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Kyritz Bei dieser Kyritzer Stammtischrunde sind sie alten Geschichten auf der Spur
Lokales Ostprignitz-Ruppin Kyritz Bei dieser Kyritzer Stammtischrunde sind sie alten Geschichten auf der Spur
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16:43 27.11.2019
Beim Zeitzeugenstammtisch in Kyritz erzählte diesmal Christine Paethau von ihrem Vater und Großvater. Quelle: Matthias Anke
Kyritz

Goldsucher entlang der Kyritzer Seenkette? Auf der Jagd nach versenkten Kisten, die zudem auch voller Kunstwerke stecken, die aus Herrmann Görings legendären Anwesen Carinhall in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs fortgeschafft worden sein sollen?

Herbert Brandt, seines Zeichens Feuerwehr- und Stadthistoriker von Kyritz, muss lachen. „Ich konnte die Dame aus Bayern nicht davon abhalten, sie wollte sich unbedingt die Gegend angucken kommen“, berichtet Brandt über das kuriose Treffen von vor einigen Tagen. Nun will er beim Zeitzeugenstammtisch davon berichten.

Immer weniger, die sich erinnern können

Auf diesem Tisch stehen Kaffeetassen statt Biergläser. Ein Buch, Manuskript vielmehr, liegt daneben. „Entstehungs- und Besiedlungsgeschichte der Dosse-Jäglitzregion“ lautet der Arbeitstitel. Mitgebracht von Manfred Teske aus Wusterhausen. „Ich hoffe, dass ich das noch schaffe, es herauszubringen“, sagt der 80-Jährige. Er ist zum dritten Mal dabei, hat seinen Nachbar und ebenso „Heimatfreund“ Günter Lutter mitgebracht. Der ist 77, so alt wie Herbert Brandt, der diesen Stammtisch initiierte.

„Es werden ja immer weniger, vor allem jene, die sich an die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Kyritz und Umgebung erinnern“, sagt der Kyritzer. So dränge die Zeit, ihr Wissen für die Nachwelt festzuhalten. „Wir wollen das Wissen sammeln, es nicht verloren gehen lassen.“ Gerade nach 1945 und in den Folgejahren bis 1950 sei viel passiert, worüber es kaum bis gar keine Aufzeichnungen gibt.

Beim jüngsten Stammtisch in Kyritz drehte sich auch viel um alte Heimatkalender, in denen etliche Infos aus der Region von anno dazumal stecken. Quelle: Matthias Anke
Beim jüngsten Stammtisch in Kyritz drehte sich auch viel um alte Heimatkalender, in denen etliche Infos aus der Region von anno dazumal stecken. Quelle: Matthias Anke

Ein Protokoll führt dennoch niemand dieser Runde. Noch nicht. Erst vier Mal kamen Gäste zu den Treffen. Zunächst sahen sie sich in einem Café, in dem es für Gespräche jedoch zu laut war, und nun im Veranstaltungsraum der Stadtbibliothek in Kyritz. Ziel ist es, dorthin alle zwei Monate für den Dienstag in der Monatsmitte einzuladen.

Auf dem Tisch liegen jetzt auch mehrere Jahrgänge eines Heftes mit dem Titel „Heimatkalender für die Kreise Ost- und Westprignitz“. Darunter 1931, 1933, 1934, herausgegeben in Pritzwalk und voller Geschichten aus der Region samt hochinteressanter Werbeannoncen von Firmen auch aus Meyenburg, Wittstock und Kyritz. Die Knatterstadt war von 1817 bis 1952 der Verwaltungssitz für den Großlandkreis Ostprignitz.

Der Begründer des DRK Kyritz

Einer liest vor, wo an welchen Tagen 1933 Märkte stattfinden und was die Tabelle der damals gültigen „Post- und Telegraphengebühren“ besagt. Die Zeit verfliegt.

Christine Paethau kommt dazu. Die 64-Jährige berichtet, dass sie kürzlich mehrere Alben voller Fotos und Dokumente ihres Vaters, die er seit Mitte der 1950er Jahre sammelte, dem KMG-Klinikum überreichte. „Weil die Unterlagen dorthin passen“, sagt sie. Schließlich war Vater Emil Meier jahrelang beim Deutschen Roten Kreuz in Kyritz tätig.

Mehr noch: Emils Vater Albert als Mitglied in der „Freiwilligen Sanitätskolonne Kyritz im preußischen Landesverein vom Roten Kreuz“ als Fuhrunternehmer in der Knatterstadt als „Asche-Meier“ bekannt, gilt als Begründer des DRK in Kyritz.

Neue Bücher zur Heimatgeschichte als Thema

Christine Paethau muss wieder los. Die Runde bleibt an diesem Tag klein. Bei den vorhergehenden Treffen war eine 82-jährige Falkenseerin dabei, berichtet Brandt. Sie ist gebürtige Kyritzerin und hier oft bei ihrer Tochter zu Besuch. „Sie konnte schon vieles erzählen, das wir noch nicht kannten“, so Brandt.

Dafür holt Teske nun das nächste Buch aus seiner Tasche. Es ist die gedruckte, von ihm zusammengetragene Chronik über den Kyritzer Ortsteil Rehfeld. „In zweiter Auflage“, betont er. Die erste war schon im Erscheinungsjahr 2017 sofort vergriffen.

Auch über Herbert Brandts neues „Postkartenbuch“ tauschen sie sich aus. Die Kyritzer Straßennamen stehen im Mittelpunkt. Ganz nebenher wird Stadtgeschichte erläutert anhand der alten Ansichtskarten und neuen Bilder. „Tolle Sache“, sagt Teske: „Ohne Deinen Einsatz hätte es so etwas für die Stadt doch nie gegeben.“

Als Stalins Sohn in Kyritz wohnte

Unwillkürlich kommen sie dann doch wieder auf 1945 zu sprechen und die folgende Zeit, in der vieles aus Deutschland „nach Moskau“ verbracht wurde. Das Jagdzimmer aus Schloss Ganz zum Beispiel.

Während dort heute noch sämtliche Räume eine prächtige Holzvertäfelung aufweisen, sei einer komplett ausgebaut und ausgeflogen worden – von einem russischen Generalmajor und Jagdflieger namens Wassili Dshugaschwili. Der soll seinerzeit in einer Stadtvilla an der Seestraße/Ecke Lessingstraße untergebracht gewesen sein und war bekannt als jüngster Sohn Josef Stalins.

Und die unzähligen Bilder aus der Kunsthalle Bremen, die einst ins Schloss Karnzow gebracht, eingemauert und am Ende doch gefunden wurden? Einiges kehrte erst vor wenigen Jahren zurück nach Bremen, vieles bleibt verschwunden.

Nächstes Treffen in zwei Monaten

Karnzow. Die Kyritzer Seenkette. Schatzsucher. Teske winkt ab. Er und sein Nachbar wollen noch weiter, nach Pritzwalk, wo es in einem Vortrag um einen echten, dort derzeit ausgestellten Schatz geht, um Münzen aus Altlandsberg.

Um Kyritzer Geschichte dreht sich in der Bibliothek erst wieder in zwei Monaten alles. Mit wahrscheinlich wieder neuen Gesichtern am Stammtisch.

Von Matthias Anke

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