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Kyritz Als sich 1989 beim Montagsforum 1700 Leute ins Kulturhaus drängten
Lokales Ostprignitz-Ruppin Kyritz Als sich 1989 beim Montagsforum 1700 Leute ins Kulturhaus drängten
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09:40 05.11.2019
So berichtete die Märkische Volksstimme am 1. November 1989. Quelle: Matthias Anke
Kyritz

Zeitzeugenabende in Kyritz sind Teil einer Veranstaltungsreihe zu der deutschen Wiedervereinigung. Es geht um den jetzt 30 Jahre zurückliegenden Fall der Mauer. Wer die Wochen und Monate um das geschichtsträchtige Datum 9. November 1989 miterlebte, braucht keine Archive, um sich die Geschehnisse im Wendejahr in Erinnerung zurück zu rufen.

Eine der Facetten des gewaltfreien Wandels waren die Montagsforen in Kyritz, bis dato nicht gekannte Bürgerversammlungen, zu denen SED und Staatsapparat aufriefen. Wie sich das über Monate gestalten sollte, wusste keiner. Erfahrungswerte gab es nicht.

Über „jedes Problem“ sollte diskutiert werden

Auf der Skala der Gefühle und tatsächlichen Ereignisse wurden dann Montag für Montag alle Kategorien bedient. Sie reichten von „moderat“ über „temperamentvoll“ und „gehässig“ bis „verbittert“ und „dramatisch“. In Kyritz war am 30. Oktober 1989 das KreiskulturhausWilhelm Pieck“ Austragungsort für die Premiere. Eingeladen über die Tageszeitung „Märkische Volksstimme“ (die heutige Märkische Allgemeine) hatten die Spitzen der führenden Partei SED, der Kreisverwaltung Kyritz, der Chef der kreislichen Plankommission, der Kreisarzt und der Kyritzer Bürgermeister. Willkommen sein sollten „alle Bürgerinnen und Bürger“. Es werde „über jedes Problem diskutiert“, so das Versprechen.

Unmut über Misswirtschaft

Aus heutiger Sicht darf als sicher gelten, dass keiner von den Unterzeichnern der Einladung wusste, worauf er sich da einließ, besser: einlassen musste. Denn auch in Kyritz machte sich der Unmut breit über Misswirtschaft und staatlich verordnete Gängelei, Reiseverbote und Überwachung, Privilegien Einzelner und Mangelerscheinungen bei der breiten Masse.

Schon seit Wochen zog es Menschen in die Kirchen von Kyritz, Neustadt und Wusterhausen. Hier gab es Gelegenheit, Demokratie einzufordern, Unzufriedenheit mit dem System zu artikulieren. Die SED-Spitze wusste, worüber in den Gotteshäusern gesprochen, wofür gebetet wurde. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte seine Leute platziert. Opposition unterm Kreuz? Das durfte nicht sein.

Die Arroganz der Macht

Im Bewusstsein, die vielbeschworene führende Rolle verloren zu haben, sollte nun auf vermeintliche Bürgernähe gesetzt werden. Dabei war die Initiative, die schon von der Straße ausging, zurück zu gewinnen. In der SED-Kreisleitung glaubt man sicher, dass dies gelingen würde. Die Arroganz der Macht, gepaart mit fehlendem Unrechtsbewusstsein erweist sich dann aber als ganz dünnes Eis bei der ersten Begegnung dieser Art vom Volk mit seiner Regierung.

Der große Saal des Kulturhauses hatte noch nie so viele Besucher wie am Abend des 30. Oktober. Um 19 Uhr soll das Forum beginnen. Wer eine halbe Stunde vorher kommt, muss sich schon vor dem Eingang durch Menschenscharen drängeln. Im Foyer dasselbe Bild. Der Redakteur der „Märkischen Volksstimme“ (MV) schafft es nur mit Mühe bis aufs Saalparkett. Auch hier kann kein Löschblatt mehr zur Erde fallen.

1700 Frauen und Männer im Kulturhaus

Alle Türen zum Saal sind geöffnet. Dennoch ist die Luft schlecht und verbraucht. Später ist die Rede davon, dass etwa 1700 Frauen und Männer im Haus und davor über Stunden ausgeharrt haben. Was drinnen gesprochen wird, ist draußen unmöglich zu verstehen. Dennoch weicht kaum einer.

