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Ostprignitz-Ruppin Karnevalsverein feiert 30. Geburtstag
Lokales Ostprignitz-Ruppin Karnevalsverein feiert 30. Geburtstag
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17:49 25.01.2018
WCC-Präsident Egbert Schröder (l.) und Gerhard Dreger erinnern sich an schöne Feste im Stadtgarten.
WCC-Präsident Egbert Schröder (l.) und Gerhard Dreger erinnern sich an schöne Feste im Stadtgarten. Quelle: Christian Bark
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Wittstock

Mehrere Ordner und zahlreiche Fotos holt Gerhard Dreger aus den Schränken seines Arbeitszimmers hervor. Beim Sichten des reichhaltigen Materials dürfte jedem Karnevalsbegeisterten das Herz aufgehen – es ist eine Zeitreise durch die 30-jährige Geschichte des Wittstocker Carneval Clubs (WCC), dessen Anfänge noch weiter zurückliegen.

Einen Pappnarren aus den 50ern hat Gerhard Dreger aus dem Stadtgarten retten können. Quelle: Christian Bark

„Schon 1954 wurde in Wittstock richtig knackiger Karneval gefeiert“, blickt Gerhard Dreger zurück. Damals sei er noch ein Schuljunge gewesen, erzählt der 76-Jährige. Die Euphorie habe er aber schon mitbekommen. Wolf Schneider, der als Torwart und Trainer beim Fußballverein Hansa Wittstock spielte, sei einer der Initiatoren gewesen. Seine Mannschaft habe unter anderem den Elferrat gestellt. „Der Karneval hatte aber damals mehr den Charakter eines Maskenballs“, erklärt Gerhard Dreger. Trotzdem sei schon in den 50ern kräftig gefeiert worden – etwas zu kräftig.

Drei Jahrzehnte Spaß und Narretei

Bereits ab 1954 wurde Karneval in Wittstock gefeiert. Damals aber noch mehr in Form eines Maskenballs. Initiator war der Fußballspieler Wolf Schneider. Nach zwei Jahren war aber schon wieder Schluss damit.

1962 wurde ein zweiter Anlauf gewagt. Der Spaß währte jedoch nur bis Mitte der 60er Jahre.

Ab 1984 wurde Fasching im Club der werktätigen Jugend gefeiert. Ein Teil dieser Truppe fand sich ab 1988 zusammen und gründete mit anderen Karnevalbegeisterten den Wittstocker Carneval Club (WCC). Am 11. November 1988 veranstalteten die Narren ihren ersten Umzug.

Bis 1994 wurde der Karneval im Wittstocker Stadtgarten gefeiert. Danach mussten die Narren auf einen Parkplatz ausweichen. In der Folge gab es wechselnde Veranstaltungsorte wie die Sporthalle der Waldring-Grundschule. Seit 2009 lockt die Karnevalsshow in die Stadthalle.

„Früher haben dafür alle blau gemacht“, erinnert sich der Wittstocker. Ganze Belegschaften erschienen nicht zum Dienst. Die SED-Führung sah sich das zweimal an, dann griff sie ein und erklärte 1956 den Karneval für abgeschafft. Doch verbieten ließ sich die Narretei in Wittstock nicht. 1962 wurde ein zweiter Anlauf gestartet, berichtet Gerhard Dreger. Mit dem Weggang der Aktiven sei aber auch dieser Versuch ab Mitte der 1960er Jahre eingeschlafen. Es folgten fast 20 Jahre „Tiefschlaf“.

In den 60ern kochte die Karnevalsbegeisterung wieder hoch. Quelle: Christian Bark

Im „Club der werktätigen Jugend“, dem heutigen Hotel „Röbler Thor“ wurde ab Anfang der 80er Jahre wieder Fasching gefeiert, wie sich Jürgen Paul erinnert. Der 62-Jährige Paul war der erste Präsident des WCC. Bis der Club aber im April 1988 gegründet werden konnte, vergingen noch vier Jahre. Der Initiative von Jana Greve, die damals im Kulturhaus arbeitete, war es mit zu verdanken, dass aus der Kostümparty richtiger Karneval wurde.

