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Ostprignitz-Ruppin Das Insektensterben geht weiter
Lokales Ostprignitz-Ruppin Das Insektensterben geht weiter
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01:15 08.06.2018
Eine der wenigen guten Nachrichten: Libellen geht es in Brandenburg wieder besser. Quelle: Peter Geisler
Neuruppin

Früher war die Autoscheibe im Sommer dicht. Unzählige Insekten hatten darauf ihr Leben gelassen. Heutzutage sind noch ein paar Einschläge drauf. Das bestätigt auch Biologe Dietrich Dolch aus Radensleben: „Es ist ein eindeutiges Indiz, dass da was nicht stimmt.“ Fliegen, Mücken, Bienen oder auch Käfer sind weniger geworden.

Eine groß angelegte Studie des Entomologischen Vereins Krefeld hatte den Insektenschwund 2017 bereits zum Vorschein gebracht. 27 Jahre lang hatten ehrenamtliche Biologen an 60 Orten hierzulande, vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Brandenburg, das Vorkommen an Fluginsekten untersucht. Das Ergebnis war alarmierend: Mehr als drei Viertel weniger Insekten waren in die Netze geflogen.

Die Studienergebnisse lassen vermuten, dass es sich beim Insektenrückgang um ein flächendeckendes Problem handelt, so die Experten. Auch die Universität Potsdam kam zu diesem Entschluss. Sie hat eine Bestandsveränderung von Insekten, speziell von Laufkäfern festgestellt, so Ingo Scheffler vom Fachbereich Allgemeine Zoologie: „Zwischen 2015 bis 2017 haben wir in verschiedenen Biotopen Präsenz der und Reichtum der Arten ermittelt und mit historischen Untersuchungen verglichen.“

Bis 1956 konnte das Vorkommen von 179 Spezies mit jeweils unabhängigen Funden belegt werden.„Aktuell sind davon 68 Arten verschollen“, sagt der Biologe. „Im Vergleich zu den Untersuchungen in den 1990er-Jahren konnten 42 Arten bei der letzten Studie gar nicht mehr nachgewiesen werden.“

Vor allem um Bienen machen sich die Forscher Sorgen. Quelle: Peter Geisler

Die Untersuchungen der Universität liefen zwar rund um Potsdam, man könne die Fakten aber auf den Landkreis Ostprignitz-Ruppin übertragen, meint Ingo Scheffler: „Der generelle Artenrückgang betrifft besonders Arten mit den Präferenzen für Ufer und Wälder.“ Bedauerlich in einem gewässerreichen Bundesland wie Brandenburg.

Doch das sei längst nicht alles,erklärt Bernd Ewert vom Nabu-Kreisverband Neuruppin: „Gegenden mit vielen Gewässern so wie in unserem Landkreis sind zugleich auch in besonderem Maße mückenreich. Da ist es schon sehr bedenklich, dass wir im Rheinsberger Gebiet in den Jahren 2014 bis 2016 auffallend wenige von den Plagegeistern hatten. 2017 waren es wieder etwas mehr.“ Insekten verschwinden leise und unbemerkt, die Bevölkerung bekommt das wenig mit. „Eine Ausnahme bildet eben die Stechmücke“, sagt Ewert. „Sie wird nicht so einfach ignoriert.“

Pflanzen sind auf Insekten angewiesen

Natürlich sind diese Art Krabbler auch lästig. Nicht ihr Summen und Brummen nervt, sondern ihr Stechen. Doch für die biologische Vielfalt, für die Zukunft der Ökosysteme und damit auch für unser Überleben sind Insekten unentbehrlich. „Fast 90 Prozent aller Pflanzen sind für ihre Fortpflanzung zumindest teilweise auf Insekten angewiesen. Dazu zählen viele wichtige Nutzpflanzen – die menschliche Ernährung ist abhängig von dieser Bestäubungsleistung“, sagt Kai Frobel, Sprecher des BUND-Arbeitskreises Naturschutz. Die dramatischen Folgen des Wechselspiels bestätigt auch Bernd Ewert vom Nabu-Regionalverbandes Neuruppin: „Für Singvögel und Fledermäuse beispielsweise sind Mücken als Nahrung außerordentlich wichtig. Gerade Schwalben sind auf sie angewiesen.“

Er hat es im eigenen Zuhause beobachtet: „Von ehemals 16 Brutpaaren der Mehlschwalbe haben wir aktuell nur noch zwei. Dabei werden auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Doch generell gilt: Verschwinden die Insekten, verschwinden auch die Vögel.“

Die Landwirtschaft hat die Natur ihrer Vielfalt beraubt

Gründe für den Insektenschwund gibt es einige. Die industrielle Landwirtschaft hat Deutschland eines Großteil seiner einstigen Vielfalt beraubt. Weiden, Streuwiesen oder Hecken fielen der Flurbereinigung zum Opfer. In der heutigen monotonen Landwirtschaft können Wildtiere und -pflanzen nur schwer überstehen. Agrargifte wie Glyphosat tragen maßgeblich zum Artensterben bei. Auch eine Überdüngung spielt eine große Rolle. Durch Kunstdünger und Gülle aus der Massentierhaltung gelangt viel Stickstoff in die Luft und Umwelt. Intensive Forstwirtschaft oder Kunstlicht sind ebenfalls Gift für Insekten. In einer einzigen deutschen Sommernacht etwa lassen eine Milliarde Insekten ihr Leben an Lampen. Sie verbrennen oder sterben aus Erschöpfung, erklärt der Bund in einem Beitrag.

Die Lebensbedingungen für Käfer sind kritischer geworden. Quelle: Peter Geisler

Manchmal hat das Insektensterben auch klimatische Gründe. So hat jedes fünfte Bienenvolk in Brandenburg den vergangenen Winter nicht überlebt, schätzt der brandenburgische Imkerverband. Ursache seien vor allem die schwankenden Temperaturen und ein relativ warmer Januar gewesen.

Wie aber ist nun ist das Insektensterben zu stoppen, das der Mensch vorrangig verursacht? Da ist jeder einzelne gefragt, sagt Bernd Ewert: „Jeder Garten- und Grundstücksbesitzer kann viel für die heimische Natur tun: auf Gifteinsatz verzichten, heimische blüten- und beerenreiche Stauden und Gehölze pflanzen, Nistkästen setzen, Untermieter wie Fledermäuse dulden, Wildblumenflächen anlegen.“ Wilde Ecken im Garten würden Insekten anlocken und ihr Überleben sichern, meint der Nabu-Experte.

Wieder mehr Libellenarten

Eine erfreuliche Nachricht aus der Insektenkunde gibt es: In Brandenburg geht es vielen Libellen besser, wie die aktuelle Rote Liste des Landes Brandenburg zeigt. Insgesamt 69 verschiedene Libellenarten kommen demnach in unserem Bundesland vor, deutschlandweit sind es 81.

Wer will, kann beim „Insektensommer“ des Nabu mitmachen, vom 1. bis zum 10. Juni sowie vom 3. bis zum 12. August. Bei der bundesweiten Meldeaktion werden eine Stunde lang Sechsbeiner gesichtet und gezählt, ob im eigenen Garten oder irgendwo an einem schönen Platz in der Natur. Mehr Informationen dazu unter www.nabu.de

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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