Teichlandschaft zu fahren, ist wie eine Stunde Heimatkunde. Über die Geschichte Linums und über Flora und Fauna weiß er viel zu berichten. Unter einem knorrigen Baum zeigt der Naturautodidakt, der zu DDR-Zeiten Zerspanungsfacharbeiter in Hennigsdorf gelernt hatte, auf eine Ansammlung von Ästen. Hier hat sich jemand ein lauschiges Plätzchen eingerichtet. „Biber. Das sind ihre Einstiege ins Wasser.“ Ein Drosselrohrsänger macht dazu angenehmen Krach. „Kaare kaare krieht krieht“, ruft er in der Stille hinein.

Hinter der Abzweigung zum Hauptleiter-Graben hat Ingo Warmt das Schilf weggeschnitten. „Damit man mal einen Blick auf einen Teich hat, in dem Kraniche im Frühjahr und Herbst schlafen. Wir bereiten diese für sie auf, lassen Wasser ab.“

Das Teichland entstand aus abgetorften Flächen

Das 400 Hektar große Teichland Linum entstand aus abgetorften Flächen, erzählt der 56-Jährige. 1294 wurde das heutzutage auch als Storchendorf bekannte Linum, in dem Adebar jährlich im Frühjahr brütet, zum ersten Mal urkundlich erwähnt. „Im 18. Jahrhundert legte man das Rhinluch trocken und entdeckte Torfvorkommen. Es entstanden große Torfländereien.“ Zur Blütezeit hatte Linum rund 2 500 Einwohner. „Es gab mehrere Reedereien, die den Torf verschifften.“

Linum wurde zum Schifferdorf. 1843 gründete man die freie Schifferinnung. „1880 gab es 50 Mitglieder, 1900 um die 80“, zählt Warmt auf. Bis etwa 1890 war das schwarze Gold von Linum gefragt. Dann kam die Kohle auf, was das Aus für den Torf bedeutete und den Rückgang der Reedereien. Ab 1836 wurde bereits angefangen, Gräben im Gebiet zu bauen, um die Felder zu bewässern. 1901 entstanden die ersten zwölf Teiche, Karpfen wurden gezüchtet. 58 Teiche waren es mal.

Diese wunderschöne Natur der Teichlandschaft hat es Ingo Warmt angetan. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Nach der Wende war damit Schluss und es wurden Störe gezüchtet für die Kaviarproduktion. „Ebenfalls ein Auslaufmodell.“ Ingo Warmt lacht auf. „Ich habe damals bei der Teichwirtschaft gearbeitet, bin dort natürlich Boot gefahren.“ Eben jenes hatte er 2009 für seine Wassertouren übernommen, als der Betrieb eingestellt wurde. Seinen Schifffahrtsschein hatte Warmt im Jahr 2000 gemacht. Damals hatte es noch die Schifffahrtsschule gegeben, die einst 1902 gegründet wurde. „Ich bin der letzte Schiffer von Linum und der einzige, der Touren über den Amtmannkanal anbietet.“

1968 ist die Teichlandschaft herangewachsen, wie sie heute sei, sagt der Schiffer und erklärt: „In die eine Richtung kann man bis nach Oranienburg in die Havel fahren, in die andere Richtung über den Alten Rhin bis Fehrbellin.“ In diesen biegt er mit dem Kahn ab. „Jetzt ist das Wasser zwei Meter tief“, klärt er sein Publikum auf. „Das ist Paddlergebiet. Es gibt keine großen Ströme, nicht viel Bootsverkehr.“

Biber, Enten, Ringelnatter – und Grün soweit das Auge blickt

Dafür Grün soweit das Auge blickt und das Blau des Wassers, in dem die Hände wiederholt planschen. Eine Entenfamilie schwimmt vorbei, am Ufer erhebt sich eine große Biberburg. Eine Ringelnatter schwimmt darauf zu, verschwindet im Gehölz des modernisierten Damms. Ein blauer Vogel pickt etwas aus dem Wasser. „Ein Eisvogel“, freut sich Warmt und zeigt im nächsten Moment nach oben. Am Himmel kreist ein Greifvogel mit leuchtend weißer Unterseite. „Das ist ein Fischadler.“ Viele Tierarten sind hier beheimatet. Seit 2013 steht das Teichland Linum im Oberen Rhinluch unter Naturschutz.

Noch vor Hakenberg wendet Ingo Warmt dann seinen Spreewaldkahn und nimmt Kurs auf Linum. Nach etwa einer Stunde läuft er wieder in den kleinen Hafen ein. Ein Storchenpaar fliegt am Himmel. Wenn Adebar im August nach Süden zieht, kämen die Graugänse, Saat- und Blässgänse, erklärt Naturexperte Ingo Warmt: „Um die 50 000 Gänse sind hier im Oktober.“ Dazu die Kraniche. Es gibt eben immer was zu sehen von Warmts Spreewaldkahn aus. Auf entspannte, sanfte Weise tuckern darin Naturliebhaber und Entdecker über den Amtmannkanal.

Termine und Anmeldungen für die Wassertouren: 0162/1 99 63 48 oder www.linumerwassertouren.de

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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