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Kyritz Feuerdrama vor 15 Jahren im Stadtzentrum
Lokales Ostprignitz-Ruppin Kyritz Feuerdrama vor 15 Jahren im Stadtzentrum
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00:21 10.02.2019
Mehr als 60 Feuerwehrleute aus Kyritz und allen Ortsteilen stemmten sich am 8. Februar 2004 den Flammen entgegen. Quelle: Archiv Wolfgang Hörmann
Kyritz

Jeden Abend macht er seine Runde. Der Mann geht mit Hündin „Nina“ Gassi, weitläufig einmal ums Rathaus. Es ist nasskalt an diesem 8. Februar 2004. Gegen 20 Uhr biegen Hund und Herrchen in die Prinzenstraße ein. Sie ist menschenleer. Kyritz hat sich an diesem Sonntag in seine warmen Stuben verkrochen. Überall schimmern bläulich-bunte Wackelbilder von den Fernsehern durch die Fenster. Eine Straße döst vor sich hin.

Keine halbe Stunde soll mehr vergehen, bis es hier zum Inferno kommt. Schauplatz ist das Mehrfamilienhaus in der Maxim-Gorki-Straße 6. Dachdeckermeister Heinz-Joachim Mertens traut seinen Augen nicht, als er nach der Tagesschau die Rollos im Wohnzimmer herunterlässt. Aus der Haustüröffnung genau gegenüber schießt eine Stichflamme. Es lodert auch aus den Fenstern des schmalen Hauses.

Retter richten eine ambulante Versorgungsstelle ein

Zehn Minuten später ist die Kyritzer Feuerwehr vor Ort, fast zeitlich mit dem Rettungsdienst. Jetzt spielen sich dramatische Szenen ab. Menschen schleppen sich aus dem Haus. Vor dem Eingang der ehemaligen Zeitungsredaktion vis-à-vis wird eine ambulante Versorgungsstelle eingerichtet. Leichtverletzte erhalten hier Erste Hilfe.

Die Frau, die in panischer Angst aus einem Fenster im 1. Stock des Hauses gesprungen ist, kommt mit Brüchen an Arm und Bein sofort ins Krankenhaus. Rauchvergiftungen und Brandwunden sind bei zwei anderen Bewohnern zu beklagen. Alle fünf Mieter und der Hauseigentümer müssen ebenfalls stationär behandelt werden.

Feuerwehren pumpen unentwegt Wasser ins Haus

Die Kyritzer Feuerwehr hat derweil Unterstützung aus den Ortsteilen bekommen, die Polizei von Kollegen aus Wittstock und von der Autobahn. Drei Straßen sind nun voll gesperrt. Die Wehren pumpen Wasser in das brennende Haus, fast zwei Stunden lang.

Als einer der Schläuche platzt, reißt es Einsatzleiter Meinhard Giese von den Beinen. Mit gebrochenem Ellbogen muss er ebenfalls ins Krankenhaus. Frank Brüggemann, selber verletzt, lässt sich vor Ort verarzten und übernimmt das Kommando.

Brandschützer stürzt von einer Steckleiter

Die Uhr zeigt auf halb elf als seine Männer versuchen können, in das Gebäude vorzudringen. Enrico Felsch, 21-jähriger Feuerwehrmann, stürzt dabei von einer Steckleiter. Den vielen Kyritzern, die das Geschehen mittlerweile von der anderen Straßenseite verfolgen, stockt der Atem. Nicht alle von ihnen sind nur da, um zu gucken. Etliche packen auch zu.

Die Maxim-Gorki-Straße 6 heute. Quelle: Wolfgang Hörmann

Die Nachbarhäuser der Nr. 6 sind vorsorglich evakuiert worden. Bewohner bekommen vorübergehend in der Umgebung Quartier. Andere Frauen und Männer helfen, Verletzte, die teilweise unter Schock stehen, zu betreuen.

Die damalige Kyritzer Ordnungsamtsleiterin Sigrid Schumacher hat die schreckliche Nachricht vom Geschehen in Kyritz im heimischen Lohm erhalten und ist sofort nach Kyritz gefahren. Sie arbeitet nun mit Polizei und Einsatzleitung zusammen.

Bewohner und Besucher befanden sich im Haus

Auf einer Liste stehen die Namen all derer, die sich im Unglückshaus aufgehalten haben sollen. Außer den Bewohnern gab es mehrere Besucher. Schon vor Mitternacht steht fest: Zwei Menschen werden vermisst. Die Ahnung steigt: Es könnte Tote gegeben haben.