In der Zeitung las Gerhard Dreger damals die Anzeige, dass noch Mitstreiter für den Karneval gesucht wurden. Als Gründungsmitglied des WCC war der 76-Jährige von Anfang an als Büttenredner dabei. Gleich nach der ersten Session 1988 erhielt Dreger von der SED die Order, seine Büttenreden künftig den Parteifunktionären vorzulegen. Doch dazu kam es in der nächsten Session nicht mehr. Als am 11. November 1989, zwei Tage nach Fall der Mauer, die Karnevalssaison begann, hatte die Parteiführung ganz andere Sorgen.

Jürgen Paul (Mitte) war von 1988 bis 1995 erster WCC-Präsident. Quelle: Christian Bark

Die Vereinsmitglieder nutzten die neue Freiheit, um sich fortzubilden. Der WCC erhielt immer mehr Zulauf. „Gut 100 Mitglieder waren wir zur Höchstzeit“, erinnert sich Gerhard Dreger. Schon in den 80ern seien das Männerballett oder die Funkengarde gegründet worden. Bis zu 500 Gäste hätten den Karneval jährlich besucht. Als der Verein 1994 nicht mehr im Stadtgarten feiern konnte, habe man kurzfristig ein Zelt auf dem Parkplatz eines Einkaufsmarktes aufgestellt. „Es war kalt, doch die Leute kamen in Scharen“, so der Büttenredner.

Vom Stadtgarten in die Stadthalle

Dann habe der Karneval in verschiedenen Veranstaltungsorten stattgefunden. Unter anderem im Speisesaal des ehemaligen Obertrikotagebetriebs (OTB), in der Sporthalle der Waldring-Grundschule und schließlich in der um die Jahrtausendwende errichteten Wittstocker Stadthalle. Dort lädt der WCC bis heute zur großen Gala und am Folgetag zum Kinderkarneval.

Mit seinen „Freien Spitzen“ schießt Gerhard Dreger immer mal gern gegen Politik und Gesellschaft. Quelle: Christian Bark

Wie viele Karnevalsvereine in der Prignitz hat auch der Wittstocker in der Vergangenheit Höhen und Tiefen durchlebt. „Uns fehlt die Generation 20 Plus“, sagt der amtierende WCC-Präsident Egbert Schröder. Nach der Schule würden viele junge Karnevalisten aus Wittstock wegziehen. „Wer einmal beim Karneval war, kommt wieder“, sagt Gerhard Dreger. In den vergangenen Jahren hätten immer wieder Rückkehrer beim WCC angefangen. Derzeit sind 60  Narren im Verein aktiv. Die Tendenz gehe leicht nach oben.

Auch der 30. Geburtstag ist für den WCC eine Gelegenheit, neue Mitglieder zu werben. „Auch wenn ein runder Geburtstag streng genommen kein närrisches Datum ist“, wie der WCC-Präsident sagt. Dennoch wolle man die vergangenen drei Jahrzehnte feiern. Und dann, zum närrischen 33. Geburtstag, abermals auf die Pauke hauen.

Einen guten Anfang dafür sieht Egbert Schröder darin, dass der Karnevalsauftakt im vergangenen Jahr wieder zahlreiche Menschen auf den Wittstocker Marktplatz gezogen hat. Und auch Gerhard Dreger will seinem WCC treu bleiben, wenn er aktuell auch keine Büttenreden mehr selbst hält, sondern nur noch schreibt und die Chronik des Vereins gestaltet. Zu der gehören übrigens auch die „Wittstocker Freien Spitzen“. Die verfasst Gerhard Dreger jedes Jahr und greift dort humorvoll, aber auch kritisch Umstände auf. Zum Beispiel hofft er, dass Wittstocks Bürgermeister Jörg Gehrmann in diesem Jahr beim Karneval am 10. Februar dabei ist. „Das wäre ein wichtiges Signal an uns von der Stadt“, so der 76-Jährige.

Eine sehenswerte Filmdokumentation zum WCC anlässlich seines 10. Geburtstags vor 20 Jahren gibt es hier.

Von Christian Bark