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Ostprignitz-Ruppin Finnischer Elektro-Folk im Kornspeicher
Lokales Ostprignitz-Ruppin Finnischer Elektro-Folk im Kornspeicher
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13:21 10.09.2017
„Let’s go Karelia!“: Anne-Mari Kivimäki (vorn), Reetta-Kaisa Iles und Eero Grundström von „Suistamon Sähkö“. Quelle: Frauke Herweg
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Neumühle

Die spinnen, die Finnen. Das muss man nach dem großartigen Konzert von „Suistamon Sähkö“ am Sonnabend im Kornspeicher mit dem allergrößten Respekt sagen. Im Winter fahren die Finnen Ski, tragen Fellmützen und bohren Löcher ins Eis. Die „Suistamon Sähkö“-Tänzer Reetta-Kaisa Iles und Tuomas Juntunen führen das mimisch vor – und lassen das Publikum die Bewegungen nachtanzen. Immer schneller senken sich die Fellmützen, dreht sich der imaginäre Eisbohrer. Am Ende wird Juntunen behaupten, dass Finnen bei Hochzeiten drei Tage so tanzen. Das Publikum in Neumühle hat es zehn Minuten geschafft. Nicht schlecht, findet Juntunen.

„Suistamon Sähkö“, das Folktronica-Projekt der finnischen Musikerin Anne-Mari Kivimäki, verquirlt hypnotisch sich wiederholende Akkordeon-Akkorde, elektronische Rhythmen und vielstimmigen Gesang. Kivimäkis Akkordeon klingt mal wehmütig, mal anklagend, mal zärtlich. Dazu tragen die Sänger besten Hip-Hop und einen Choreinsatz vor, der in seinem wildesten Moment an betrunkene Don Kosaken erinnert.

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Herzzerreißend bis klamaukig: „Suistamon Sähkö“ (hier Anne-Mari Kivimäki und Tuomas Juntunen) Quelle: Frauke Herweg

„Suistamon Sähkö“ zelebrieren mit unbeweglichen Gesichtern rasanten Klamauk. Sie singen von den Katerschmerzen nach einer durchsoffenen Nacht und parodieren sentimentale Heimatlieder. Iles und Juntonen kreiseln in einem irrwitzigen Tempo über die Bühne, ein wenig später lässt Juntonen lasziv das Mikro schwingen.

Doch ist „Suistamon Sähko“ nicht nur herrlicher Quatsch. Die Lieder des Elektro-Folk-Projektes beschäftigten sich mit den Wunden der Geschichte. Mehr als 400 000 Finnen hatten ihre karelische Heimat verlassen müssen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu großen Teilen an die russische Siegermacht ging.

Einst gehört Suistamo zu Finnland

Auch Suistamo ist ein kleiner Landstrich, der zu Finnland gehörte und von Russen besetzt wurde. In ihrem gleichnamigen Projekt-Zyklus setzte sich Kivimäki mit der hypnotischen karelischen Musik und Archivaufnahmen eines alten Geschichtenerzählers auseinander. Es entstanden Konzerte, ein Kurzfilm, eine Fotoausstellung und komödiantisches Musiktheater. „Suistamon Sähkö“ ist die dritte Arbeit in Kivimäkis vierteiligen „Suistamo“-Projekt.

Auf ihren Recherche-Reisen ist Kivimäki in verlassene Gegenden gekommen. Ihre Lieder, sagt sie, seien von den holprigen Straßen Kareliens, alten Karten Suistamos und den Geschichten von Vertreibung und Flucht inspiriert. In „Saarella Palaa“ (Die Insel brennt) beschreibt sie die Vertreibung der Karelier im Krieg. In einem anderen Lied skizziert sie die Begegnung mit einem Mann, der als einziger in einem Dorf zurückgeblieben ist. Seinen Namen zu nennen, würde lange dauern, erzählt Tänzer Tuomas Juntunen. Als Letzter seines Dorfes hat er die Namen all derer angenommen, die einst dort mit ihm lebten.

Zwei Zugaben erklatschte sich das begeisterte Publikum. Bei der zweiten – der Kurzversion des Hochzeitsliedes – tanzt Juntunen mitten im Publikum auf einem Stuhl.

Von Frauke Herweg