Auch Bürgermeister Hans-Joachim Winter erfährt davon, als er zum Unglücksort kommt. Hier versorgen eine Stunde vor Mitternacht Ehefrauen der ­Kyritzer Feuerwehrleute ihre Männer mit heißen Getränken. Bürgermeister Winter organisiert Verpflegung aus der Gaststätte „Waidmannsheil“ in Lellichow und vom Autorasthof Herzsprung.

Erst am frühen Morgen ist das Feuer unter Kontrolle

Da ist es schon längst früher Morgen. Das Feuer ist erst jetzt unter Kontrolle. Suchtrupps mit Atemschutzmasken sind bei ihrer Arbeit. Gegen 5 Uhr früh dann die erste grausige Entdeckung: Im Anbau des Hauses werden zwei Tote gefunden.

Sachverständige des Landeskriminalamtes sind auch Montag im Brandhaus. Sie bergen gegen 13 Uhr ein weiteres Opfer. Bei dem Großbrand in der Maxim-Gorki-Straße 6 sind am Freitag vor 15 Jahren eine 28-jährige Frau, ihr Bruder aus Polen und ein 50-jähriger Mann ums Leben gekommen. Acht Menschen erlitten Verletzungen.

Polizei gibt schnell die Brandursache bekannt

Es dauert nur noch einen Tag, bis die Polizei die Ursache des Feuers bekannt gibt. Ein Neunjähriger hat mit einem brennenden Feuerzeug in einen mit Benzin gefüllten Plastikkanister „hineingeleuchtet“ und die Katastrophe ausgelöst. Eigene verzweifelte Löschversuche bleiben ebenso erfolglos, wie das Bemühen Erwachsener, die Flammen mittels einer Schaumstoffauflage zu ersticken.

Einsatz dauerte 19 Stunden

Bei einem Unglückdieser Art sprechen Fachleute von einem „Flash­over“. Das ist der englischsprachige Begriff für den Teil innerhalb eines Brandereignisses und bezeichnet den schlagartigen Übergang eines Schadenfeuers (zum Beispiel Zimmerbrand) von der Entstehungs- hin zur Vollbrandphase. Dieser Vorgang ereignet sich zumeist sehr rasch über den gesamten Brandraum.

Der Einsatzder Feuerwehren in der Maxim-Gorki-Straße 6 dauerte inklusive Brandwache am nächsten Tag 19 Stunden und 34 Minuten. Das weist die exakt geführte Dokumentation über das Brandereignis aus.

Frank Brüggemann, damals Kyritzer Ortswehrführer, ist seit dem 1. Januar dieses Jahres Stadtbrandmeister und damit Nachfolger von Meinhard Giese, der sich nun im Ruhestand befindet.

Alles wurde nur noch schlimmer. Zwei weitere ebenfalls mit Kraftstoff gefüllte Behälter – insgesamt 85 Liter – verpuffen explosionsartig. Wie durch ein Wunder wird der Junge kaum verletzt.

„Sterntaler“-Hilfsaktion gestartet

Am Sonntag nach der Tragödie gibt es in der Sankt Marienkirche einen ökumenischen Fürbitt-Gottesdienst. Mehr als 200 Kyritzer nehmen daran teil. Die Kollekte von 800 Euro geht auf ein Spendenkonto, das die MAZ eingerichtet hat. Es gehört zur „Sterntaler“-Hilfsaktion, die ansonsten immer nur vor Weihnachten Bedürftigen etwas Wärme spendet. Sie wird für zwei Wochen als Sonderaktion geführt.

Als sie zu Ende ist, brennen vor dem Haus in der Maxim-Gorki-Straße noch immer Kerzen. Blumen sind inzwischen verwelkt. Die Spenden der Leser in Höhe von 4400 Euro kommen ebenfalls den Angehörigen der Brandopfer zugute.

Nachspiel vor Gericht

Die Katastrophe hat ein gerichtliches Nachspiel. Ein 34-Jähriger Mann, der die Behälter mit Kraftstoff in einem Abstellraum neben seiner Küche gelagert hatte, ohne ihren Inhalt gekennzeichnet zu haben, wird im Dezember vom Neuruppiner Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen und fahrlässiger schwerer Brandstiftung zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Damit entsprach das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Von Wolfgang Hörmann

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