Auf der Bühne ist eine lange Tischreihe aufgebaut. Vielleicht dämmert es den Protagonisten schon – sie haben sich wie zu einem Tribunal versammelt. Schon optisch ist erkennbar, was eigentlich anders dargestellt werden sollte: Wir hier oben, ihr da unten!

Anklagen an „die da oben“

Die Einleitung der Versammlung ist eine Aneinanderreihung von Banalitäten. Die Worte erreichen die Masse nicht. Sie hat genug von Worthülsen, geschönten Zahlen und Ergebnissen spitzgerechneter Planerfüllungen. Die Menschen wollen endlich ohne Scheu reden, möchten Gehör finden. Zu viel hat sich über Jahrzehnte angestaut.

Im Saal stehen zwei Mikrofone. Ein Mann, augenscheinlich nicht ganz nüchtern, nimmt als Erster das Wort. Öffentlich zu reden fällt ihm schwer. Aber jetzt hat er was zu sagen. Dabei bricht ihm die Stimme. Er weint. Dennoch gelingt es ihm, Rechenschaft einzufordern vom Staat, der ihn einst wegen eines Ulbricht-Witzes ins Gefängnis steckte. Der Vorwurf geht hier freilich an die Falschen, heizt aber die Stimmung weiter an.

Das Ventil ist offen. Persönliche Vorwürfe, sich beim Hausbauen beziehungsweise beim Kauf bereichert zu haben, erreichen den SED-Chef und den Ratsvorsitzenden. Die Anschuldigungen stehen unbewiesen im Raum. Rechtfertigungen werden als kläglich empfunden.

Ein politisch Gefangener berichtet von seiner Inhaftierung

Emil Kort aus Kampehl, ebenfalls politischer Gefangener in der Zeit des Stalinismus, berichtetet von seiner Inhaftierung. Er fordert Entschädigung. Der katholische Pfarrer Konrad Thorwesten prangert an, dass christliche Gesinnungen unterdrückt werden. Er spricht sich für regulären Religionsunterricht aus.

Kaum ein Thema bleibt ausgespart. Fehlende Reisefreiheit kommt ebenso zur Sprache, wie die gerechtere Vergabe von Bauplätzen im Kreis und die Angebote in den Geschäften. Nach vier Stunden ist ein völlig überfordertes selbsternanntes „Präsidium“ für diesen Montag endlich erlöst. Das Versprechen, es werde am kommenden Montag eine Fortsetzung geben, begleitet alle nach Hause.

Das Manöver schnell durchschaut

Eine ähnliche Peinlichkeit wie am 30. Oktober will sich der „Apparat“ sieben Tage später ersparen. Die MV berichtet am 3. November „Nächstes Montagsgespräch gleich an vier Stellen der Kreisstadt“. Der Veranstalter, es ist der Rat des Kreises, beruft sich auf „zahlreiche Wünsche“, den Abend zu splitten. Die große Zahl der Anwesenden bei der Premiere habe einen fruchtbringenden Gedankenaustausch „nur unzureichend“ zugelassen. Deshalb gebe es nun gleich vier Gesprächsrunden.

Das Ziel ist klar: Die Teilnehmer am Montagsforum sollen überschaubar aufgeteilt werden. So kommt es. Geredet wird im Kulturraum des VEB Gebäudewirtschaft über „Die Stadtbebauung von Kyritz“. Im Speiseraum der Lotte-Pulewka-Schule geht es um „Jugend, Kultur und Sport“. „Die Gesundheitspolitik“ liefert das Thema im Kulturraum der Kreispoliklinik. Schließlich wird auch der Kulturraum der PGH Autodienst in der Kyritzer Poststraße als Tagungsort auserkoren. „Die Straßenführung in der Kreisstadt“ gilt hier als Motto.

Geharnischte Proteste

Natürlich ist es kein Zufall, dass alle vier Diskussionen zur selben Zeit beginnen. Die Methode, die Menschenmasse zu sprengen, ist schnell durchschaut. Geharnischte Proteste, auch über die Zeitung verbreitet, führen dazu, dass in den künftigen Wochen immer montags nur noch an einem Ort gestritten wird – im KreiskulturhausWilhelm Pieck“.

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